# taz.de -- Brexit-Sorgen an britischen Unis: Should I stay or should I go?
       
       > Ende der Woche verlässt Großbritannien die EU. Die Verunsicherung an den
       > Hochschulen ist groß – trotz der Versprechen aus London.
       
 (IMG) Bild: Erasmus-Studierende für europäische Integration: Flaggenparade am 3. November 2018 in Berlin
       
       London taz | Anfang des Jahres, als das britische Parlament tagtäglich um
       die [1][Mehrheiten für den Brexit rang], stellte die liberale Abgeordnete
       Layla Moran einen dringlichen Änderungsantrag zum geplanten
       Austrittsabkommen aus der EU.
       
       Er sollte die britische Regierung verpflichten, sich bei den bevorstehenden
       Verhandlungen mit der Europäischen Kommission weiter die Beteiligung an den
       [2][milliardenschweren Bildungsprogrammen] Erasmus+ und Horizon zu
       beteiligen, mit denen die EU Studierenden kostenlose Auslandssemester und
       Forscher*innen innovative Forschungsprojekte ermöglicht.
       
       Die Weiterführung dieser Kooperationen hatten Universitäten und Studierende
       landesweit gefordert. Britische Universitäten, das ist kein Geheimnis,
       gehören zu den renommiertesten weltweit. Fast eine halbe Million
       ausländische Studierende hielten sich zuletzt in Großbritannien auf – davon
       rund 142.000 aus EU-Ländern. Der exzellente Ruf bringt den britischen Unis
       nicht nur Studierende aus der EU – sondern auch Geld.
       
       Allein aus dem Horizon-Topf fließen 6,37 Milliarden Euro ins Vereinte
       Königreich. Jedes dritte durch Horizon gefördert Projekt ist britisch.
       Dennoch blieben die Appelle der britischen Unis an ihre konservative
       Regierung unerhört. Das Unterhaus schickte Morans Antrag mit Hilfe der
       neuen Tory-Mehrheit in den parlamentarischen Papierkorb.
       
       ## London kündigt neue Visa an
       
       Zugleich erklärte der konservative britische Universitätsminister Chris
       Skidmore aber, dass sein Land zur weiterführenden Kooperation mit der EU
       durchaus bereit sei. Es hänge eben ganz vom Ausgang der zukünftigen
       Verhandlungen ab (siehe Kasten). Im Zweifelsfall würde Großbritannien
       „alternative Arrangements“ treffen – das neue Lieblingswort in London für
       alle [3][offenen Fragen rund um den Brexit].
       
       Um den Unis wenigstens etwas zu geben, verkündete die Regierung zunächst
       eine Verdopplung der jährlich erlaubten Anzahl wissenschaftlicher
       Stipendien mit vereinfachtem Einreisevisum auf insgesamt 120. In einem
       Sektor mit 940.000 Angestellten ist das – ein Witz.
       
       Das hat London mittlerweile offenbar selbst eingesehen. Am Montag – fünf
       Tage vor dem EU-Austritt am 31. Januar – kündete die britische Regierung
       überraschend ein neues Visaprogramm an. Mit den sogenannten Global Talent
       Visa sollen ab dem 20. Februar Wissenschaftler*Innen aus aller Welt
       unkompliziert einreisen können. Ein ähnliches Programm war bisher auf 2.000
       Visa beschränkt, diesem fehlt eine Obergrenze.
       
       Für viele Wissenschaftler*innen, die derzeit in England, Wales,
       Nordirland oder Schottland forschen, ist diese Ankündigung von großer
       Bedeutung. Die Hälfte aller Wissenschaftler*innen in Großbritannien sind
       EU-Bürger*innen. Wie die Arbeitserlaubnis künftig geregelt sein wird, steht
       noch in den Sternen. Fest steht bislang: Kommt es zu keinem Übereinkommen
       mit der EU, gilt ab 2021 ein Punktesystem, nach der Großbritannien die
       Zuwanderung steuern möchte.
       
