# taz.de -- Porträtkunst in Zeiten von Instagram: Wo der Selfie-Stick nicht reicht
       
       > Zeigen, was ist: Dokumentarische Porträt-Kunst in der Pinakothek der
       > Moderne setzt einen Kontrapunkt zur Selfie-Kultur auf Instagram.
       
 (IMG) Bild: Leben im unwiederbringlichen Moment: Rineke Dijkstras „Tiergarten, Berlin, June 27“, 1999
       
       Ein Mädchen steht barfuß im Gras, die Haare fallen lang über ihre
       Schultern. Die Hände ballt sie zu lockeren Fäusten, ihr Blick ist leer.
       Weißes Shirt, schwarze Tattookette um den Hals, am linken Fußgelenk
       derselbe Plastikschmuck, der sie in ihrer Zeit verortet: So war das, im
       Tiergarten, in Berlin, im Juni des Jahres 1999. Und in München. Und in
       Köln. So waren die ersten Tage eines Sommers, der sich endlos anfühlte und
       nie wiederholen ließ.
       
       „Ein Foto ist immer eine Art von Lüge“, hat Fotografin Rineke Dijkstra
       gesagt: „Wahrheit gibt es nur für den Bruchteil einer Sekunde.“ Doch jedes
       Bild, das eine Stimmung so punktgenau wie ihr Mädchenporträt einfriert,
       bringt Betrachtern ein früheres Leben zurück: Das Jahr etwa, in dem an der
       Columbine Highschool ein Dutzend Schüler niedergeschossen wird, Nordirland
       autonom, Kate Moss zur Ikone – und Fassbrause im Park zum Freiheitsgefühl.
       
       Derzeit ist das Bild in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen.
       „Gegenüber“ heißt die Sammlungspräsentation, die dokumentarische
       Annäherungen an Menschen in den Blickpunkt rückt. Ab 1910 hatte August
       Sander (1876–1964) an einer visionären Reihe gearbeitet: In rund 600 Fotos
       zeigte er „Menschen des 20. Jahrhunderts“.
       
       Neben einigen seiner Porträts – denen eines Arbeitslosen, eines später
       ermordeten jüdischen Geschäftsmannes, einer rauchenden Filmschauspielerin –
       hängen Penner, Punks und Reisende. Auch vier Abzüge der Reihe „Brown
       Sisters“ von Nicholas Nixon, der jährlich seine Frau mit ihren Schwestern
       ablichtet, sind dabei.
       
       ## Da wird der Insta-Boyfriend bemüht
       
       York der Knoefels einmalig beiläufige U-Bahn-Porträts zeigen ein Berlin,
       das Mitte der 80er vor der Implosion steht – was am müden
       Nachhauseweg-Gesicht aber nicht das Geringste ändert. Die Serie von Sibylle
       Bergemann zu Clärchens Ballhaus konserviert die Bodenständigkeit des Ortes
       Berlin-Mitte der siebziger Jahre.
       
       Unweigerlich wird man durch die Silbergelatineabzüge darauf geworfen, wie
       stark sich unsere Sehgewohnheiten verändert haben: Millionen
       Social-Media-Nutzer laden täglich Porträts hoch; wo der Selfie-Stick nicht
       reicht, wird der Insta-Boyfriend bemüht. So schaffen [1][Frauen wie Laura
       Müller] auf Instagram, wovon Lieschen Müller vielleicht träumt: Die
       19-Jährige exponiert ihr Glück mit ihrem 47-jährigen Partner, einem
       Schlagersänger, und wird zur Influencerin mit fast einer halben Million
       Followern. Zu einer. Von vielen.
       
       Auf Social Media scheint mühelos möglich, was real nicht „effortless“ zu
       haben ist: Liebe, Anerkennung, Sichtbarkeit. Instagram hat eine Milliarde
       User weltweit, in Deutschland sind es rund 15 Millionen. Noch erfüllen nach
       einer aktuellen Forsa-Studie im Auftrag der DAK weniger als 3 Prozent der
       deutschen Jugendlichen die Kriterien für eine Social-Media-Abhängigkeit –
       allerdings hängen Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren fast dreieinhalb
       Stunden pro Tag in sozialen Medien (Jungen unter drei Stunden).
       
