# taz.de -- Todesstrafe in den USA: Ein Kreislauf der Gewalt
       
       > Stephen West wurde zum Tode verurteilt und im Jahr 2019 in Tennessee
       > hingerichtet. Er war ein Mörder. Und er war psychisch krank.
       
 (IMG) Bild: Der junge Steve West 1987 mit seinem Anwalt
       
       Nashville taz | Einen Menschen an einen Stuhl zu fesseln und so lange
       Stromstöße durch seinen Körper zu jagen, bis er stirbt, erfordert vor allem
       eines: Bürokratie. Das Elektrokutionsprotokoll des Bundesstaates Tennessee
       umfasst 93 Seiten. Darin steht jedes Detail: Wer anwesend sein muss
       (Gefängnisdirektor, Kaplan, Arzt); wie viele Briefe der Häftling noch
       schreiben darf (erlaubt sind 12 Blätter Papier, 3 frankierte Umschläge, 3
       Bleistifte); welche Kabel wann in welche Kästen gesteckt werden und wer die
       Kochsalzlösung anrührt, um Naturschwämme damit zu tränken und sie zwischen
       Haut und Elektroden zu schieben.
       
       Im Jahr 2019 wurden in den Vereinigten Staaten 22 als Mörder Verurteilte
       hingerichtet. 20 von ihnen starben durch die Giftspritze. Stephen Michael
       West zögerte bis zum Abend vor seiner Hinrichtung, dann wählte er [1][den
       elektrischen Stuhl].
       
       Wer war dieser Mann? Ein brutaler Gewalttäter, lautet eine korrekte
       Antwort. Ein in einem ungerechten Prozess verurteilter
       Schwersttraumatisierter, so lautet eine andere, genauso wahr.
       
       Diese beiden Wahrheiten finden sich auch in Dokumenten und Gutachten aus
       verschiedenen Phasen von Wests Berufungsprozess, die von einem unsagbar
       grausigen Tötungsdelikt zeugen, aber auch davon erzählen, wie physischer
       und psychischer Missbrauch in der Kindheit einen Menschen daran hindern,
       jemals richtig Mensch zu werden.
       
       ## Der Fall stellt die Systemfrage
       
       Man erfährt sie auch, wenn man mit Wests Anwalt spricht, mit dem letzten
       Hinterbliebenen der Opfer und mit dem Staatsanwalt, der damals ermittelte.
       Es gibt eidesstattliche Aussagen von Wests Geschwistern und von seinem
       Vater, und es gibt die heimliche Aufzeichnung eines Gesprächs, in dem ein
       anderer gegenüber einem Mithäftling den Mord gesteht, für den Stephen
       Michael West zum Tode verurteilt wurde.
       
       In seiner Widersprüchlichkeit stellt der Fall West die Systemfrage: Was ist
       das eigentlich für ein Rechtsstaat, der sich von Emotionen wie Rache und
       Vergebung leiten lässt? Gleiches mit Gleichem zu vergelten – kann es jemals
       so einfach sein?
       
       Die Gewalt, die Stephen Michael Wests Leben bis zu seinem letzten Atemzug
       prägen wird, setzt mit seiner Geburt 1962 in einer psychiatrischen Anstalt
       ein. Seine Mutter hatte während der Schwangerschaft versucht, sich mit Gas
       aus dem Küchenofen das Leben zu nehmen.
       
       Laut eidesstattlichen Aussagen seiner älteren Schwester Debbie wird das
       Neugeborene brutal misshandelt, sobald es nach Hause kommt. „Wenn er
       weinte, wurde er an einem Arm und einem Bein hochgehoben und gegen die Wand
       gehauen, damit er aufhörte. Wenn unser anderer Bruder etwas falsch machte,
       bekam Steve die Schläge dafür.“ Schläge mit Fäusten, Gürteln, Besen. Einmal
       bekommt Steve einen so heftigen Hieb, dass er zu schielen beginnt.
       
       ## Eine Kindheit wie ein Albtraum
       
       Der Vater Vestor ist ein gewalttätiger Alkoholiker. Aber die Grausamkeit
       der Mutter kennt keine Grenzen. Wanda West ist tablettenabhängig, bekommt
       sie mal keine, dann ist es, als sei „Satan zurück aus der Hölle gekommen“,
       gibt Bruder Teddy später zu Protokoll. Keines der Kinder kann sich laut der
       Aussagen, die sie für spätere Gnadenersuche ihres Bruders gemacht haben,
       daran erinnern, dass Wanda Steve jemals gehalten oder gefüttert hätte.
       
