# taz.de -- Kolumne Macht: Schnappatmung wegen eines Videos
       
       > Warum die beleidigten Reaktionen der politischen Klasse und von uns
       > Medienleuten auf den Meinungsbeitrag des YouTubers Rezo falsch waren.
       
 (IMG) Bild: Rezo – bei der Verleihung des 7. Webvideopreises im Juni 2017 in Düsseldorf
       
       Jemand sagt seine Meinung im Internet. Das ist Alltag. Mehr als sieben
       Millionen Menschen interessieren sich dafür. Das ist erstaunlich.
       Infolgedessen befällt Schnappatmung weite Teile der politischen Klasse. Das
       wiederum könnte als überraschend gewertet werden, aber es war zu erwarten.
       Spätestens seit den hysterischen Reaktionen auf einige grundsätzliche
       Überlegungen des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert. Leider.
       
       Gerechtigkeitshalber muss gesagt werden, dass nicht nur die CDU wenig
       souverän auf die Kritik des Influencers Rezo an ihrer Politik reagiert hat,
       sondern auch viele Medien keine Scheu davor zeigten, sich zu blamieren. Dem
       26-Jährigen wurde vorgeworfen, Untersuchungen zu benutzen, die seine
       Meinung stützten. Wenn das ein Beleg für mangelnde Seriosität sein soll,
       dann können wir unsere Kommentare und Analysen in den Müll werfen. Alle.
       Weil wir lieber Studien glauben, die uns bestätigen.
       
       [1][Besonders gut hat mir ein Artikel in der FAZ gefallen, den die Zeitung
       als Faktencheck bezeichnet.] Darin bemüht sich ein ganzes Autorenteam
       darum, unter anderem die These zu widerlegen, dass die Armen in Deutschland
       immer weniger Geld haben. Ihr Beweis: absolute Zahlen. Die sich
       beispielsweise mit der Frage befassen, wann die Armutsgefährdung beginnt.
       2006 war der Betrag für eine vierköpfige Familie deutlich niedriger als
       heute. Hurra! Und die Inflationsrate? Wird gar nicht thematisiert. Seriös
       geht anders.
       
       [2][Bento, ein Ableger von Spiegel Online für Jüngere, fragte den
       Influencer, was er an dem Video verdient habe.] Gar nichts, antwortete der.
       Weil er keine Werbung geschaltet habe. Und wenn er Geld damit verdient
       hätte – wäre das verwerflich? Wenn ich einen Text verfasse, dann verlange
       ich ein Honorar. Weil ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene. Arbeiten
       die Kolleginnen und Kollegen von Bento umsonst?
       
       Aber Rezo äußert ja nur seine Meinung. Das sei „kein Journalismus“,
       erklärte ein CDU-Politiker. Ist er sicher? Es gibt gute Gründe dafür, dass
       die Berufsbezeichnung in Deutschland nicht geschützt ist. Weil der Staat
       nämlich keinerlei Einfluss darauf nehmen soll und darf, wer sich als
       Journalistin oder als Journalist bezeichnen darf. Das hat übrigens etwas
       mit Pressefreiheit zu tun.
       
       Bedeutet allerdings nicht, dass unser Berufsstand keinerlei handwerkliche
       Regeln kennt. Wäre es anders, gäbe es keine Volontariate und keine Schulen,
       die dieses Handwerk lehren. Profis, die das Video von Rezo anschauen,
       merken schnell, dass er nicht vom Fach ist. Er formuliert ungenau, er macht
       sich angreifbar. Na und? Das tun Leute am Stammtisch auch. Mehr als eine
       wütende Stammtisch-Tirade ist dieses Video ja auch nicht.
       
       Inhaltlich würde ich die gern zerlegen. Es würde mir Spaß machen. Aber die
       hochnäsigen Reaktionen zwingen mich in eine Solidarität, die ich eigentlich
       gar nicht empfinde.
       
       Es ist übrigens ziemlich billig, sich darüber lustig zu machen, dass der
       CDU-Jungstar Philipp Amthor ein Video produziert hat, das Rezo hätte
       vernichten sollen. Und das dann doch nicht veröffentlicht wurde. Wenn
       Amthor 30.000 Klicks bekommen hätte – es wäre ein Desaster gewesen.
       Vielleicht hat die Spitze der Union in den letzten Tagen gelernt, dass auch
       die Produktion eines erfolgreichen Beitrags auf YouTube einer gewissen
       Expertise bedarf.
       
       Offenbar herrscht Friedhofsruhe in Deutschland. Wäre es anders, gäbe es
       inhaltlich bedeutende Diskussionen: Unvorstellbar, dass das wütende Video
       eines Einzelnen auf so viel Interesse stieße. Aber es stieß auf Interesse.
       Und wie reagiert die politische Klasse? Beleidigt. Das wird nicht helfen.
       Jedenfalls nicht der demokratischen Auseinandersetzung.
       
       25 May 2019
       
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