# taz.de -- Darbende Einkaufsstraßen und Corona: 800 Meter Tristesse
       
       > In der Osnabrücker Johannisstraße gab es schon vor der Pandemie viel
       > Leerstand. Wie soll es an einem solchen Ort weitergehen?
       
 (IMG) Bild: Fast menschenleer und das schon vor der Pandemie: die Osnabrücker Johannisstraße im Februar
       
       Osnabrück taz | „Vorübergehend geschlossen“: Solche Schilder hängen seit
       dem Ausbruch der Coronapandemie überall an verrammelten Türen von
       Geschäften. Und auch wenn der Shutdown nun langsam gelockert wird, sind die
       wirtschaftlichen Folgen überall enorm. Was aber macht die Zwangspause mit
       Orten, die schon zuvor mit Pleiten und Leerstand gekämpft haben? Orten wie
       der Johannisstraße in Osnabrück?
       
       Sie ist knapp 800 Meter lang, benannt nach der Kirche auf halber Strecke,
       eine der Hauptradialen der Stadt. Die Straße ist eng und es ist laut. Bus
       reiht sich an Bus, die meisten davon husten Dieselabgase. Viel Grün ist
       Baumaßnahmen zum Opfer gefallen, der Rest ist spärlich. Das Flickwerk der
       Fahrbahndecke zeugt von Fehlplanung. Vor dem Supermarkt und einer
       Beratungsstelle der Caritas kreisen Flaschen. Müll ist ein Problem.
       
       Besonders auffällig sind die vielen Leerstände. Überall sind Schaufenster
       mit Zeitungen und Packpapier beklebt oder hängen Schilder, die über
       Räumungsverkäufe informieren. Modeläden, das alte Hotel oder die Apotheke
       sind längst dicht.
       
       Die Geschäfte, die sich hier halten können, zumindest für einige Zeit, sind
       Handyläden, Wettbüros, Euro-Shops, Imbisse und ein paar altbackene Kneipen
       wie die „Ewige Lampe“. Hier ein Spielsalon, dort ein Goldankauf, ein
       Nagelstudio, ein Callshop. Dazwischen finden sich Exoten wie das Büro des
       SPD-Europaabgeordneten Tiemo Wölken und ein etwas weltfernes Antiquariat.
       
       ## Ständige Bauarbeiten
       
       Auch das Sozialkaufhaus „Jonathans Laden“liegt hier. Wer das Kaufhaus in
       der Johannisstraße 88 betritt, kommt in eine hübsch arrangierte Welt. Möbel
       und Kleidung gibt es in dem sozialen Kaufhaus, Bücher und Kinderwagen,
       Geschirr und Spielzeug. Bedürftige kommen, dazu Gutverdiener, die
       Solidarität zeigen wollen. Wochenlang war das Kaufhaus wegen Corona
       geschlossen, jetzt hat es wieder geöffnet.
       
       „Die Situation stellt uns vor extreme Probleme“, sagt Geschäftsführer
       Johannes Bösken. „Schon vorher war es schlimm; die ständigen Bauarbeiten
       hier in der Straße haben uns seit 2018 ein Drittel unserer Einnahmen
       gekostet.“ Viele seiner Mitarbeiter sind Langzeitarbeitslose, die hier fit
       gemacht werden für den Arbeitsmarkt. Wie sie während des Shutdowns ihre
       Tage verbracht hätten, weiß er nicht. „Das bedrückt schon.“
       
       Doch die Pandemie ist hier nur ein neuer Tiefpunkt: An einem Tag im Februar
       macht Joachim Ingenhaag seine Ladentür zu, um den Verkehrslärm
       auszusperren. „Schlimmer geht’s nicht“, sagt er und wirkt dabei sehr müde.
       Kein Kunde hat sich in das halbdunkle Zoofachgeschäft „Aquarium Botia“ an
       der Johannisstraße 15 verirrt. Wahrscheinlich kommen heute auch keine mehr.
       
       „Früher war das alles anders“, sagt Ingenhaag. „Man kannte sich, die Straße
       hat gelebt, es gab Laufkundschaft. Aber seit Jahren geht es nur noch
       bergab.“
       
       Im April musste Ingenhaag seinen Laden dicht machen, nach 20 Jahren. „Dass
       hier alles den Bach runtergeht, hat viele Ursachen. Aber der Hauptfehler
       liegt bei der Politik. Geplant haben die hier ohne Ende, aber passiert ist
       nix“, sagt Ingenhaag. Stattdessen wechselten die Läden alle paar Monate.
       „Das geht oft so schnell, da weißt du gar nicht, wer da überhaupt drin
       ist.“
       
       ## Sofortprogramm mit wenig Effekt
       
       Der Osnabrücker Rat, dem Oberbürgermeister Wolfgang Griesert (CDU)
       vorsteht, hat im vergangenen Herbst ein Sofortprogramm beschlossen. Die
       Grünen hatten sich dafür eingesetzt, dass die leerstehenden Geschäfte von
       Künstlern oder Pop-Up-Stores genutzt werden können, bis sie wieder
       vermietet werden. Ein Leerstandsmonitoring soll jetzt eingeführt, Maßnahmen
       gegen den Vandalismus umgesetzt werden. Auch die „Prüfung weiteren
       Stadtgrüns“ verspricht ein Sachstandsbericht der Stadt.
       
