# taz.de -- 50 Jahre Sozialistisches Büro: Undogmatische Linke
       
       > Unter den Formationen der Neuen Linken nach 1968 hob sich das
       > Sozialistische Büro als undogmatischer und intellektueller Ansatz hervor.
       
 (IMG) Bild: Herbert Marcuse auf der Solidaritätskundgebung für Angela Davis am 3. Juni 1972 in Frankfurt/Main
       
       Wenn man bei Wikipedia die Abkürzung „SB“ eingibt, bekommt man allerlei
       Vorschläge zur Ausschreibung des Kürzels. Das reicht von „Selbstbedienung“
       und „Skateboard“ bis zum „Schwarzen Block“. Das im Frühjahr 1969 gegründete
       „Sozialistische Büro“ – das nichts zu tun hat mit den „Politbüros“
       stalinistischer und maoistischer Parteien und ihren Bonsai-Repliken an den
       deutschen Universitäten nach 1968 – allerdings taucht in seiner Kurzform
       bei Wikipedia nicht auf.
       
       Im SB sammelten sich in den 70er Jahren Sozialisten, die sich weder mit der
       SPD noch mit der DKP und schon gar nicht mit den nach 1968 entstandenen
       Campus-Parteien identifizieren mochten. Die unabhängigen oder
       undogmatischen Linken kamen aus der Ostermarsch- und Friedensbewegung, aus
       der Gewerkschaftsschulung und aus der Protestbewegung von 1968.
       
       50 Jahre nach der Gründung des SB plant der Arbeitsausschuss eine Tagung
       zur Erinnerung an die Gründung und an die Geschichte des SB, das – entgegen
       umlaufenden Gerüchten – immer noch existiert, wenn auch still und in arg
       geschrumpfter Form.
       
       Die verbliebenen Mitglieder unterstützen mit ihren Beiträgen die nach der
       Einstellung der Zeitschrift links (1997) noch erscheinenden Zeitschriften
       express (Gründungsredakteure: Otto Jacobi, Walther Müller-Jentsch, Eberhard
       Schmidt, David Wittenberg) und Widersprüche sowie die Netzzeitung
       linksnetz.
       
       Die Tagung am 13. Juli 2019 in Frankfurt soll freilich kein
       Veteranen-Festspiel werden, sondern eine aktuelle politische Debatte
       zwischen Linken mehrerer Generationen und Traditionen über die Fragen
       initiieren, was heute links bedeutet und wie sozialistische Politik heute
       aussehen könnte oder müsste. Die Tagung ist nicht für eine geschlossene
       Gesellschaft gedacht, sondern bildet ein Diskussionsangebot an alle, die
       sich für linke Politik jenseits parteipolitischer Horizonte interessieren.
       Das ist natürlich kein Ersatz für eine wünschenswerte professionelle
       historische Aufarbeitung der Geschichte des SB.
       
       ## Die GründerInnen
       
       Die Gründer des SB (Andreas Buro, Klaus Vack, Gert Schäfer, Christel
       Beilmann, Oskar Negt, Edgar Weick, Elmar Altvater, Heinz Brakemeier,
       Herbert Stubenrauch, Arno Klönne u. a.) verstanden sich nicht als
       Parteigründer, sondern formulierten ein Kommunikationsangebot, wie es
       Andreas Buro im November 1970 formulierte: „Die Arbeitsgruppe
       Sozialistisches Büro leistet einen Beitrag zur Kommunikation unter
       Sozialisten und zur Organisierung sozialistischer Arbeit. Sie versteht sich
       als ein Element innerhalb der Bewegung für eine neue sozialistische Linke
       in der Bundesrepublik.“
       
       Das SB hob sich damit ab von traditioneller sozialdemokratischer
       Parteipolitik, vor allem aber vom Revolutionsgerede der maoistischen und
       kommunistischen Studentenparteien mit ihren „geborgten Realitäten“ (Oskar
       Negt) und verstand linke Politik als „Vorbereitungs- und Erziehungsarbeit“
       (Herbert Marcuse) für linke Politik und als „Dienstleistungsstelle“ (Klaus
       Vack).
       
       Oskar Negt formulierte 1972 die theoretische Basis für das Engagement und
       die Politik einer undogmatischen sozialistischen Linken. Linke Politik
       sollte sich demnach primär nicht auf eine Höchstzahl zu mobilisierender
       Köpfe konzentrieren, sondern bei den Interessen und der Lebenswirklichkeit
       der Produzenten ansetzen, die auf Emanzipation und Assoziation setzen.
       
       So verfestigte sich das Konzept von fünf Arbeitsfeldern (Schule, Bildungs-
       und Sozialarbeit, Betrieb und Gewerkschaft, Hochschule, Gesundheitswesen),
       die die organisatorische Grundstruktur des SB bildeten und sowohl die
       Einzelmitgliedschaft (rund 1.500) wie die korporative Mitgliedschaft von
       Arbeits- und Ortsgruppen zuließen, von denen es in den 70er Jahren in der
       BRD etwa 40 gab.
       
