# taz.de -- Islamistischer Einfluss in Afghanistan: Kundus ist Taliban-Land
       
       > Einst hatte die Bundeswehr ihr Feldlager in der nordafghanischen Provinz.
       > In der Hochburg der Taliban ist der Staat auf dem Rückzug.
       
 (IMG) Bild: Befreiung von Gefangenen der Taliban durch afghanische Sicherheitskräfte in Kundus, 10. Februar 2020
       
       KABUL taz | Am vergangenen Sonntag haben sich in Tschahardara Hunderte
       Männer versammelt, um Ringkämpfen zuzuschauen. Anlass des Sportfests war
       eine siebentägige Deeskalationsphase, die eine Unterzeichnung eines
       Truppenabzugsabkommens zwischen den US und den Taliban am kommenden
       Sonnabend ermöglichen soll. In Tschahardara herrschte eine gelöste
       Atmosphäre unter den Zuschauern, auch bei den bewaffneten Talibankämpfern
       unter ihnen.
       
       Tschahardara ist der Distrikt, in dem am 4. September 2009 der fatale vom
       Bundeswehroberst Georg Klein angeforderte Luftangriff auf den Tanklaster
       stattfand. Der Distrikt war und ist Talibanland. Die Regierung ist nur im
       Distriktzentrum präsent.
       
       Daran hatte auch die Anwesenheit der Bundeswehr und ihr
       Wiederaufbau-Feldlager im nahe gelegenen Provinzzentrum von 2002 bis 2013
       kaum etwas geändert. Wenn die Taliban in der Provinz zwischenzeitlich
       zurückgedrängt wurden, lag das vor allem an den US-Spezialtruppen und
       örtlichen afghanischen Milizen.
       
       Die Provinzhauptstadt von Kundus war [1][2015] landesweit die erste, die,
       wenn auch [2][nur für fünf Tage], von den Taliban eingenommen wurde.
       [3][2016], 2017 und im [4][September 2019] stand die Stadt erneut vor dem
       Fall.
       
       ## Mehrfache Vorstöße der Taliban ins Stadtzentrum
       
       Die Taliban stießen bis ins Stadtzentrum vor. Als der Angriff abgeschlagen
       schien und der Polizeichef eine Pressekonferenz abhielt, schlugen die
       Taliban noch mit einem Selbstmordangriff zu. Dabei starben drei Polizisten
       und sechs Zivilisten. Tschahardara diente dabei jeweils als Ausgangsbasis
       für die Angriffe.
       
       Kundus gehört heute zu den Provinzen, in denen die afghanische Regierung
       die geringste Kontrolle hat. Die Aufständischen beherrschen zwei der sieben
       Distrikte vollständig. In den übrigen fünf hält Kabul nicht viel mehr als
       das Distriktzentrum und vielleicht eine Handvoll Dörfer. Im letzten Quartal
       2019 zählte Kundus zu den Top-drei-Provinzen der Operationsintensität der
       afghanischen und der US-Truppen, um zu versuchen, bestimmte Distrikte
       zurückzuerobern oder die Taliban wenigstens von der Provinzhauptstadt
       wegzudrängen.
       
       Nach UN-Angaben verdoppelte sich 2019 dadurch fast die Zahl der getöteten
       und verletzten Zivilisten gegenüber 2018. Hauptursache waren Bodenkämpfe,
       Sprengsätze der Taliban und Luftschläge. Die Taliban sitzen bis heute in
       den ländlichen Vororten von Kundus-Stadt, manchmal kaum drei Kilometer vom
       Zentrum entfernt. „Wir können von hier aus ihre weißen Flaggen über den
       Häusern wehen sehen“, sagte ein Lehrer am Telefon zur taz.
       
       ## Fast täglich gibt es Taliban-Angriffe
       
       Noch in der letzten Woche gab es dort fast täglich Taliban-Angriffe auf
       Armeebasen und Polizeiposten. Sprengsätze explodierten am Straßenrand. In
       Tschahardara flogen US-Truppen auch zwei Luftangriffe. Über Opfer wurde
       nichts bekannt.
       
       Außer dem Angriff auf den Tanklaster hat die Bundeswehr noch eine weitere
       dunkle Geschichte auf ihrem Konto: die Anti-Taliban-Operation
       „[5][Halmasag]“ im Januar 2010, in manchen Medien geschichtsvergessen auch
       als „erste deutsche Offensive seit 1945“ bezeichnet. Dabei wurden die
       Dörfer Isachel und Quatliam angegriffen.
       
       Der freie Journalist Marc Thörner fand später heraus, dass es dabei
       entgegen früheren Erklärungen der Bundeswehr sehr wohl Vorwürfe der
       örtlichen Bevölkerung wegen ziviler Opfer gab. Quatliam – eine
       Verballhornung auf Militärkarten – heißt übrigens richtig Qatl-e Am:
       Massenmord.
       
       26 Feb 2020
       
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 (DIR) Thomas Ruttig
       
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