# taz.de -- Betreibergesellschaft rüstet ab: Gorleben auf Stand-by
       
       > Bis auf einen kleinen Rest wird die hohe Schutzmauer am Endlager
       > abgerissen. Doch der Dauerkonflikt um den Standort ist noch nicht
       > beendet.
       
 (IMG) Bild: Widerstand gegen das Gorlebener Atommülllager: Die Republik freies Wendland, 3.5.1980
       
       Göttingen taz | Zum vorerst letzten Mal können angemeldete Besucher diesen
       Montag in das Erkundungsbergwerk Gorleben einfahren. Über Tage beginnt
       zugleich der Abriss der rund zwei Kilometer langen und bis zu fünf Meter
       hohen Mauer um das Bergwerk, die in den achtziger Jahren als Abschottung
       gegen DemonstrantInnen gebaut wurde.
       
       Ein rund zehn Meter langes Stück soll als politisches Denkmal erhalten
       bleiben. Das Teilstück wird dem Landkreis Lüchow-Dannenberg und der
       örtlichen Anti-Atomkraft-Bürgerinitiative übergeben. Damit will die
       Betreibergesellschaft, die bundeseigene Bundesgesellschaft für Endlagerung
       (BGE), ein Zeichen der Versöhnung setzen. Ein weiteres Kapitel im
       Gorleben-Konflikt wird damit beendet, zu Ende ist die Geschichte aber noch
       lange nicht.
       
       Im Februar 1977 benannte der damalige niedersächsische Ministerpräsident
       Ernst Albrecht das Dorf im Wendland als Standort für ein „Nukleares
       Entsorgungsendzentrum“: Eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage, ein
       Endlager, ein Zwischenlager und eine Brennelementefabrik sollten dort
       entstehen. Im strukturschwachen und konservativen Kreis Lüchow-Dannenberg,
       so das Kalkül, würden die Leute nichts gegen diese Fabriken haben. Und erst
       recht nichts gegen die versprochenen Arbeitsplätze.
       
       Doch es gab offenbar noch einen anderen Aspekt. Der – inzwischen gestorbene
       – Geologe Gerd Lüttig erinnerte sich in einem taz-Gespräch an eine Sitzung,
       in der Albrecht nach seinen Angaben sagte: „Jetzt haben wir dieses
       Morsleben (DDR-Endlager, Anm. d. Red.) direkt an der Zonengrenze. Wenn das
       mal absäuft, dann haben wir im Helmstedter Raum die verseuchten Wässer. Ich
       möchte jetzt die Ostzonalen mal richtig ärgern, nehmen wir Gorleben als
       Gegengewicht. Mal sehen, was herauskommt.“
       
       ## Standort war „politisch nicht durchsetzbar“
       
       Mit Blick auf den Widerstand hatte sich Albrecht verrechnet. Schon am Abend
       der Standortbenennung versammelten sich in Gorleben Hunderte empörter
       Menschen. Drei Wochen später demonstrierten 20.000 auf dem geplanten
       Baugelände. Eine Wiederaufarbeitungsanlage in Gorleben, schrieb Albrecht an
       Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD), sei „politisch derzeit nicht
       durchsetzbar“. Zwei Ausstellungen in Hannover und Lüchow erinnern zurzeit
       an die damaligen Ereignisse.
       
       Atommüllfrei blieb die Region aber nicht. Im Gorlebener Wald entstanden
       zwei Atommüllzwischenlager und eine Pilotkonditionierungsanlage – sie
       sollte radioaktive Abfälle endlagergerecht verpacken und defekte
       Castorbehälter reparieren.
       
       Der unterirdische Salzstock wurde seit den 1980er Jahren als mögliche
       Lagerstätte für Atommüll geprüft. Die Bergleute trieben Schächte in den
       Boden, legten unterirdische Gänge und Hohlräume an, die eigentlich viel zu
       groß waren für eine bloße Prüfung. Das vorgebliche Erkundungsbergwerk nahm
       die Ausmaße eines Endlagers an, wie auch das Bundesamt für Strahlenschutz
       als damaliger Betreiber einräumte.
       
