# taz.de -- Kanzlerin auf Afrika-Tour: Wüstenwächter stehen nicht im Regen
       
       > Angela Merkel besucht neben Burkina Faso und Mali auch Niger. Das Land
       > ist Deutschlands Musterpartner bei der Abschottung der Grenzen.
       
 (IMG) Bild: Kanzlerin Angela Merkel empfängt Nigers Präsidenten Mahamadon Issoufou im August vergangenen jahres im Gästehaus der Bundesregierungin Meseberg
       
       Berlin taz | Als Kanzlerin Angela Merkel das letzte Mal nach Niger reiste,
       blieb sie nur wenige Stunden. Doch der Besuch im Oktober 2016 hatte es in
       sich. Merkel drängte damals darauf, dass das Land die Route durch die
       Sahara schließt. 330.000 Menschen zogen in jenem Jahr durch die Wüstenstadt
       Agadez nach Libyen, viele wollten weiter nach Europa.
       
       Bei ihrem am Donnerstag beginnenden Besuch bleibt die deutsche Kanzlerin
       immerhin eine Nacht in Niamey. Präsident Mahamadou Issoufou hat sich als
       einer der verlässlichsten strategischen Partner der EU in der Region
       erwiesen. Niger gilt heute in Afrika als „bon élève“ der EU, was sich
       wahlweise als „guter Schüler“ oder als „Lehrers Liebling“ übersetzen lässt.
       Und Merkels Besuch soll sicherstellen, dass das so bleibt.
       
       Issoufou forderte von Merkel bei ihrem letzten Besuch eine Milliarde Euro
       für seinen „Aktionsplan gegen die illegale Migration“. Nach ihrer Visite
       machte er Ernst mit dem Migrationsstop. Armee und Polizei begannen ein
       äußerst umstrittenes Gesetz aus dem Jahr 2015 umzusetzen, das den Transport
       von Ausländern aus Agadez in Richtung libyscher Grenze als „Schleusung“
       einstuft – auch wenn sich die Menschen völlig legal in Niger aufhalten.
       Fahrer wurden verhaftet, ihre Jeeps beschlagnahmt.
       
       Die EU bewilligte genau die von Issoufou geforderte Milliarde ein Jahr
       später bei einer Geberkonferenz in Paris. Die bis 2020 gestreckte Zuwendung
       entspricht über 11 Prozent des jährlichen nigrischen Staatshaushalts. Kurz
       danach hat sich das Land als weltweit einziges zur vorübergehenden Aufnahme
       evakuierter Flüchtlinge aus Libyen bereit erklärt.
       
       ## Neue Grenzposten
       
       Allein 241 Millionen Euro aus dem EU-Nothilfefonds für Afrika gegen
       irreguläre Migration werden in Niger ausgegeben. Bei einem Besuch im Juli
       2017 in Niamey übergab Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen
       (CDU) 100 Pritschenwagen, 115 Motorräder und 55 Satellitentelefone an
       Polizei und Armee. Mit europäischem Geld stattet die UN-Migrationsagentur
       IOM das Land mit neuen Grenzposten aus, stellt IT für die Grenzpolizei
       bereit und bildet diese aus.
       
       Auch die staatliche deutsche Entwicklungsagentur GiZ hat in Niger neue
       Grenzkontrollstellen errichtet. Die EU unterhält eine Beratungsmission
       namens EUCAP Sahel zum Polizei- und Grenzschutzaufbau in Niger. Ein
       grenzpolizeilicher Verbindungsbeamter der Bundespolizei ist heute in Niamey
       stationiert, zwei weitere Landespolizisten wurden für die EUCAP Sahel
       Mission entsandt. Das Mandat dafür läuft noch bis 2020.
       
       2018 schlug EUCAP Sahel dem Auswärtigen Amt den Aufbau einer mobilen
       Grenzüberwachungseinheit in der Grenzregion zu Nigeria vor. Nigeria ist
       eines der Haupt-Herkunftsländer für irreguläre Migration nach Europa.
       Deutschland und die Niederlande sagten im November insgesamt zehn Millionen
       Euro für die neue Grenzschutztruppe zu. Im März begann die Ausbildung von
       263 der künftig insgesamt 500 Angehörigen der Einheit durch die EUCAP Sahel
       Mission.
       
       All das hat Folgen. Bei einem Besuch im Juli vergangenen Jahres lobte der
       EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani, Niger habe die Zahl der Menschen,
       die auf dem Weg nach Europa durch das Land zieht „um 95 Prozent“ gegenüber
       2016 gedrückt. 2017, im ersten Jahr der Grenzschutzoffensive, seien das
       insgesamt 18.000 Menschen gewesen, in der ersten Hälfte 2018 rund 10.000.
       
       ## Richtiger Befund
       
       Tatsächlich zählt die IOM, auf deren Angaben die Statistik zurück geht, nur
       an einer Handvoll Straßenkreuzungen die Durchreisenden. Die meisten Fahrer
       aber machen aus Angst vor Polizei und Militär heute einen großen Bogen um
       diese Kreuzungen. Trotzdem stimmt der Befund. Viel weniger Menschen
       schaffen heute den Weg durch die Sahara. Viele können sich die auf
       umgerechnet rund 800 Euro verdreifachten Kosten für den illegalisierten
       Transport nicht mehr leisten. Und viele, die zahlen können, sterben,
       stranden in der Wüste bei dem Versuch, nicht von Polizei und Militär
       entdeckt werden.
       
       Im Januar sagte Alessandra Morelli, UNHCR-Missionschefin in Niger, sie gehe
       davon aus, dass heute auf jeden Tod im Mittelmeer mindestens zwei Menschen
       kommen, die „in diesem gnadenlosen Sandmeer unbekannt und anonym sterben.“
       
       Issoufou indes wird an der Kooperation mit der EU festhalten – schon
       deshalb, weil seine Regierung auf Hilfe im Kampf gegen dschihadistische
       Gruppen angewiesen ist, die Niger heute praktisch aus allen vier
       Himmelsrichtungen angreifen. 170.000 Menschen sind mittlerweile aus Mali in
       Nigeria vor Islamisten nach Niger geflüchtet. Und ebenso viele Nigrer
       mussten aus demselben Grund aus den Grenzregionen mit Burkina Faso und Mali
       ins Binnenland fliehen.
       
       2 May 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
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