       ## Sie feiern das Leben
       
       Jeder dritte Jugendliche nütze soziale Medien, sagt die Studie, um nicht an
       unangenehme Dinge denken zu müssen – bei den Mädchen sogar knapp die
       Hälfte. [2][Selfies von Leonie Hanne] oder [3][Caro Daur] zeugen so auf
       ihre Art von ihrer Zeit: Sie feiern das Leben. Immer. Und wer auf Instagram
       den Hashtag #bodyposes eingibt, bekommt einen Schwall vermeintlicher
       Selbstliebe entgegengespuckt: muskulöse Unterschenkel, durchgebogene
       Rücken, aufgeblähte Armrückseiten.
       
       Andere Selfies wiederum bedienen ein Mitteilungsbedürfnis, das so alt ist
       wie das Selbstporträt: Wenn etwa [4][eine Bloggerin] entscheidet, ihre
       plötzliche Krebstherapie und sogar die Aufklärung ihres kleinen Sohnes über
       ihren baldigen Tod öffentlich zu machen, kann es um die bewusste
       Entscheidung gehen, eine menschliche Erfahrung nicht vor einer Community
       abzuschirmen, welche die „Tagesschau“ längst nicht mehr erreicht.
       
       Das vormals künstlerische Bestreben scheint in der Trivialkultur angekommen
       zu sein. Aber da, wo das eigene Bildnis künstlerisch verwertet, übermalt
       und entstellt wurde – etwa bei Ana Mendieta oder in Arnulf Rainers „Body
       Poses“ – sollte der Zuschauer bewusst an einem Prozess der Selbstbefragung
       teilhaben, von dem er sonst ausgeschlossen gewesen wäre: „Wenn ich zeichne,
       bin ich aufgeregt, spreche mit mir selbst, verziehe mein Gesicht“, hat sich
       Arnulf Rainer 1971 erklärt. „(Ich) beschimpfe Leute, bewege und verwandle
       mich permanent als Leib, Charakter und Person. Diese Nebenerscheinungen bei
       der Bildnerei wollte ich verselbständigen.“
       
       ## Über das Leben zur Kunst
       
       Andy Warhol suchte im eigenen Gesicht nach Spuren, die „sein“ New York an
       Menschen hinterließ: Als junger Mann will er alt wirken, als alter dann
       jung. Francisco de Goya malte sich dem Tod nahe in den Armen von Dr.
       Arrieta, wobei er sich durch Licht- und Linienführung klagend an den
       Betrachter wendet.
       
       Frida Kahlo war sich selbst Motiv, als sie nach ihren Operationen ans Bett
       gefesselt ist: Sie exponiert persönliches Leid, weil ihr die Erfahrung nur
       durch Kunst zu fassen scheint.
       
       Auch Rineke Dijkstra kommt über das Leben zur Kunst: Als sie nach einem
       Fahrradunfall mit ihrer eigenen Versehrtheit zu kämpfen hatte, ging sie
       schwimmen – und dokumentierte sich vor der Kamera. Für die Mädchenporträts
       im Tiergarten arbeitete sie mit Druckplatten, Blitz und Assistenten, um die
       Schülerinnen für einen Moment aus ihrer Welt zu lösen und Unsicherheit und
       Selbstbeobachtung herauszuarbeiten.
       
       Durch die Allgegenwärtigkeit von Kameras und die Schnappschusskultur der
       späten Neunziger ist diese Selbstbefragung sonst bereits obsolet – und
       heute um so mehr. Doch gerade durch die Brüche und Blickachsen gelingt es
       der kleinen, nachdenklichen Schau, ihr wahres „Gegenüber“, den Betrachter,
       hier zu sensibilisieren und mitzunehmen.
       
       11 Feb 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.instagram.com/lauramuellerofficial/
 (DIR) [2] https://www.instagram.com/leoniehanne/
 (DIR) [3] https://www.instagram.com/carodaur/
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/vriesl/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johanna Schmeller
       
       ## TAGS
       
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