# taz.de -- Das Jahrzehnt Merkels und Putins: Kassensturz der Zehner
       
       > Zehn Jahre Krisen, Katastrophen, Kulturkämpfe – und am Ende gewinnt immer
       > Angela Merkel. Der alles entscheidende Rückblick.
       
 (IMG) Bild: Angela Merkel hat den Kampf Kasse gegen Krise gewonnen
       
       taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht im vergangenen Jahrzehnt? 
       
       Friedrich Küppersbusch: 2010 formulierte Bundespräsident Horst Köhler nach
       einem Truppenbesuch in Afghanistan: „Ein Land unserer Größe mit dieser
       Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit (muss
       wissen), dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig
       ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege.“
       Heftige Reaktionen gegen grundgesetzwidrige Kriege für wirtschaftliche
       Interessen folgten; Köhler vermisste darin „den notwendigen Respekt für
       mein Amt“ [1][und erklärte seinen Rücktritt].
       
       Und was wird besser im nächsten? 
       
       2019 formuliert CDU-Vorsitzende und Verteidigungsministerien
       Kramp-Karrenbauer [2][vor Führungskräften der Bundeswehr]: „Ein Land
       unserer Größe und unserer wirtschaftlichen und technologischen Kraft, ein
       Land unserer geostrategischen Lage und mit unseren globalen Interessen, das
       kann nicht einfach nur am Rande stehen und zuschauen. Deutschland muss den
       Mut haben, die Rolle als Gestaltungsmacht anzunehmen.“ Als ersten
       Gestaltungsvorschlag haut sie noch einen völkerrechtswidrigen Einmarsch in
       Syrien raus – dann schweigt der See, kein Hahn kräht. Wir sind dem Krieg in
       zehn Jahren einen Krampköhler nähergekommen.
       
       Im Jahr 2010 regierte in Deutschland eine ganz frische schwarz-gelbe
       Koalition mit Angela Merkel, Guido Westerwelle und Karl-Theodor […] von und
       zu Guttenberg. Haben Sie irgendwelche Erinnerungen daran? 
       
       Nach dem [3][„Wachstumsbeschleunigungsgesetz“] gingen den Liberalen die
       Ideen aus, und dann auch gleich die Liberalen. Der Hauptaktionär von
       Mövenpick hatte der FDP 1,1 Millionen Euro gespendet, so gleißte die
       Senkung der Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen als „Mövenpicksteuer“
       aus dem Konvolut hervor – und die FDP war blamiert. Sie rächte sich an
       Westerwelle in Gestalt vergessener Komparsen wie Dirk Niebel, Daniel Bahr
       und Philipp Rösler, der Gesundheits- und Wirtschaftsminister wurde und gar
       Vizekanzler. Top-Witz 2010: „Kommen ein Vietnamese, eine FDJ-Sekretärin,
       ein Rollifahrer und ein Schwuler in eine sächsische Kneipe. Sagt der Wirt:
       Raus! Sagen die vier: Hey, wir sind die Bundesregierung.“ Auch Franz-Josef
       Jung, Ronald Pofalla, Ilse Aigner und Hans-Peter Friedrich hatte kurze
       Cameo-Auftritte im Kabinett, das war’s. Merkel ritt die perfekte Welle aus
       harmlosem Koalitionspartner und geerbter Agenda; die Legislatur war eine
       Promostrecke für „Groko kann kaum schlimmer sein“.
       
       Nach einer Reaktorkatastrophe in Japan wurde Winfried Kretschmann 2011 der
       erste Ministerpräsident der Grünen. Was war schlimmer? 
       
       Die Laufzeitverlängerung, die Eon, Vattenfall, RWE und EnBW just der
       Bundesregierung abhökerten. Kanzlerin Merkel hatte die Altmeiler gerade um
       weitere 8 bis 14 Jahre begnadigt, da überraschte sie mit dem [4][Ausstieg
       aus dem Ausstieg vom Ausstieg]: Der rot-grüne „Atomkonsens“ sollte nun gar
       übertroffen werden. Den Grünen blieb das makabre Glück ein Jahrzehnt treu:
       Die Europawahl 2019 gewann ihnen die Fridays-for-Future-Bewegung, die
       Bayernwahl ein Bienenvolksbegehren und die Großdemo am Hambacher Forst.
       Unterwegs gab es den Abgasbetrug der deutschen Autoindustrie – weswegen ein
       VW-Chef heute schon mal demütiger und grüner klingt als, sagen wir mal, der
       grüne MP von BaWü.
       