       ## EU-Bürger*innen gehen
       
       Und das sorgt an den britischen Hochschulen für Verunsicherung. So vermerkt
       die Russel Gruppe, ein Zusammenschluss der 24 britischen
       Eliteuniversitäten, dass die Anzahl europäischer Akademiker*innen im
       Land wegen des Brexit bereits um 11 Prozent gesunken sei. David Thomas,
       Rektor der Bangor University in Wales, hofft, dass die Regierung die Sorgen
       der Universitäten ernst nimmt. Für Thomas steht nicht nur die Finanzierung,
       sondern auch die „akademische Kultur“ auf dem Spiel.
       
       „Nachdem ich in Großbritannien promovierte, verbrachte ich meine
       Postdok-Zeit in Deutschland, Finnland und Dänemark. Für mich und meine
       Familie waren die Ortswechsel vollkommen problemlos.“ Thomas befürchtet,
       dass die Hürden, die der Brexit mit sich bringt, etwa beim Aufenthaltsrecht
       oder der Sozialversicherung, die akademische Freizügigkeit einschränken –
       und Wissenschaftler*innen aus dem Ausland abschrecken könnte.
       
       [4][Keine einzige britische Universität] befürwortete den Brexit, sagt
       Vivienne Stern. Stern weiß, wovon sie spricht. Als Direktorin des
       Zentralverbands britischer Universitäten vertritt sie 136 Hochschulen.
       Stern fordert, dass die akademischen Beziehungen mit Europa weitergeführt
       werden. Zwar würden fast alle bestehenden Programme wie Horizon 2020
       zunächst weiterlaufen, besonders wichtig sei jedoch eine frühe Entscheidung
       bezüglich weiterer Kooperationen.
       
       „Die nächste Phase von Horizon steht bevor. Wenn wir nicht von Anfang mit
       von der Partie sind, können wir dieses Programm nicht mitbeeinflussen“,
       warnt Stern. Was wissenschaftliche Werte und Freiheiten betreffe, sei die
       Zusammenarbeit innerhalb Europas besonders zu schätzen. Immerhin, glaubt
       Vivienne Stern, hätte der Brexit der Regierung dies vor Augen geführt.
       
       ## Übergangsregelung für EU-Studierende
       
       So hat die britische Regierung schon angekündigt, dass alle Studierenden
       aus EU-Ländern, die bis zum Wintersemester 2020/21 ein Studium in
       Großbritannien beginnen, weiter zu den derzeitigen Konditionen zu Ende
       studieren können. Sehr zur Erleichterung auch vom Deutschen Akademischen
       Austauschdienst (DAAD).
       
       Bis zum Ende der nächsten Laufzeit spätestens 2022 ändere sich nichts,
       erklärt DAAD auf seiner Internetseite. Studierende, die sich für einen
       Großbritannien-Aufenthalt entschieden haben, erhalten in jedem Fall weitere
       Förderung. Für die Programmgeneration 2021 bis 2027 müsse aber eine
       dauerhafte Lösung her.
       
       Zumindest für eventuelle Finanzierungslücken an britischen Unis (und
       anderswo) hat Premier Boris Johnson vorgesorgt. 4,3 Milliarden Pfund hat
       seine Regierung dafür bereitgestellt. Für britische Universitäten beginnt
       dennoch eine Zeit der finanziellen Unsicherheit. Für etwa 20 britische
       Hochschulen machen EU-Zuschüsse mehr als ein Drittel ihrer Forschungsgelder
       aus. An der walisischen Bangor University sind es gar 44 Prozent.
       
       Die Unsicherheit, wie es nach dem Brexit weitergeht, spüren jedoch nicht
       allein die Universitäten, sondern auch die weiterführenden Schulen. Julian
       Gravatt, der stellvertretende Chef der Association of Colleges, erklärt,
       dass Erasmus+ auch für sie eine Rolle spielt. Ohne dem EU-Programm könnten
       nur 6 Prozent der insgesamt 248 Colleges im Verband Auslandsaufenthalte für
       ihre Schüler*innen anbieten.
       