       ## Politisches Ansehen
       
       Der politische Einfluss und die Bedeutung des SB lebte vom intellektuellen
       Niveau und politischen Ansehen von Autoren, die nur zum Teil SB-Mitglieder
       waren, in seinen drei periodischen Publikationsorganen, Broschüren,
       Rundbriefen und Büchern. Viele von diesen prominenten Autoren waren
       Hochschul- oder Fachhochschullehrer und verfügten deshalb über ein
       beachtliches Potenzial als Multiplikatoren.
       
       Darauf beruht auch die Tatsache, dass die Zahl der Sympathisanten und
       ideellen Anhänger des SB um mindestens das Zwanzig- bis Dreißigfache größer
       war als die Zahl der Beiträge zahlenden Mitglieder. Zum „Dunstkreis des SB“
       zählten in den 70er Jahren eine nur schätzbare, aber sehr beachtliche Zahl
       von linken Lehrern, Sozialarbeitern, Intellektuellen, Journalisten,
       Gewerkschaftern und Professoren, selbst wenn viele von diesen nur Leser der
       SB-Zeitschriften waren.
       
       Aus der theoretischen Fundierung des SB ergab sich das Paradox, dass
       formelle Nichtorganisation so etwas wie ein Charakteristikum des SB als
       Organisation wurde. Selbst langjährige Autoren und sogar angestellte
       Sekretäre des SB können sich heute nicht mehr daran erinnern, ob sie je
       formelle Mitglieder waren. Zugespitzt gesagt: Das SB war keine
       Organisation, sondern ein fast informeller Fanclub von undogmatischen
       Sozialisten. Joachim Hirsch nannte das SB einmal einen „Kopf ohne Leib“.
       
       Die erfolgreichste Zeit für das SB waren die 70er Jahre, in denen es durch
       Kampagnen zum Prozess gegen Angela Davis, zum Putsch in Chile, zur
       Repression im Zuge der staatlichen Berufsverbote gegen Linke und zur Lage
       der Menschenrechte in der BRD (Russell-Tribunal) oder zum Kriegsrecht in
       Polen einer breiten, politisch interessierten Öffentlichkeit bekannt wurde.
       
       Gegenüber dem Aufkommen des von politischer Verblendung und
       Selbstgerechtigkeit geprägten Terrorismus wie gegenüber der politisch
       bornierten, staatlichen Antwort darauf mit Dutzenden von
       Gesetzesverschärfungen hatte das SB eine klare Position. Das trug ihm über
       Jahre eine Klassifizierung als „linksextremistisch“ in der fast
       informationsfreien Verfassungsschutzprosa ein, aber auch die Diffamierung
       durch die öffentlich-rechtlich geschützte Hetze Gerhard Löwenthals im ZDF,
       der gegen die „Untergrundarbeit aus Offenbacher Kellerräumen“ polemisierte,
       wo das SB seinen Sitz hatte.
       
       ## Die Krise
       
       Anfang der 80er Jahre geriet das SB von zwei Seiten in die Krise. Aus der
       Ökologiebewegung ging die grüne Partei hervor, worauf viele SB-Aktivisten
       und -Sympathisanten, die immer schon mit einer Parteigründung liebäugelten,
       nur gewartet hatten. Mit dem Gewerkschafter Willi Hoss und Rudi Dutschke
       gingen zahlreiche SBler diesen Weg. In den Führungsriegen der Grünen waren
       bald sehr viele Ex-SB-Mitglieder aktiv. Fast gleichzeitig riefen SB-Gründer
       um Klaus Vack, Andreas Buro, Wolf-Dieter Narr, Herbert Stubenrauch, Joachim
       Hirsch, Roland Roth u. a. das „Komitee für Grundrechte und Demokratie“ ins
       Leben und bewirkten damit einen Aderlass beim SB.
       
       Das „Komitee“ blieb zwar dem SB verbunden, aber es trug zur Schwächung der
       Organisation bei. „Vieles von dem, was als SB-Praxis begonnen hatte, lebte
       ohne die Organisation eigenständig und in anderen Zusammenhängen weiter.
       Dennoch gibt es auch eine deutliche Verlustgeschichte. Der Niedergang des
       SB war auch eine Erscheinungsform des nachlassenden Einflusses der Neuen
       Linken auf die oppositionellen Arbeitszusammenhänge und Bewegungsmilieus“
       (Roland Roth).
       
       1979 legten rund drei Dutzend deutsche Intellektuelle unter dem Titel
       „Stichworte zur ‚Geistigen Situation der Zeit‘“ eine Bilanz vor zu dreißig
       Jahren BRD. Jürgen Habermas bescheinigte dem SB, „neue Organisationsformen
       erprobt“ zu haben und mit „organisatorisch orientierten Fortsetzungen
       antiautoritärer Politik“ damals „ohne Erfolg“ geblieben zu sein, womit er
       nicht Unrecht hatte. Aber Erfolg ist nicht der einzige Maßstab bei der
       Beurteilung von Versuchen, Selbstbestimmung und „Demokratie als Lebensform“
       (Oskar Negt) zu begründen.
       
       Der Autor ist seit über 30 Jahren SB-Mitglied, von 1980 bis 1996 Redakteur
       der Zeitschrift „links“.
       
       12 Jul 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rudolf Walther
       
       ## TAGS
       
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       Seiten. Am Mittwoch ist Negt Gastredner bei den diesjährigen
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