# taz.de -- Reisen in Zeiten der Klimakatastrophe: Nach Schanghai mit dem Daumen
       
       > Alle Welt fliegt. Dabei kann man auch nach China reisen, ohne einen Cent
       > dafür zu bezahlen – und zwar per Anhalter.
       
 (IMG) Bild: Irgendwo im Nirgendwo in Kasachstan
       
       Augsburg/Shangai taz | Mein Freund Martin Desho und ich saßen auf den
       Rücksitzen eines Pkws in Kasachstan, der von einem betrunkenen Polizisten
       gefahren wurde. Er wedelte immer wieder mit seinem Dienstausweis herum,
       wenn er einen Schluck aus seiner Flasche nahm und dabei die Verkehrsregeln
       unmissverständlich verletzte, etwa wenn er über Bordsteine fuhr oder auf
       halsbrecherische Weise überholte.
       
       Damit wollte er wahrscheinlich ausdrücken, er dürfe das. Neben ihm saß eine
       Frau, die er wie zuvor uns am Straßenrand aufgesammelt hatte. Nachdem er
       die Frau zu einigen Schlucken aus seiner Flasche eingeladen hatte, fingen
       die zwei an, sich während der Fahrt anzufassen. Außerdem konnte man sich
       nicht anschnallen.
       
       Wenn ich gefragt werde, ob es nicht gefährlich war, von Augsburg nach
       Schanghai zu trampen, erzähle ich meistens von dieser Situation. Es war die
       einzige, in der ich wirklich Angst um mein Leben hatte. Es war auf dem Weg
       von Taras nach Almaty, also knapp 500 Kilometer, und wir wollten am selben
       Tag dort ankommen, weil wir dort für kurze Zeit arbeiten konnten.
       
       Ein paar Monate zuvor hatte ich während einer Ausstellung in Warschau
       [1][über das Trampen] Reisende aus der ganzen Welt getroffen und viel Zeit
       mit ihnen verbracht. Als ich ihnen erzählte, dass mein Freund und ich bald
       nach Japan wollten, brachten sie mich auf die Idee, per Anhalter
       hinzufahren. Wir sind beide schon davor viel getrampt, manchmal zusammen
       und manchmal allein. Als ich meinem Freund diese Reise vorschlug, sagte er
       sofort zu.
       
       ## Startpunkt: Messezentrum Augsburg
       
       Wir schauten uns die unterschiedlichen Reisewege an und wählten schließlich
       den aus, für den man am wenigsten Visa beantragen musste. Die Route führte
       über Tschechien, Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan.
       
       Der Grund dafür, dass wir nach Schanghai getrampt sind und nicht zu unserem
       eigentlichen Ziel Japan, ist, dass man, um ein chinesisches Visum zu
       erhalten, einen gebuchten Ausreiseflug nachweisen muss. Sonst hätten wir
       versucht, am Hafen von Schanghai auf einem Schiff mitgenommen zu werden. Da
       wir den Flug also sowieso buchen mussten, sind wir von dort nach Tokio
       geflogen.
       
       Wir gingen arbeiten und kauften uns die Ausrüstung; ein Zelt besaßen wir
       schon, wir benötigten Matten und andere Campinausstattungsgegenstände. Als
       wir die nötigen Dinge hatten und die Visa genehmigt waren, stellten wir uns
       an die Straße.
       
       Wir starteten am Messezentrum in Augsburg. Aus Städten herauszutrampen ist
       immer schwierig, und im weiteren Verlauf vermieden wir es, eine Fahrt in
       Städten zu beenden. Anfangs hatten wir jedoch keine Wahl, und so dauerte es
       fast zwei Stunden, bis uns ein Fahrer mitnahm. Die erste Nacht zelteten wir
       an einer Autobahnauffahrt nahe der tschechischen Grenze.
       
       ## Ein Zettel hilft durch Osteuropa
       
       Ab dem zweiten Tag konnten wir nur noch selten mit den FahrerInnen
       sprechen, da wir keine gemeinsame Sprache hatten. Das war im Vergleich zum
       Trampen in Deutschland deutlich schwieriger. Wir verbrachten viel Zeit
       damit, den FahrerInnen auf Google Maps den Weg und mit dem Finger in die
       gewünschte Richtung zu zeigen. Außerdem lernten wir später den russischen
       Ausdruck tschut-tschut kennen, was so viel bedeutet wie „ein kleines
       bisschen“. Damit drückten wir aus, dass uns auch nur ein paar Kilometer in
       die richtige Richtung ausreichen würden. Manchmal bedeutete es auch, dass
       wir nur ein wenig von dem selbst gebrannten Schnaps probieren wollten.
       
       Durch Tschechien und Polen ging es eher stockend. Wir hatten schon
       Bedenken, dass wir den Flug in Schanghai vielleicht verpassen würden. Wir
       mussten oft lange warten. Dabei lernten wir aber auch andere Tramper
       kennen, die zum Beispiel, als wir neben einer Tankstelle bei Ostrau
       campten, abends russische und ukrainische Volkslieder sangen. Außerdem
       verhalfen diese Tramper uns später in Russland zu einem Schlafplatz bei
       Freunden.
       