       Sie schmuggeln Babyfläschchen mit verdünntem Ketchup in das dunkle
       Hinterzimmer, in dem er auf einer uringetränkten Matratze liegt, und
       bekommen dafür Schläge. Manchmal, erzählen sie später, müssen sie draußen
       im Schnee stehen und dürfen erst bei Einbruch der Dunkelheit ins Haus,
       während Wanda sich einen Vierjährigen aus der Nachbarschaft ins Haus holt,
       ihm zu essen gibt und ihn fernsehen lässt.
       
       Alle West-Kinder werden verprügelt und vernachlässigt, aber Wanda hasst
       Steve besonders. Es gibt eine bestimmte Hierarchie: Erst isst die Familie,
       dann essen die Hunde, und dann bekommt Steve, was übrig geblieben ist.
       
       Aber er protestiert nicht. Er schlägt auch nicht zurück. „Sehr, sehr
       passiv“ sei er gewesen, sagt seine Schwester Patty darüber später. „Er hat
       alles eingesteckt, egal wer es ihm angetan hat.“
       
       Als Stephen Michael West schließlich austeilt, ist er längst erwachsen, und
       es trifft ausgerechnet jemanden, der ihm überhaupt nichts getan hat. Eine
       Frau, die mit seiner Mutter nichts gemein hat als den Vornamen. Die eine
       Wanda quälte ihn, die andere quälte er.
       
       Das führt zu diesem 15. August 2019, einem sogar für Südstaatenverhältnisse
       ungewöhnlich heißen Tag. In Knoxville, East Tennessee, ist es schon kurz
       nach sieben Uhr, im drei Autostunden und eine Zeitzone entfernten
       Nashville hat Stephen Michael West jetzt noch knapp eine Stunde zu leben.
       Am Abend vorher haben die Lokalmedien gemeldet, West habe ein
       Käse-Steak-Sandwich und Pommes als letztes Mahl gewählt.
       
       Rund um einen kleinen Park im Zentrum Knoxvilles sitzen Obdachlose zwischen
       Einkaufswagen, lauschen den Grillen und Motorrädern und bestaunen die
       Männer und Frauen, die mitten auf der Wiese einen Kreis bilden, als wollten
       sie ein feierliches Ritual abhalten. In gewisser Weise tun sie das auch.
       „Wir kommen zusammen als Menschen, die die Gewalt in der Welt bekümmert.“
       Ralph Hutchison führt das Wort, ein freundlicher älterer Mann mit Vollbart
       und Gandhi-T-Shirt, der hauptberuflich Umweltaktivist ist.
       
       Seit 2000, als der Bundesstaat Tennessee die Hinrichtungen nach 40-jähriger
       Pause wiederaufnahm, veranstalten Hutchison und die anderen am Tag jeder
       Hinrichtung eine solche Mahnwache; sie beten und singen und sprechen Leute
       an, es ihnen gleichzutun. Oder besser gesagt: Sie versuchen es. Heute sind
       immerhin zwölf Leute da, „ist ja auch schönes Wetter“, sagt der Fotograf
       der Lokalzeitung, der Reporter ist erst gar nicht gekommen.
       
       ## Schwindendes Mitgefühl
       
       Studien ergaben, dass weniger als die Hälfte der Amerikaner*innen die
       Todesstrafe gutheißt. Aber nur ein Bruchteil der Gegner*innen geht auch
       aktiv dagegen vor. Die Passanten, die stehen bleiben, sie haben gar nicht
       mitbekommen, dass heute jemand hingerichtet werden soll.
       
       Dass ein Mann mit psychischer Erkrankung hingerichtet wird, finden sie erst
       einmal schlimm. Hören sie aber vom Hergang des Verbrechens, an dem er
       beteiligt war, schwindet ihr Mitgefühl rapide – obwohl sie allesamt, wie
       sie sagen, eigentlich gegen die Todesstrafe seien.
       