       Spanien wurde 2012 in Polen und der Ukraine Fußball-Europameister. Parallel
       dazu stritt Westeuropa über Schulden, Rettungspakete und Finanzen. Wer
       konnte das Endspiel um den Euro für sich entscheiden? 
       
       Halbzeit! Auf dem Weg vom „beliebtesten Nachbarn“ beim „Sommermärchen“ 2006
       hin zum Dickdumpfdeutschen heute. Mit [5][„Rettungsschirmen“] und
       „Faszilitäten“ parfümierte Kanzlerin Merkel den kargen Dung, der für die
       Euro-Opfer-Länder blieb: Sozialabbau, Schuldendienst. Merkel gewann den
       europäischen Kulturkampf: eiserne Kasse gegen gelegentliche Inflation.
       Niemand sagt, dass Sieger sympathisch sind.
       
       Genervt von der Eurokrise und in großer Trauer um die D-Mark, gründet 2013
       ein Wirtschaftsprofessor eine neue Partei, die „Alternative für
       Deutschland“. Sechs Jahre später kann er noch nicht mal mehr in Ruhe
       Vorlesungen halten. Was ist da schiefgelaufen? 
       
       Er.
       
       [6][Wladimir Putin annektierte 2014 die Krim]. Im gleichen Jahr hat eine
       internationale Koalition gegen den „Islamischen Staat“ mobilgemacht,
       Deutschland die Fußballweltmeisterschaft und Conchita Wurst den ESC
       gewonnen. Wie steht es um Krieg und Frieden? 
       
       Das österreichische Siegermensch war lang nicht so bizarr wie das 7 zu 1
       der „Mannschaft“ gegen die brasilianische Elf. Conchita wurstelte sich
       durch zu einem ESC in der FPÖ-Hochburg Wien, wo Straches homophobe Fans
       eher 30 als die landesweit notorischen 20 Prozent einsammelten. Die
       Tragödie in der Ukraine wie das neue Monstrum „IS“ markieren Endpunkte eher
       als Anfänge. Statt in Kiew einen zukunftsweisenden Deal einzugehen – die
       Ukraine könnte Zollverträge mit Russland wie mit der EU schließen –,
       wollten beide Gouvernanten das alleinige Sorgerecht. So sieht das dann aus.
       Und der „IS“ mordet mit Waffen aus dem Krieg gegen Saddam Hussein. Rot-Grün
       hatte uns da herausgehalten; die „weapons of mass destruction“ fand man das
       ganze Jahrzehnt hindurch nicht.
       
       Angela Merkel sagte angesichts der Flüchtlingsbewegungen nach Europa 2015
       den Satz „Wir schaffen das“. Wird das noch was mit dem Friedensnobelpreis? 
       
       Gibt es einen Nobelpreis für Pirouetten? Noch im Juli 2015 kantete
       Kanzlerin Merkel bei einem „Bürgerdialog“ das palästinensische Mädchen Reem
       ab: Nein, nix zu machen, „Deutschland kann nicht alle aufnehmen und es
       werden nicht alle bleiben können“. Tschüs und [7][#merkelstreichelt].
       Bemerkenswert, bedenkt man, dass die ganze Sause vom Bundespresseamt
       inszeniert war; ein regierungsamtliches Signal gegen Flüchtlinge – Wochen,
       bevor Merkel in Gegenrichtung losumarmte und den legendären Satz prägte.
       Seit jedoch AKK ihr „Wir schießen das“ dagegensetzt, wird Merkels Klugheit
       um so deutlicher: „Wenn schon alle drängeln, dass wir uns in Kriege
       einmischen – dann machen wir halt das Lazarett.“ Merkel hatte also auch
       hier blitzschnell ihre Meinung gewechselt. Und da es von der falschen zur
       richtigen ging: Ja, Nobelpreis.
       