       ## Auch Schulen vom Brexit betroffen
       
       Gravatt beklagt, dass in den Brexit-Überlegungen der britischen Regierung
       die Bildung so gut wie nicht vorkommt. „Es wird viel über Waren und
       Sektoren wie der Fischerei diskutiert.“ Für die Schulen gehe es aber um
       Mitarbeiter*innen, Schüler*innen, Auszubildende. Sie und ihre Familien
       seien direkt vom Brexit betroffen und damit auch die Schulen.
       
       „Ein Ende des Erasmus+-Programms würde vor allen ärmeren Schüler*innen der
       Arbeiterklasse mit weniger Ressourcen schaden“, glaubt Caoimhe Mader
       McGuinness, Mitglied der Lobbygruppe Unis Resist Border Controls (Unis
       gegen Grenzkontrollen). Das einzige Positive bisher sei bisher die
       Erweiterung von Arbeitsmöglichkeiten nach dem Studium für
       Nicht-EU-Ausländer auf zwei Jahre gewesen. Die [5][frühere
       Premierministerin Theresa May] hatte dieses Aufenthaltsrecht von einst drei
       Jahren auf vier Monate zusammengestrichen.
       
       Unsicher ist auch, wie hoch die Uni-Gebühren für EU-Studierenden nach 2020
       sein werden. Derzeit liegt die Höchstgrenze für sie in England und Wales
       bei umgerechnet 11.000 Euro pro Jahr, genauso hoch wie für Briten (in
       Schottland fallen für das Studium hingegen keine Gebühren an). Studierende
       aus nicht EU-Staaten zahlen bis zu dreimal so hohe Gebühren. Manche
       ausländischen Hochschulen – wie zum Beispiel die TU Darmstadt – verhandeln
       nun einzeln mit britischen Unis über die Höhe der Studiengebühren nach dem
       EU-Austritt.
       
       Der britische Studierendenverband NUS ist dennoch alarmiert. Er zitiert
       eine Meinungsumfrage unter internationalen Studierenden, wonach 36 Prozent
       der Befragten angaben, wegen des Brexit eher nicht in Großbritannien
       studieren zu wollen.
       
       ## Erasmus: „lebenswichtig“
       
       Laut der NUS-Trans-Sprecherin Eden Ladley würde ein Ende von Erasmus+ auch
       besonders LGBTQ+-Studierende treffen, weil das Austauschprogramm ihnen
       bessere Möglichkeiten gebe, ihre Sexualität und Identität andernorts
       auszukundschaften. „Meine eigene Zeit als Erasmus-Studentin in Paris
       erlaubte mir in einer der großen Städte der LGBT+-Kultur zu leben, was für
       mich lebenswichtig war.“
       
       Es gibt aber auch andere Stimmen. So bezeichnete neulich die Kolumnistin
       Madeline Grant im konservativen, Brexit-freundlichen „Daily Telegraph“ die
       Ziele von Erasmus+ als „eher imperialistisch als bildungsorientiert.“ Gibt
       es demnach begrüßenswerte Seiten des Brexit für britische Unis?
       
       Uni-Rektor David Thomas muss erst nachdenken, bevor er eine Antwort gibt.
       „Unsere Spezialisierung im Umweltschutz und Agrarbereich.“ Großbritannien
       beabsichtigt in Zukunft, Agrarbetriebe und Landwirte für
       Naturschutzmaßnahmen zu belohnen. Außerdem wird es zu einer Ausweitung der
       britischen Fischereizone kommen.
       
       „Wenn es um wissenschaftliche Forschung in diesen Bereichen geht, sind wir
       die richtige Adresse“, glaubt der Uni-Rektor aus Wales und stellt dennoch
       klar, dass er ein Remainer war.
       
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