       Am Morgen des 17. März 1986 ist es noch dunkel, als zwei junge Männer an
       das kleine blassgelbe Haus der Familie Romines klopfen, hoch oben in der
       grün behügelten Einsamkeit East Tennessees. Jack, der Vater, ist schon auf
       dem Weg zur Arbeit. Nur Wanda, Mutter von fünf Kindern, und ihre jüngste
       Tochter Sheila, 15 Jahre alt, sind zu Hause.
       
       Sheila kennt einen der beiden Besucher aus der Schule: Ronnie Martin, einen
       blassen, teigigen Siebzehnjährigen mit Posaunenengelfrisur. Ronnies
       Begleiter Stephen Michael West, genannt Steve, ist größer und älter als er,
       schlank und schnauzbärtig, ein flüchtiger Bekannter von der Arbeit bei
       McDonald’s. Sie haben sich in den vergangenen Morgenstunden nach ihrer
       Schicht zugeknallt, so gut es eben geht hier oben am südlichen Rand der
       Appalachen, in Union County, wo auch heute noch kein harter Alkohol
       verkauft werden darf.
       
       ## 32 Jahre in der Todeszelle
       
       Wanda Romines und ihre Tochter sterben noch an diesem Morgen, übersät von
       Dutzenden Messerstichen. Der Gerichtsmediziner wird später zu Protokoll
       geben, dass die meisten ihrer Wunden nicht tief waren, sondern auffallend
       oberflächlich. Flüchtige Stiche und Schnitte, vielleicht am Anfang nur
       einer, zwei, dann immer mehr. Beiläufig zugefügt, wie zum Vergnügen.
       „Typische Folterwunden“, steht in den Akten. Und Sheila wurde vergewaltigt.
       
       Stephen West stirbt durch wiederholte Stromstöße von 1.750 Volt, nachdem er
       32 Jahre in der Todeszelle verbracht hat.
       
       In der Logik des US-amerikanischen Rechtssystems ist die Schuld an allen
       drei Toden an ein und derselben Stelle zu suchen: Wer getötet hat, hat es
       verdient, getötet zu werden. West wird von einem Geschworenengericht des
       zweifachen Mordes, der Vergewaltigung und Freiheitsberaubung schuldig
       befunden und zum Tode verurteilt. Ronnie Martin bekommt „lebenslänglich“,
       er war zum Tatzeitpunkt noch nicht volljährig.
       
       Für Wests Verteidiger und seine UnterstützerInnen ist es komplizierter.
       Warum erzählte Ronnie Martin später einem Mithäftling, dass nicht West,
       sondern er selbst die tödlichen Stiche ausgeführt habe? Welche Rolle spielt
       die Misshandlung Wests als Kind? Welche die Tatsache, dass er mutmaßlich
       schon zum Tatzeitpunkt unter einer schweren – und unbehandelten –
       psychischen Störung litt?
       
       ## Die Misshandlung kommt ans Licht
       
       Die Jury, die Stephen West zum Tode verurteilt, erfährt nichts von den
       Schlägen und dem Hunger und auch nichts von den vermutlich schon 1986
       daraus resultierenden gravierenden psychischen Störungen – weil die
       Verteidigung nichts davon einbringt. Wieder ist es die Mutter, die Steve
       bestraft.
       
       Sie bezahlt einen Anwalt für ihren Sohn, der ihn im Mordprozess verteidigen
       soll. Richard McConnell, so heißt dieser Verteidiger, führt ein Vorgespräch
       mit den Eltern, in dessen Verlauf die Sprache auf Stephen Wests geistige
       Verfassung kommt und Wanda ihm mit sofortiger Kündigung droht, sollte er
       Zeugen aufrufen, die über etwaige Misshandlungen in der Kindheit sprechen
       könnten.
       
       Erst 1998, nach 11 Jahren im Gefängnis, als Stephen West durch verschiedene
       Instanzen erneut Berufung gegen sein Todesurteil einlegt – und
       schlussendlich nur einen zeitlichen Aufschub erreicht –, gibt der Vater
       eine eidesstattliche Erklärung ab. Darin schildert er nicht nur das
       Gespräch mit dem Anwalt von 1986, sondern auch das, was in Wests Kindheit
       geschah: „Wir haben ihn mit bloßen Händen geschlagen, mit Stöcken, Flaschen
       oder dem, was gerade zur Hand war.
       