       Passiert ist wenig. Die Stadt hat neue Bänke und Blumenkübel aufgestellt.
       Und: Man werde „die Anbringung der für den Endausbau der Straße
       vorgesehenen Hängeleuchten vorziehen“, sagt Sven Jürgensen, Sprecher der
       Stadt. Zudem erarbeite die Stadt „einen Anforderungskatalog für ein
       integriertes Quartiersmanagement, das vor der Sommerpause den Ratsgremien
       vorgelegt werden soll“.
       
       Aber das alles zieht sich. „Wir Grüne“, sagt Volker Bajus, „sind
       enttäuscht“. Die Johannisstraße sei „selbsternannte Chefsache“ des
       Oberbürgermeisters, aber: „Hier sieht es zurzeit eher nach Chefversagen
       aus.“ Ein paar Blumenkübel seien noch kein Sofortprogramm.
       
       ## Stadtbaurat setzt auf Eigeninitiative
       
       Die Folgen des Shutdowns sieht Bajus „mit großer Sorge“: „Die jetzt
       geschlossenen Geschäfte und Gastronomiebetriebe hatten es vorher schon
       nicht leicht. Die Straße nach der Krise wieder zum Leben zu erwecken, wird
       sehr schwer.“
       
       Stadtsprecher Jürgensen sieht das anders: „Davon, dass hierdurch größere
       Auswirkungen als in anderen Straßen der Stadt zu erwarten sind, kann nicht
       ausgegangen werden.“ Zwar habe sich die Kundenfrequenz verringert. Aber:
       „Durch die nach wie vor regelmäßig verkehrenden Busse, den geöffneten
       Lebensmitteleinzelhandel, die Kioske und die gastronomischen Betriebe, ist
       die Straße derzeit deutlich belebter als andere Bereiche der
       Fußgängerzone.“
       
       Die Stadt hofft, dass für generelle Besserungen weitere Impulse von den
       Geschäftsinhaber selbst kommen: „Viel hängt ja auch von der Eigeninitiative
       der Anlieger ab, der Kaufmannschaft. In anderen Straßen Osnabrücks haben
       wir gesehen, wie wunderbar das funktioniert“, sagt Stadtbaurat Frank Otte.
       
       ## Redebedarf im Zeitschriftenladen
       
       Inhaber wie Ingenhaag finden das absurd. Wenn sie vorher schon nicht die
       Möglichkeiten hatten, eine Wiederbelebung der Straße zu bewirken, wie soll
       das erst nach der Pandemie klappen?
       
       Einer der wenigen, die den Standort loben, ist Michael Garstka,
       Geschäftsführer des Oldenburger Projektentwicklers „List Develop
       Commercial“. Garstka will dort, wo lange ein großes Modegeschäft leer
       stand, bis 2021/22 einen fünfgeschossigen Neubau entstehen lassen: mit
       Hotel, Longstay-Apartments, Gastronomie, Handel. Das werde „beleben“.
       
       Jochen Heidenreich, der vor seinem kleinen Laden an der Johannisstraße 86
       steht, teilt diesen Optimismus nicht. „Die Straße verkommt“, sagt er.
       Heidenreich verkauft Zeitungen, Tabak und Getränke, stellt Lottoscheine
       aus. Viele, die zu ihm kommen, kommen auch zum Reden.
       
       ## Hoffnung auf E-Busse
       
       Er kennt das Viertel seit seiner Kindheit; schon sein Großvater hatte hier
       einen Laden. Die neuen Sitzgelegenheiten? Heidenreich kann sich noch an die
       alten erinnern: „Die hat die Stadt damals extra abmontiert, um die
       Junkieszene loszuwerden.“
       
       Und dann der Busverkehr. Raus damit, sagt die FDP, plädiert für eine
       Fußgängerzone. Muss bleiben, sagt das Gros der Kaufmannschaft, bringt uns
       ja Kunden. Drinlassen, sagt auch Die Linke, aber vielleicht reduziert. „So
       geht das seit Ewigkeiten“, sagt Heidenreich. „Hin und her, her und hin. Nie
       hat man Planungssicherheit.“
       
       Es ist diese „völlige Konzeptlosigkeit“, die ihn am meisten ärgere.
       Trotzdem gebe es Lichtblicke. Etwa, dass die Stadt jetzt verstärkt auf die
       ruhigeren E-Busse setze. Aber dass es vermutlich bis 2021 dauert, bis die
       Straße neu gepflastert wird, nervt ihn: „Wieder ein verlorenes Jahr“, sagt
       Heidenreich und zahlt dann einer Stammkundin 12,60 Euro Los-Gewinn aus. Ein
       kleines bisschen Glück.
       
       28 Apr 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Harff-Peter Schönherr
       
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