# taz.de -- Kommentar Festnahme in Brasilien: Dramatischer Pseudoerfolg
       
       > Die Festnahme des brasilianischen Ex-Präsidenten Temer wird medienwirksam
       > inszeniert. Sie sagt aber wenig über die Strafverfolgung aus.
       
 (IMG) Bild: Unter Korruptionsverdacht: Brasiliens Ex-Präsident Michel Temer
       
       Erneut haben die Ermittler in Brasiliens größtem Korruptionsskandal „Lava
       Jato“ zugeschlagen. Und wieder ließen sie Köpfe aus den höchsten Kreisen
       von Politik und Wirtschaft rollen. Diesmal ließ Richter Marcelo Bretas zehn
       prominente Personen verhaften, darunter [1][Ex-Präsident Michel Temer] und
       dessen ehemaliger Energieminister Moreira Franco. Der Vorwurf lautet:
       Geldwäsche und Korruption bei der Vergabe von Aufträgen rund um ein
       Atomkraftwerk. Temer wird zudem angelastet eine seit 40 Jahren in Rio de
       Janeiro agierende kriminelle Organisation anzuführen.
       
       Der Justizapparat ging dabei wie so oft äußerst medienwirksam vor. Wegen
       Verdunklungsgefahr wurde Temer in Sao Paulo von der Bundespolizei
       abgefangen und ins Gefängnis in Rio de Janeiro gebracht – auf unbestimmte
       Zeit, wie es hieß. Im Internet kursieren Bilder vom erniedrigten Temer und
       vom Sofakissen unter dem sein Freund und Finanzbetreiber Coronel Lima
       verdächtige Mobiltelefone versteckt haben soll: indem er darauf gesessen
       und sich geweigert habe aufzustehen.
       
       Kein Zweifel, die Behauptung von Temers Anwalt, hier würden Trophäen
       präsentiert, ist einleuchtend. Dem Volk soll was geboten und zugleich ein
       Signal gesendet werden: Seht her, wir tun was. Die Genugtuung in weiten
       Kreisen der Bevölkerung dürfte enorm gewesen sein, [2][überrascht hat die
       Festnahme kaum].
       
       Als zweimaliger Stellvertreter der wegen ungleich geringerer Vergehen –
       Schönung des Haushaltes – entmachteten Präsidentin [3][Dilma Roussef],
       hatte Temer 2016 ihren Sturz mit befördert und das Amt von ihr übernommen.
       Ihm blieben zweieinhalb Jahre als Interimspräsident. Zweieinhalb Jahre in
       denen er es schaffte zum unbeliebtesten Präsidenten aller Zeiten zu werden.
       Und in denen er es schaffte mit Hilfe einer großen Mehrheit im Parlament
       einer Untersuchung zu seinen dunklen Geschäften zu entgehen.
       
       Abzuwarten ist nun, ob den jüngsten Festnahmen auch angemessene Strafen
       folgen. Denn in der fünfjährigen Geschichte der Lava Jato-Ermittlungen ist
       außer Ex-Präsident Lula da Silva kein hochranginger Politiker und kein
       Konzernchef mit mehr als einer lächerlichen Bewährungsstrafe davon
       gekommen.
       
       40 Jahre soll Temer schon seinen kriminellen Machenschaften nachgehen. Dies
       wird bei den Brasilianerinnen vor allem Zweifel am bestehenden System säen.
       Und wenn die Richter und Ermittler auf lange Sicht zudem nichts mehr als
       dramatische Pseudoerfolge präsentieren können oder wollen, dann spielt das
       Militaristen und erklärten Demokratieskeptikern wie dem angeblichen
       Saubermann Präsident Jair Bolsonaro genau in die Hände.
       
       22 Mar 2019
       
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