# taz.de -- Bremer Hulsberg-Viertel nimmt Gestalt an: Zuschlag für Genossenschaft „Karl“
       
       > Mit der Genossenschaft in Gründung „Karl“ darf jetzt ein Player mitbauen,
       > dem ein sozial durchmischtes Quartier am Herzen liegt.
       
 (IMG) Bild: Noch braucht das Hulsberg-Viertel diese Schilder nicht: Frühestens im Jahr 2021 geht es los
       
       Bremen taz | Maximal viel Geld wollen die defizitären Bremer Kliniken
       (Geno) aus dem Verkauf des Krankenhausgeländes an der St.-Jürgen-Straße
       ziehen. Ein sozial durchmischtes Vorzeigequartier mit 1.200 Wohnungen und
       viel Grün wollen hingegen viele Politiker, Be- und Anwohner entwickeln. Mit
       dem Verkauf des ersten Grundstücks an Baugemeinschaften, denen 20 Prozent
       des Areals reserviert sind, werden nun beide Ziele zumindest auf 1.702
       Quadratmetern an der Ecke zur Friedrich-Karl-Straße vereint.
       
       Drei Bewerber gab es, die in Gründung befindliche Genossenschaft „Karl“
       erhielt den Zuschlag fürs Grundstück und ist bereit, „den sehr hohen Preis
       von 2,66 Millionen Euro dafür zu zahlen, um die gemeinsame Vision von
       solidarischem Bauen und Wohnen realisieren zu können“, wie eine Sprecherin
       formuliert. Man hätte den Grund lieber in Erbpacht übernommen. Aber die
       Stadt will nun mal ihr Eigentum hochpreisig verscherbeln.
       
       Mitte September werde der Vertrag unterschrieben, erklärt Florian Kommer
       von der Grundstücksentwicklungsgesellschaft (GEG) des Quartiers,
       anschließend habe Karl elf Monate Zeit, um Bauplan und Finanzierung
       aufzustellen. Mindestens ein weiteres halbes Jahr benötige dann die
       zuständige Behörde für eine Baugenehmigung, sodass der erste Spatenstich
       nicht vor Februar 2021 erfolgen könne. Karls Konzept habe durch Haltung
       überzeugt, erklärt Kommer. Die Genossen kommen aus dem umliegenden Kiez und
       aus der Bewegung gegen die befürchtete Gentrifizierung.
       
       Da das Nutzungskonzept für das Klinikgelände inzwischen auch diverse
       Lebensformen zur Vitalisierung des gesamten Quartiers einbinden möchte,
       wenn auch nur zu Spitzenpreisen, will Karl nun eben aktiv und nachhaltig
       mitgestalten. Zwei Jahre wurden Ideen entwickelt, Genossen geworben und
       Aufnahmegespräche geführt, um zu erkunden, ob die meist aus dem
       akademischen Milieu kommenden Interessierten auch zur Gruppe passen, da
       explizit miteinander gelebt werden soll.
       
       „Jetzt sind wir 35 Erwachsene und 19 Kinder, 27 bis 30 Wohnungen werden wir
       in einem modernen Plattenbau schaffen, auch eine Kita, eine inklusive WG
       und einen Gemüseladen integrieren“, so die Sprecherin. Acht Millionen Euro
       würden in das sogenannte Ausbauhaus investiert, das 2014 erstmals in
       Berlin-Neukölln realisiert wurde und 2018 den Deutschen Bauherrenpreis
       gewonnen hatte.
       
       Durch besondere Deckenkonstruktion kann auf tragende Wände innerhalb der
       Wohnungen verzichtet werden, was eine flexible Gestaltung ermöglicht. Durch
       vorgefertigte Bauteile, etwa vor Ort nur noch zusammenzupuzzelnde Wände,
       verringern sich die Kosten.
       
       Um sie weiter zu reduzieren, bekomme jede Wohnung das gleiche schlichte
       Bad, erklärt die Sprecherin. Auch könnte auf private Arbeitszimmer und
       Waschmaschinen verzichtet werden, da dafür Räume zur gemeinsamen Nutzung
       zur Verfügung stünden. Das gesamte Erdgeschoss soll Lebensraum für alle
       Quartiersbewohner dienen.
       
       „Schon stehen die nächsten Grundstücke vor der Ausschreibung“, frohlockt
       Kommer. Das neunstöckige Bettenhaus an der St.-Jürgen-Straße werde
       eventuell ohne Ausschreibung an eine langjährige Bewerberin, die
       130-köpfige Hulsberg-Genossenschaft, verkauft. Im Parterre soll
       Kleingewerbe einziehen und mit bis zu 70 Wohneinheiten ebenfalls dem Trend
       getrotzt werden, dass Bundesbürger laut Statistik immer häufiger allein
       leben.
       
       Anfang 2021 soll das nächste Baugemeinschaftsgrundstück auf den Markt
       kommen, eine 3.200 Quadratmeter große baumbestandene Wiese, angrenzend an
       die Straße Sorgenfrei. An Hochbeeten gärtnern dort derzeit Aktivisten der
       Hulsberg-Crowd, die von Abbruchbaggern aus ihrem Domizil, dem ehemaligen
       Schwesternwohnheim des Klinikums, vertrieben wurden. „30 Wohnungen werden
       in einem autofreien Areal entstehen“, sagt Kommer. Alle Bewohner müssten
       sich verpflichten, auf ein eigenes Auto zu verzichten.
       
       Ende kommenden Monats startet bereits die Verlosung des bunten, keine zwei
       Jahrzehnte alten Neubaus der Kinderklinik an der Friedrich-Karl-Straße. Das
       Gebäude bleibe stehen, so Kommer, an eine Nutzung als Ärztehaus, Heim oder
       Hotel sei gedacht. Auch der Altbau der Kinderklinik bleibe erhalten, 2020
       sollen Sozialwohnungen und eine Kita eingebaut werden. Ebenfalls nächstes
       Jahr geht der Pathologie-Palast in den Verkauf. Im Beirat stellte ein
       Investor bereits Gastro-Nutzung vor. 2027 soll das Neue Hulsberg-Viertel
       vollendet sein.
       
       2 Sep 2019
       
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 (DIR) Jens Fischer
       
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