       Das Jahr 2016 war das Jahr von Brexit und Donald Trump. Im gleichen Jahr
       gab es Terroranschläge in Brüssel, Nizza, Berlin und Paris. Und all die
       Prominenten, die uns in dieser Zeit hätten Halt geben können, starben:
       Carrie Fisher, Prince, George Michael. Ist der Westen noch zu retten? 
       
       Und David Bowie! Roger Willemsen! Guido Westerwelle, Hans-Dietrich
       Genscher, Roger Cicero, Leonard Cohen, Götze George, Manfred Krug, Fidel
       Castro und. Semitröstlich, dass wir als Kinder des Popzeitalters einfach
       viel mehr gute Bekannte haben und ihr Abschied uns nahegeht. Außerdem waren
       es zu viele und noch außerdemer die falschen.
       
       2017 kabbelten sich dann Sigmar Gabriel und Martin Schulz um die
       Kanzlerkandidatur. Am Ende gewann: Angela Merkel. Was kann die SPD aus dem
       vergangenen Jahrzehnt lernen? 
       
       Wer in den 70ern nur bei den uncoolen Jusos rumgehangen hatte, konnte
       natürlich die Präambel der „ZDF-Hitparade“ nicht verinnerlicht haben:
       „Dreimal dabei gewesen, bitte nicht wiederwählen“. Beim Umweltthema geben
       sie sich als zweitbeste Grüne, mit der „Agenda“ als bessere FDP und in den
       Grokos als Sozialbeirat der CDU. Sei du selbst.
       
       Das Jahr 2018 war geprägt durch eine Dürreperiode. Schließlich setzte sich
       eine junge Frau namens [8][Greta Thunberg] mit einem Schild vor das
       schwedische Parlament. Wann wird sie wieder zur Schule gehen können? 
       
       Die Schulpflicht endet in Schweden mit dem neunten Schuljahr, das Thunberg
       mit guten Noten abschloss. In 2020 will sie eine weiterführende Schule –
       nun ja, besuchen.
       
       In Hongkong gingen 2019 massenhaft Menschen für Demokratie und Freiheit auf
       die Straße. Aber schon zu Beginn des Jahrzehnts hatte es ja eine
       Demokratiebewegung gegeben – den [9][Arabischen Frühling], der am Ende zu
       Enttäuschung führte. Wird es dieses Mal besser? 
       
       China ist nicht mehr angewiesen auf ein marktwirtschaftliches Feuchtbiotop,
       Kapitalismus können die jetzt selber. Der Sonderstatus Hongkongs als „ein
       Land, zwei Systeme“ ist noch bis 2047 vereinbart; sie werden es schneller
       niederfräsen.
       
       Und was machen die Borussen? 
       
       Gemäß der holpernden Faustregel, wonach der BVB je Jahrzehnt abwechselnd
       einmal oder zweimal Meister wird, steht mit den 20ern ein
       „Ein-Meister-Jahrzehnt“ an.
       
       Die Fragen stellte: die taz2-Redaktion
       
       29 Dec 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kritik-an-Afghanistan-Aeusserung/!5141889
 (DIR) [2] https://www.zdf.de/nachrichten/heute/kramp-karrenbauer-will-bundeswehr-mehr-ins-ausland-schicken-100.html
 (DIR) [3] /Wachstumsbeschleunigungsgesetz/!5151360
 (DIR) [4] /Demo/!5119688
 (DIR) [5] /Spardiktat-fuer-Griechenland/!5525633
 (DIR) [6] /Schwerpunkt-Krieg-in-der-Ukraine/!t5008150
 (DIR) [7] /Merkel-und-das-gefluechtete-Maedchen/!5212613
 (DIR) [8] /Klimaaktivismus-in-den-USA/!5617885
 (DIR) [9] /Aufstaende-in-Nordafrika-und-Nahost/!5647452
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friedrich Küppersbusch
       
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