       Es gab immer Misshandlungen. Ich hätte das auch vor Gericht ausgesagt, aber
       Mr. McConnell ließ mich nicht.“ Der Anwalt habe sich auf Druck Wanda Wests
       geweigert, mit ihm zu sprechen. Ähnliches geben die Geschwister zu
       Protokoll. Aber diese Aussagen ändern nichts.
       
       1986 hat sich Stephen West in Widersprüche verstrickt. Während die Suche
       nach den Tätern läuft, schiebt er seine Schicht bei McDonald’s, als sei
       nichts geschehen, was vonseiten der Staatsanwaltschaft als Zeichen
       besonderer Kaltblütigkeit gewertet wird. Als er einen Tag später gefasst
       wird, erklärt er zuerst, die Frauen seien wohlauf gewesen, als er das Haus
       verlassen habe.
       
       Wenig später gibt er zu, bei den Folterungen dabei gewesen zu sein,
       schließlich gesteht er auch die Vergewaltigung Sheilas. Auf zwei Punkten
       aber beharrt er: Ronnie Martin habe die beiden Frauen schließlich getötet –
       und Ronnie habe ihn, West, mit einer Schusswaffe bedroht. Aus Angst also
       habe er mitgemacht, aus Angst habe er Martin nicht an dem Mord gehindert.
       „Ich könnte nicht mal einen Fisch ausnehmen“, wird er in den Gerichtsakten
       zitiert.
       
       Die Jury glaubt ihm nicht. Und weil sie nichts von seiner Vorgeschichte
       erfährt, zieht sie auch nicht in Betracht, dass sein von mehreren an dem
       Prozess Teilnehmenden beschriebenes Zittern, seine mäandernden Aussagen
       über die Tat nicht etwa Kalkül, sondern Ausdruck einer ernsthaften
       Erkrankung sein könnten.
       
       Jahre später werden mehrere medizinische Gutachter Stephen West eine
       schwere schizoaffektive Störung bescheinigen, die, so heißt es in einem der
       Gutachten, „mindestens bis ins Jugendalter“ zurückreiche. Sie vermuten,
       dass deren Entwicklung mit Hirnschäden infolge physischer Gewalt in Wests
       Kindheit zusammenhängt. Zu den Symptomen gehören Halluzinationen, Paranoia,
       manisch-depressive Schübe und das Hören von Stimmen. Bis zuletzt wird West
       mit starken Medikamenten behandelt.
       
       ## Keine Hoffnung auf Gnade
       
       Hätte so jemand zum Tode verurteilt werden dürfen? Aus europäischer
       Perspektive klingt die Frage seltsam. Aber das US-amerikanische
       Rechtssystem funktioniert nach diesem Prinzip: Es ist grundsätzlich
       gerecht, mit dem Tod zu strafen – bei einigen mehr als bei anderen. So
       sieht die Verfassung eine Ausnahme für Menschen mit geistiger Behinderung
       vor.
       
       Aber darunter fällt Stephen Michael West nicht, und die besondere
       Brutalität seines Verbrechens macht die Hoffnung auf Gnade umso geringer.
       Eine Reform des capital punishment scheint unter Donald Trump, der einem
       Whistleblower kürzlich unverhohlen mit der Todesstrafe drohte und dessen
       Justizminister kurz davor bekannt gegeben hatte, bald wieder
       [2][Hinrichtungen auf Bundesebene] durchführen zu wollen, ferner denn je.
       
       Lässt man sich auf die Logik ein, dass es grundsätzlich okay sei, als
       strafrechtliche Maßnahme das Leben eines anderen Menschen zu beenden, so
       stößt man in diesem Fall trotzdem an ihre Grenzen. Denn die Antworten auf
       die Frage, ob das Todesurteil über Stephen Michael West richtig war,
       könnten unterschiedlicher nicht ausfallen. Je nachdem, wen man fragt.
       
       Da ist Stephen Ferrell, Wests letzter Verteidiger, der ihn in den letzten
       15 Jahren vertrat und bis zum Ende versuchte, geltend zu machen, dass West
       bei dem grausamen Verbrechen zwar zugegen war, die Frauen aber nicht
       getötet habe. Er sagt: „Steve hat sich Gedanken gemacht über andere. Er war
       kein Soziopath, er hatte eindeutig Empathie. Für mich passt das nicht zu
       einem kaltblütigen Mord.“
       
       Da ist Sarah McGee von der Tennessean Alliance for the Severe Mental
       Illness Exclusion, kurz TASMIE, einer gemeinnützigen Organisation, die sich
       dafür einsetzt, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen von der
       Todesstrafe ausgenommen werden. Für sie ist Stephen West ein Beispiel für
       das, was nicht passieren sollte und dennoch viel zu häufig passiert.
       „Jemand, der psychisch krank ist, hat es in der Strafgerichtsbarkeit oft
       automatisch schwerer“, sagt McGee.
       
