# taz.de -- Kolumne zu meiner letzten Kolumne: Ein schlechtes Beispiel
       
       > Mir wurde vorgeworfen, ich hätte einen KZ-Vergleich angestellt und die
       > Zustände im KZ verkürzt dargestellt. Das macht mich ratlos.
       
 (IMG) Bild: Auf dieser Geige spielte der Häftling Bruno Apitz Konzerte im Konzentrationslager Buchenwald
       
       Es gab zu meiner [1][letzten Kolumne] Kritik und ich dachte, ich mache
       etwas, was ich noch nie gemacht habe: Ich schreibe eine Kolumne zur
       Kolumne. Da gab es, zum einen, den Vorwurf, ich hätte einen KZ-Vergleich
       angestellt. Nun, ich habe ein, zugegebenermaßen radikales, Beispiel
       herangezogen, um zu verdeutlichen, wie wichtig Kultur für Menschen ist, in
       allen Zeiten (selbst den schlimmsten, die eben nicht mit den heutigen
       vergleichbar sind). Ich zitiere mich selbst: „Kulturell werden Krisen nicht
       nur aufgearbeitet, sie werden auch kulturell verdaut, Kultur ist
       lebenswichtig. Selbst in Konzentrationslagern gab es vereinzelt kleine
       Orchester und Theatervorführungen, weil das den Menschen Hoffnung gab.“
       
       Ich hätte noch beliebige andere Zeiten oder Orte oder Umstände anführen
       können, die meine These über die Bedeutung von Kultur untermauern hätten
       können, ohne dass ich damit doch diese Zeiten oder Orte oder Umstände mit
       den heutigen in irgendeiner Hinsicht verglichen hätte. Wenn das aber
       dennoch so verstanden worden ist, dann tut es mir leid, das war nicht meine
       Absicht.
       
       Der zweite Vorwurf ist der, ich würde in meiner Aussage ignoriert haben,
       dass Kultur, speziell die Musik, Häftlingen in den Konzentrationslagern
       aufgezwungen und auf barbarische Weise gegen sie missbraucht wurde. Das ist
       richtig. Aus diesem Grund hätte ich dieses Beispiel besser nicht
       heranziehen sollen.
       
       Ich möchte aber dennoch zumindest erklären, dass es mir natürlich nicht um
       diese Form von „Kultur“ in Konzentrationslagern ging, sondern dass ich an
       die dachte, die Häftlinge aus eigenem Antrieb, manchmal unter großen
       Gefahren, herstellten. Denn darüber hatte ich vor Kurzem gelesen, und es
       hatte mich sehr beeindruckt und berührt. Ausführliche Informationen zum
       Thema Musik in Nationalsozialistischen Konzentrationslagern gibt es von
       Helmke Jan Keden auf der [2][Seite der Bundeszentrale für politische
       Bildung.]
       
       ## Ein vielschichtiges Thema
       
       „Mehr als einmal“, erinnert sich Hermann Langbein, „bin ich in diesem
       Probesaal gestanden und habe deutlicher als jemals vor – oder nachher – die
       Kraft der Musik gefühlt, die davon kündet, daß es außerhalb von Auschwitz
       eine menschliche Welt gab (...).“ (Hermann Langbein, Menschen in Auschwitz,
       Wien 1972, S. 151.) Zum Thema bildende Kunst gibt es Informationen [3][auf
       dieser Seite.]
       
       Es ist ein vielschichtiges, sensibles Thema. Wenn es heißt, es sei ein
       Hohn, dass ich über Künstler*innen im KZ sage, es hätte ihnen die Kunst
       Hoffnung gegeben, dann kann ich dazu nur sagen, dass ich diese
       Künstler*innen natürlich nicht meinte, die unter Zwang agierten, sondern
       die, die dies aus eigenem Antrieb taten. Verhöhne ich damit automatisch
       die, die ich gar nicht meinte, und die mit meiner These nichts zu tun
       haben?
       
       Und von dieser Frage komme ich dann zu der, wie man überhaupt
       vielschichtige Themen in einem kurzen Meinungstext befriedigend behandeln
       kann. Es gibt immer Aspekte eines Themas, die ich gar nicht oder nur
       oberflächlich unterbringen kann. Und dann kann man mir natürlich vorwerfen,
       diesen oder jenen Aspekt nicht berücksichtigt zu haben.
       
       Etwas nicht zu berücksichtigen, ist auch eine Aussage. Wenn ich mich also
       auf Künstler*innen in einem KZ beziehe, die Hoffnung aus der Kunst
       schöpften, dann muss ich auch die große Gruppe derer erwähnen, die damit
       gequält und verhöhnt wurden. Damit nicht Menschen, die darüber nicht
       informiert sind, sich eine falsche Meinung über die Zustände im KZ bilden
       könnten. Das sehe ich ein.
       
       Wenn das aber die Konsequenz ist, dass es für mich als Kolumnistin, Pflicht
       ist, umfassend zu informieren, über die Umstände, auf denen meine Meinung
       beruht, anstatt diese Themen nur anzureißen, welche Auswirkung hat das dann
       auf den Charakter des Textes, den man eine Kolumne nennt? Ich bin,
       zugegeben, ratlos.
       
       1 Apr 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Ungleiche-Lastenverteilung-in-der-Krise/!5670586
 (DIR) [2] https://www.bpb.de/apuz/29189/musik-in-nationalsozialistischen-konzentrationslagern?p=2.
 (DIR) [3] https://www.kas.de/de/statische-inhalte-detail/-/content/marian-ruzamski-kunst-in-auschwitz
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Seddig
       
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