# taz.de -- Oktoberfestabsage wegen Corona: Rausch und Gaudi
       
       > Das Oktoberfest findet diesen Herbst nicht statt. Unseren Autor trifft
       > das herb. Er erinnert sich gern an seine Wiesn-G’schichten zurück.
       
 (IMG) Bild: Das Fest der Räusche muss leider ausfallen: Oktoberfest 2020
       
       „Gel, das ist der Kronawitter“, hat der kleine Andreas seinen Vater
       gefragt, der ihn mitgenommen hatte, um zuzuschauen, wie die Prachtgespanne
       [1][der Brauereien], mit denen die Wirte vor dem ersten Anstich auf die
       Theresienwiese führen, auf ihren Einsatz vorbereitet wurden.
       
       Der Kronawitter war damals Oberbürgermeister in München und als solcher
       wurde er auch mit einer Pferdekutsche zur Wiesn gezogen. Der Einzug der
       Wiesnwirte war ein festes Ritual in der Familie und eines der wenigen, in
       denen der Vater vom Andreas eine Hauptrolle spielte. Einmal hat es
       geschneit zum Wiesnauftakt. Es hat dem Buben nichts ausgemacht.
       
       „Genau, der Kronawitter“, hat der Vater an jenem Tag gesagt, und gemeinsam
       haben sie sich gefreut, wenn ihnen Richard Süßmeier zugewunken hat. Der
       kleine Mann und Großgastronom war damals Sprecher der Wiesnwirte und galt
       als lustiger Mann. Er verlor dann sein Wiesnzelt, weil er Ausländer schwarz
       für sich schuften ließ. Jeder wusste, dass die anderen Wirte das auch
       taten. Warum denen trotzdem nicht auf die Finger geschaut wurde, war
       jahrelang Thema in der Stadt.
       
       Süßmeier hatte sich über einen jungen Lokalpolitiker namens Peter Gauweiler
       lustig gemacht, der mit dem Maßband in der Hand für besser eingeschenkte
       Krüge kämpfte. Münchner G'schichten.
       
       ## Erst ein Rausch, dann viele Räusche
       
       Auf der Wiesn dann durfte der kleine Andreas „Blauer Enzian“ fahren. Mehr
       wollte er gar nicht, Die große Achterbahn war seine Sache nicht. Gebrannte
       Mandeln schon eher. Die brachte auch der Vater mit nach Hause, wenn er mit
       der Firma auf der Wiesn war – als Vorabtrost für die schlechte Katerlaune.
       
       Der kleine Andreas durfte den Eltern vom Standl vor dem Bierzelt eine
       Portion Emmentaler holen. Und wie glücklich war er, als er sie nach viel zu
       langem Suchen in der falschen Reihe endlich gefunden hatte. Das war fast so
       schön wie sein erster Wiesnrausch mit 16. Es sollten viele Räusche folgen.
       Nicht jeder war schön, die meisten aber schon, und eine Gaudi hat es
       sowieso immer gegeben.
       
       Heuer wird es [2][keine Wiesn geben]. Dass mag sinnvoll sein. Wie traurig
       es ist, das kann der längst erwachsen gewordene Bub von seinerzeit kaum in
       Wort fassen. Mit feuchten Augen hat er diesen Text geschrieben.
       
       24 Apr 2020
       
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