       Da ist aber auch Eddie Campbell, ein entfernter Verwandter des 2008
       verstorbenen Jack Romines, Ehemann und Vater der Getöteten, der die Familie
       offiziell vertritt. „Ich denke, er lügt“, sagt er über West zwei Tage vor
       dessen Hinrichtung schwer atmend ins Telefon. Eigentlich, sagt er weiter,
       habe er gegenüber der Todesstrafe gemischte Gefühle. In diesem Fall bedaure
       er nur, dass es 33 Jahre gedauert habe, bis West seine gerechte Strafe
       bekomme. „Jack hat nie mehr Gerechtigkeit für Wanda und Sheila erfahren.
       Aber ich hab ihm versprochen, dass ich dranbleibe.“
       
       Und da ist William Paul Phillips, der damals der ermittelnde Staatsanwalt
       von Union County war und noch heute aufbrausend wird, wenn man ihn nach
       Wests Schuldfähigkeit fragt. „Ich glaube noch immer kein Wort von diesen
       Geschichten“, sagt er im breiten Akzent der Appalachen. „Man musste ihn nur
       ansehen. Ronnie Martin war klein und schmächtig. West groß und kräftig.“
       Phillips war der Staatsanwalt, der West und Martin damals angeklagt hat. Im
       Laufe des Telefonats mit der taz wiederholt er diesen Hinweis auf Wests
       Äußeres noch zweimal, als sei es das stärkste Indiz für dessen Schuld.
       
       Hat Stephen West gelogen, als er sich als von Panik getriebenen Mitläufer
       schilderte? Oder musste er wirklich Angst vor Ronnie Martin haben?
       Tatsächlich wird später eine Pistole in einem Gully gefunden, die offenbar
       an jenem Morgen aus dem Haus entwendet worden war.
       
       ## Brieffreunde beschreiben West als „respektvoll“
       
       Doch Wests Beteuerungen, Martin habe ihn unter Druck gesetzt, werden ihm
       letztlich erst recht zum Verhängnis. Es zeuge von „Feigheit“, dass er, der
       körperlich Überlegene, Martin habe gewähren lassen, heißt es im Plädoyer
       eines Richters am Tennessee Supreme Court in Nashville, der 1989 Wests
       Antrag auf Wiederaufnahme seines Verfahrens ablehnt. Als könnte man durch
       körperliche Überlegenheit etwas gegen eine Schusswaffe ausrichten.
       
       Im Grunde ist es aber unerheblich, ob West die tödlichen Stiche ausgeführt
       hat oder nicht. Es genügt, dass er sie nicht verhindert hat. In Tennessee
       gibt es die Regelung, dass, wenn der Straftatbestand des sogenannten felony
       murder vorliegt – eines schweren Tötungsdelikts im Rahmen eines
       Raubüberfalls oder einer Vergewaltigung –, die Komplizen eines Mörders die
       gleiche Strafe wie dieser bekommen können.
       
       „Der Angeklagte war fraglos maßgeblich an dem Überfall, der Vergewaltigung
       und den Morden beteiligt“, schreibt der Tennessee Surpreme Court 1989 über
       West. „Sein Geisteszustand ist der einer rücksichtslosen Gleichgültigkeit
       gegen den Wert des menschlichen Lebens.“
       
       In dem Flyer, den Ralph Hutchison bei der Mahnwache verteilt hat, wird ein
       regelmäßiger Besucher des Todestrakts zitiert: „Stephen liebte es, Blumen
       zu zeichnen. Dabei hat er seit 32 Jahren keine Blume mehr berührt.“ Das
       Gnadengesuch, das Anwalt Ferrell und seine Kollegen noch wenige Wochen vor
       der geplanten Hinrichtung an den Gouverneur von Tennessee schickten,
       beschreibt, wie West nach dem Verbrechen zu Gott gefunden habe.
       Brieffreunde beschreiben West darin als „respektvoll“ und „weise“.
       