       Ab der Ukraine bis Kasachstan half uns ein Zettel, auf dem auf Russisch
       sinngemäß stand, dass wir nach Japan trampen wollten und ob die FahrerInnen
       uns ein Stück umsonst mitnehmen könnten. Wenn er gelesen wurde, folgte
       meistens die überraschte Rückfrage: „Umsonst?“, und wir nickten, und dann
       stiegen wir ein. Es ist in der Ukraine und Kasachstan üblich, Tramper nur
       mitzunehmen, wenn diese einen kleinen Betrag zahlen. Unser Ziel war aber,
       ohne Ausgaben für den Transport nach Schanghai zu kommen, und wir zahlten
       für eine Autofahrt nie Geld. Wir revanchierten uns mit einem Bild von den
       FahrerInnen und uns aus einer Sofortkamera – jedenfalls so lange, bis wir
       die Kamera in Kasachstan liegen ließen.
       
       In Russland nahm uns ein junges Paar mit einem neugeborenen Kind mit. Im
       Auto lief Psytrance, und uns wurde Bier angeboten. Die beiden zeigten uns
       ihr Haus, ihren Hof, stellten uns die Verwandten vor, ließen uns duschen,
       gaben uns zu essen und zu trinken und baten dann einen ihnen bekannten
       Lkw-Fahrer, uns zur nächsten Stadt mitzunehmen. Die Grenze nach Kasachstan
       überquerten wir in einem großen Wagen mit ungefähr zehn Männern, die ihre
       russischen Visa erneuern wollten und hinter der Grenze gleich wieder
       umdrehten.
       
       In Kasachstan zu trampen war eine prägende Erfahrung. Wir waren so weit
       gekommen, und an diesem Punkt war die Weite der Welt spürbar. Manchmal
       zelteten wir an Orten, die Hunderte Kilometer von jeder größeren Ortschaft
       entfernt waren. Wir bekamen viel Essen von FahrerInnen geschenkt und hatten
       immer eine Notration dabei. Wir stellten immer sicher, dass wir genug
       Wasser hatten, mit mehreren Flaschen und einem Fünfliterkanister. Wir
       wuschen uns mit dem Wasser aus diesem Kanister, manchmal auch in Flüssen
       und bei Menschen, die uns zu sich einluden. Oft kamen nur sehr wenige
       Autos, und meistens hielt das erste oder zweite, das an uns vorbeikam.
       
       ## Zelten am Yssykköl, Übernachten bei freundlichen Menschen
       
       Wir machten einen Abstecher nach Kirgistan, zelteten am Yssykköl, dem
       größten See des Landes, und wurden an einem anderen Tag von einer Familie
       zum Übernachten eingeladen. Die Mutter der Familie hatte gerade ihr viertes
       Kind geboren und war noch im Krankenhaus. Wir durften auf vielen Kissen und
       Matten schlafen, spielten mit den Kindern, aßen mit den Großeltern,
       staunten über die Vielfalt der Lebensweisen und fühlten uns sehr
       willkommen. Auch in Kasachstan durften wir im Haus einer Familie schlafen.
       Das waren für mich einige der schönsten Momente der Reise.
       
       In China waren wir zuerst in der Provinz Xinjiang, in der es immer wieder
       Unruhen gibt, und wir mussten ständig unsere Reisepässe zeigen. Es gab eine
       hohe Polizeipräsenz und viele Straßensperren. Als wir eines Abends unser
       Zelt auf einem Feld aufgeschlagen hatten, wurden wir plötzlich von ungefähr
       zehn schwer bewaffneten Polizisten umstellt, von denen dann einer seine
       Freundin anrief, weil sie uns in brüchigem Englisch sagen konnte, dass wir
       hier schnell wieder verschwinden müssten. Wir verbrachten viel Zeit auf der
       Polizeiwache und mussten dann eine Nacht in einem Hostel verbringen.
       
       Das Trampen in China war der schwierigste Teil der Reise. In allen Ländern,
       durch die wir davor kamen, war es nicht unüblich, auf diese Weise zu
       reisen. Die Menschen wussten, was wir wollten. In China aber hatte ich das
       Gefühl, dass viele FahrerInnen nicht verstanden, was wir da an der Straße
       machten, und oft war es nicht möglich, es ihnen zu erklären. Wir wurden
       einige Male an Bahnhöfe gefahren und mussten zurück zur Straße laufen. Es
       war auch immer wieder eine Herausforderung, die FahrerInnen davon zu
       überzeugen, dass wir an der Straße herausgelassen werden wollten, um zu
       zelten, und nicht an einem Hotel.
       
       Später nahm uns ein Paar mit, das mit seinem neuen Auto eine Tour durch das
       Land machte. Die zwei änderten für uns ihre Route und fuhren uns knapp
       2.000 Kilometer in Richtung Osten, sie luden uns mehrmals zum Essen ein und
       bestanden darauf, für uns eine Nacht im selben Hotel zu bezahlen, in dem
       auch sie untergebracht waren. Wenn wir mitgenommen wurden und unser Ziel
       verstanden wurde, waren auch die Menschen in China sehr gastfreundlich und
       halfen uns, so gut sie konnten.
       
       Unsere Reise nach Schanghai dauerte nur zwei Monate. In dieser Zeit machten
       wir unzählige Erfahrungen, von denen ich hier nur einen Bruchteil
       wiedergeben kann. Die wichtigsten Erkenntnisse waren wohl, dass es überall
       gute Menschen gibt und dass man sehr viel erreichen kann, wenn man es sich
       wirklich vornimmt. Davon profitieren wir beide noch immer – und
       wahrscheinlich unser ganzes Leben lang.
       
       18 Apr 2019
       
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