       Eine teilweise fehlende wasserdichte Tonschicht über dem Salzstock,
       Gasvorkommen und Wassereinschlüsse darunter: Über fachliche Einwände gegen
       die Eignung des Salzstocks setzten sich Bundesregierung und die
       Nuklearbranche mehrfach hinweg. Was nicht passte, wurde passend gemacht.
       
       Als die rot-grüne Bundesregierung und die Energiekonzerne im Jahr 2000
       erstmals einen zögerlichen Atomausstieg vereinbarten, beschlossen sie
       gleichzeitig ein zehnjähriges Moratorium für die Erkundung in Gorleben. Die
       Regierung übernahm jedoch den Begriff von der „Eignungshöffigkeit“ des
       Salzstocks, also der Hoffnung auf seine potenzielle Eignung. 2010 ging die
       Erkundung weiter, bis 2014 wurde gebohrt und gebuddelt.
       
       Im Zuge des Neustarts der Endlagersuche war vorläufig Schluss. Um den
       Gorleben-Konflikt zu beruhigen, beschloss der Bundestag, die Arbeiten
       einzustellen. Zum Jahreswechsel 2018 ging das Bergwerk in den sogenannten
       Offenhaltungsbetrieb über. „Der Erkundungsbereich wird außer Betrieb
       genommen und abgesperrt“, erläuterte die BGE, der jetzige Betreiber. Alle
       nicht mehr erforderlichen Maschinen und Fahrzeuge würden nach oben geholt.
       
       Das Bergwerk wurde also auf Eis gelegt, nicht aber endgültig geschlossen.
       Die Schächte wurden verschlossen, aber nicht zugeschüttet, wie es die
       Atomkraftgegner verlangten. Die Option, die Erkundung in Gorleben eines
       Tages fortzusetzen und doch Atommüll dort einzulagern, soll nicht verbaut
       werden.
       
       ## Politisch verbrannt und geologisch ungeeignet
       
       Von einem „Stand-by“-Betrieb spricht die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz
       Lüchow-Dannenberg. Der „politisch verbrannte und geologisch ungeeignete“
       Salzstock bleibe damit bei der Endlagersuche im Rennen. Die vorgeblich
       „weiße Landkarte“, die Grundlage für die Suche sein soll, habe mit Gorleben
       schon einen „dicken Fleck“.
       
       Kaum neu gestartet, geriet die Suche bereits ins Stocken: Bayern verweigert
       sich präventiv, andere Bundesländer und private Firmen mauerten bei der
       Herausgabe notwendiger Daten. Die BGE hatte diese Daten im vergangenen Jahr
       bei den Bergbehörden der Länder abgefragt, um zunächst bestimmte Gebiete
       als Endlagerstandorte ausschließen zu können – etwa wenn dort die Gefahr
       von Erdbeben besteht oder der Untergrund bereits durch frühere
       Bergbautätigkeiten und Bohrungen „verritzt“ ist. Bis 2031 soll der Standort
       für ein Endlager feststehen, doch dürfte dieser Zeitplan kaum zu halten
       sein.
       
       Mit dem Abbau der symbolträchtigen Betonmauer und ihrer Ersetzung durch
       einen „für Industrieanlagen üblichen Zaun“ will die BGE ein
       Entspannungssignal senden. Dass ein Eckstück der Mauer nun stehen bleibt,
       geht auf eine Idee der BI zurück: „Als Mahnmal für eine verkorkste
       Atommüllpolitik und als Warnung, dass Gorleben als mögliches Endlager nicht
       aufgegeben wurde. Aber auch als Meilenstein für einen erfolgreichen Kampf
       ‚David gegen Goliath‘, so die Bürgerinitiative.
       
       14 Apr 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reimar Paul
       
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