       Die Arbeit, die in diesem 28-seitigen Bittbrief steckt, ist nicht nur ein
       letztes Aufbäumen von Wests Unterstützerinnen und Unterstützern, die
       jahrzehntelang gegen das Urteil gekämpft haben. Sie zeigt auch, wie sehr
       das US-Rechtssystem von Moral und gefühlter Richtigkeit geprägt ist.
       
       Es wirkt beinahe wie ein Ablasshandel: In der einen Waagschale liegen die
       Grausamkeit des Verbrechens und der Schmerz der Hinterbliebenen. In der
       anderen die Erfahrung von Gewalt und die Krankheit des Täters, aber auch
       sein Weg zum Glauben, der hier in den gläubigen Südstaaten genauso Argument
       ist wie belegbare Fakten – vielleicht sogar das erfolgversprechendste.
       
       Der Gouverneur hat das Gesuch dennoch abgelehnt. Wie all die anderen
       Berufungsverfahren, Petitionen, Briefe Wests in den Jahrzehnten davor blieb
       auch dieser Versuch erfolglos. Gewundert hat das niemanden. Nur zu leicht
       ist es ja, sich der moralischen Komplexität des Falles zu verweigern.
       
       Am Freitag, dem 16. August, Stephen Michael West ist seit gut 20 Stunden
       tot, sitzt Stephen Ferrell auf seinem Sofa in einem der endlosen
       Villenvororte von Knoxville. Der Anwalt trägt ein blau gestreiftes Polohemd
       und sportliche Shorts. Seit 25 Jahren vertritt er ausschließlich
       Todeskandidaten als Pflichtverteidiger. „Mit Steve konnte man so ziemlich
       über alles reden“, sagt er.
       
       ## Abschied via Telefon
       
       „Über den Fall, klar, aber auch über das Leben, über meine Familie. Einmal
       ärgerte ich mich, weil mein Computer mich nicht auf eine Datei klicken
       ließ, und er fragte: Klicken? Was ist denn das? Da wurde mir klar: Er hatte
       noch nie einen Computer gesehen. Er hatte keine Ahnung, was ich da tat. Das
       hat mir das Herz gebrochen.“
       
       Die Frage, wie sehr er von Wests Unschuld überzeugt ist, will er nicht
       endgültig beantworten. Aber er möchte erzählen, mit wem Stephen West
       zuletzt gesprochen hat: mit seinem Team, zehn Leuten, einer nach dem
       anderen kam ans Telefon, um sich zu verabschieden. „Steve hatte Spitznamen
       für jeden von ihnen. Meistens hatten diese Namen einen Bezug zu der Stimme
       der Person, denn obwohl er seit Jahren regelmäßig mit den Leuten
       telefonierte, hatte er ja keine Ahnung, wie sie aussehen. Aber trotzdem
       wurden sie Teil seines Lebens. Und er Teil des ihren.“
       
       Der Hinrichtung selbst ist Ferrell ferngeblieben. Aber Eddie Campbell, der
       Hinterbliebene der Opfer, hat Stephen West beim Sterben zugesehen. „Ich hab
       ihm schon lange vergeben“, sagt er über West. „Jack hat das nie gekonnt,
       aber ich glaube, das ist es, was Gott von uns verlangt.
       
       Stephen Michael West wird am 15. August 2019 um 19.27 Uhr Ortszeit für tot
       erklärt. Seine letzten Worte spricht er laut Augenzeugen unter Schluchzen:
       „Am Anfang schuf Gott den Menschen. Und Jesus weinte. Das war’s.“
       
       31 Dec 2019
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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 (DIR) Der Fall Rodney Reed: Hinrichtung vorerst gestoppt
       
       Vor 21 Jahren wurde Rodney Reed in Texas zum Tode verurteilt. Viele
       zweifeln an seiner Schuld. Nun hat ein Gericht die Hinrichtung ausgesetzt.
       
 (DIR) Pressefreiheit in Gefahr: Welche Wirkung Donald Trump hat
       
       Fake News, Hexenjagd? Die Ausfälle des US-Präsidenten gegenüber den Medien
       lösen nur noch Schulterzucken aus. Aber ungefährlich sind sie nicht.