# taz.de -- Messebericht von der Art Genève: Beiboot statt Tanker
       
       > Die Art Genève setzt auf die engagierte und aktive Sammlerschaft der
       > Stadt. Diskretion hat dabei einen hohen Stellenwert.
       
 (IMG) Bild: Ist das Kunst – oder kann das gegessen werden? Eindruck von der Art Genève 2020
       
       Eigentlich braucht es in der Schweiz keine weitere Messe, wo es doch den
       großen, zwar schwer zu manövrierenden, aber überaus raumgreifenden Tanker
       Art Basel gibt. So unlängst noch die einhellige Meinung von Sammlern und
       Ausstellern weltweit. Doch die Art Genève hat im Verlauf der letzten neun
       Jahre eine bemerkenswerte Wende herbeigeführt.
       
       Thomas Hug, der vielseitig talentierte Gründer (studierter
       Musikwissenschaftler, Exgalerist), konnte nach und nach einen Salon d’Art
       etablieren, der früh im Jahr die Kunstsinnigen animierte. Nach und nach
       schon deshalb, weil eine junge Messe kaum von Anfang an ein gleichermaßen
       solides wie anspruchsvolles Programm fahren kann.
       
       Einige Big Player (Gagosian, Pace etc.) sorgen inzwischen für Glamour und
       verzichten dabei aber sehr geschickt auf exorbitante Spitzenwerte in ihrem
       Sortiment der großen Namen. Wie James Koch von Hauser & Wirth nicht
       sonderlich überraschend feststellt, gibt es eine engagierte und aktive
       Sammelkultur in Genf. Wen wundert’s in dieser wohlhabenden Stadt, in der
       freilich die Diskretion den mindestens gleich hohen Stellenwert hat. Die
       Klientel agiert hier gediegen und naturgemäß konservativ auf entsprechend
       gepolstertem Niveau.
       
       Man ist entspannt am Genfer See; calvinistische Prägung schließt
       prätentiösen Protz aus. Ein Gemeinplatz? Mag sein. Der Aufgalopp zur
       Eröffnung hätte jedenfalls lässiger nicht sein können. Eine Besonderheit
       der Veranstaltung mit derzeit über 120 Ausstellern – vor zwei Jahren waren
       es noch neunzig Ausstellern – ist die „Verbindung von Kultur und Kommerz“,
       wie Thomas Hug sagt.
       
       Die Ausstellerkojen sind quasi flankiert von zahlreichen Präsentationen
       regionaler Institutionen, Verlage und Sammlungen, die sich um die Kunst
       verdient machen. Damit wird ein Dialog sichtbar gemacht, manchmal bislang
       auch nur angestrebt. Auf jeden Fall wird der Arroganz oder Scheu der
       unterschiedlichen Geschwister kein Raum gelassen.
       
       Im Gegenteil: Die breit aufgestellte [1][Fondation Gandur pour l’Art]
       widmet ihren Stand der nach den französischen Mai-Unruhen 1968 gegründeten
       und bis Mitte der siebziger Jahre existierenden losen Künstlervereinigung
       „Supports/Surfaces“. Ihr künstlerisches Augenmerk auf radikal reduzierte
       Formstudien und unbehandelte Bildträger war Kommentar und Aufruhr in
       unruhigen, große Veränderungen fordernden Zeiten. Die Parallelen sind
       unübersehbar, wenn auch nicht kongruent.
       
       ## Claude Viallats repetitiven Punkt- oder Kreisanordnungen
       
       Diese Würdigung – für viele hierzulande sicherlich eine Entdeckung – griff
       gleich gegenüber Templon (Paris/Brüssel) auf, mit Claude Viallat und einer
       seiner repetitiven Punkt- oder Kreisanordnungen auf fließendem Segeltuch.
       
       Die Art Genève profitiert derweil auch als Forum für offizielle
       Preisverleihungen. Der Schweizer Versicherungskonzern La Mobilière
       versammelt in einem Espace Futur diverse Positionen etablierter aber auch
       jüngerer Künstler zu soziokulturellen Themen und den Herausforderungen der
       (hoffentlich nur, aber nichtsdestotrotz beunruhigenden) evolutionären
       Verwerfungen.
       
       Und verleiht hier seinen alljährlichen, prima dotierten Preis für junge
       Künstler. Prima Entspannung verspricht die originelle Präsentation des
       Herstellers Holy Weed von nach eigenen Angaben biozertifiziertem
       Cannabis-Produkten, produziert „verantwortungsvoll mit Bio Suisse
       Landwirten und in Handarbeit“.
       
       Es ist nicht geplant die Art Genève größer, besser gesagt, umfangreicher
       aufzustellen, das würde ihren spezifischen Charakter zerstören. Nach der
       Gründung einer kleinen Messe in Monaco denkt man stattdessen an eine
       Erweiterung der Messetätigkeit in Moskau. Erstmals wird in diesem Jahr ein
       Pilotprojekt mit 25 Galerien im Staatlichen Schtschussew-Architekturmuseum
       stattfinden.
       
       31 Jan 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.fg-art.org/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annegret Erhard
       
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