# taz.de -- Digitale Hetze in Frankreich: Homogenität, die erstickt
       
       > In Frankreich haben Männer, auch Journalisten, Frauen im Netz
       > systematisch gemobbt. Über die Umgebung, in der das Phänomen entstand.
       
 (IMG) Bild: Eng am Smartphone und auf dem Weg nach oben: Mitarbeiter einer politischen Kampagne 2018 in Paris.
       
       Seit die infamen Praktiken der „Ligue du LOL“, dieses Jungsclubs,
       aufgedeckt worden ist, der seit Jahren vor allem Frauen, LGBT-Menschen und
       Opfer rassistischer Diskriminierung gemobbt hat, stelle ich mir Fragen. Die
       erste betrifft meinen Status als Auswanderin: Könnte die „Ligue du LOL“
       auch in Deutschland existieren?
       
       Mir scheint: nein. Mobbing und Sexismus kommen selbstverständlich auch dort
       vor. Doch das Ökosystem, in dem sich diese Geschichte abgespielt hat, ist
       sehr französisch.
       
       Ich erkläre, warum. Die Mitglieder dieser „Liga“ waren in ihrer Mehrheit
       Journalisten, weiße heterosexuelle Cis-Männer, die aus der Mittelklasse
       stammen. Die meisten von ihnen kamen, wie es herablassend heißt, aus der
       Provinz. Sie verstehen schon, was damit gemeint ist: nicht aus Paris.
       
       ## Man musste sich anpassen
       
       Es war für diese Karrieristen, die den Wunsch hatten, mit diesen Pariser
       Redaktionen zu kämpfen, nicht leicht, anzukommen. Man musste sich
       anpassen.
       
       In einem Interview zu der Berichterstattung über die Gelbwesten sagte der
       Gründer der „Ligue du LOL“ kürzlich: „In Deutschland haben die
       überregionalen Zeitungen ihren Sitz in Berlin, Frankfurt, Hamburg und
       München. In Frankreich ist alles in Paris zentralisiert. Journalist sein in
       Paris bedeutet häufig, nur Pariser Journalistenfreunde zu haben. Dadurch
       entsteht eine „Filterblase“, wie es so schön im Internet heißt. Als ich
       meine Journalistenschule absolvierte, war ich ein junger Typ von 19 Jahren
       aus Lothringen. Ich habe den Eindruck, dass man mir beigebracht hat, ein
       Pariser Journalist zu werden.“
       
       Es geht hier selbstverständlich nicht darum, die Mitglieder dieser „Liga“
       aus der Pflicht zu entlassen – allein dass man aus Lothringen stammt, macht
       aus niemandem einen Mobber in einer Machtposition. Nur: Das System, in dem
       dieses Treiben sich eingeschrieben hat, hier ist es: typisch französisch,
       zentralisiert, pariserisch, das Untereinander kultivierend.
       
       Die „Ligue du LOL“ ist nicht aus der dieser „Filterblase“ hervorgegangen.
       Aber sie hat dort gedeihen können.
       
       ## So bleibt man unter sich
       
       Wenn Sie in Frankreich ein erfolgreicher Journalist sein wollen, werden Sie
       beim Sprechen keinen Akzent haben, sei er aus der Provinz oder dem Ausland.
       Wenn Sie in Frankreich Journalist sein wollen, werden Sie PariserIn. Wenn
       Sie in Frankreich Journalist sein wollen, werden Sie als Journalist denken,
       als Journalist essen, Sie werden als Journalist schlafen und übernachten,
       Sie werden journalistische Bücher lesen und als Journalist träumen. Sie
       werden für Nachrichtenmagazine arbeiten, und zum Beispiel nicht für Frauen-
       oder für LGBT-Zeitschriften. Denn niemand kann sich vorstellen, dass dort
       zu arbeiten einem die gleiche soziale Befriedigung verschafft, wie für die
       großen Titel in Paris zu arbeiten. Das ist der Heilige Gral.
       
       Oft genug werden diese Titel von Männern geleitet. Von Weißen.
       Heterosexuellen. Das ist ein Teil des Problems. Die erstickende Homogenität
       im Schoß der Leitung französischer Redaktionen.
       
       Die „Ligue du LOL“ ist in diesem Kontext entstanden, Ende der Nuller Jahre.
       Ich erinnere mich ganz genau daran. 2007 erhielt ich mein Diplom an der
       Journalistenschule. Als junge Frau und Nichtpariserin aus dem Milieu der
       unteren Mittelklasse und Absolventin der Universität habe ich Jahre
       gebraucht, um meinen Platz zu finden.
       
       Idealerweise musste man PariserIn sein oder Bourgeois aus der Provinz,
       sofort eine Ausbildung erhalten, Science Po [Eliteschule in Paris, Anm. D.
       Red.] absolviert haben und dann auch noch eine Journalistenschule, um ein
       Netzwerk zu haben.
       
       ## Instrument der Unterdrückung
       
       2007, das war die Zeit, als man in Frankreich gerade erst begann, Twitter
       zu benutzen. Das war sehr aufregend. Der Dienst ermöglichte es,
       blitzschnell Zugang zu Informationen zu haben – und das mit einer
       Schnelligkeit, Effektivität und geradezu furchterregenden Schlagkraft.
       Twitter war eine Art Gegenmacht, ein subversives Werkzeug – das hatte nicht
       zuletzt der Arabische Frühling gezeigt.
       
       Die „Ligue du LOL“ bestand allerdings mehrheitlich aus weißen,
       heterosexuellen Männern, die aus der Mittelschicht stammten und keine Lust
       hatten, die Privilegien zu hinterfragen, die mit ihrem Status einhergingen.
       Diese Leute haben aus Twitter, einem potenziell subversiven Werkzeug, ein
       Instrument der Unterdrückung und Reproduktion von Gewalt gemacht.
       Sexistisch, rassistisch, anti LGBT.
       
       Das Ziel all dessen war die Gier nach Macht. Das hat gut funktioniert.
       Mehrere Mitglieder dieses „Clubs“ bekleideten zum Zeitpunkt des Skandals
       verantwortliche Posten bei großen Zeitungen – bei der Libération, bei dem
       Kulturmagazin Les Inrocks und so weiter.
       
       Man muss sagen, dass das journalistische französische Milieu schon immer
       auf sehr undurchsichtige Art und Weise funktioniert hat. Öffentliche
       Stellenausschreibungen findet man nur selten. Alles geschieht durch
       Kooptierung, durch Mundpropaganda.
       
       Dieser Mangel an Transparenz begünstigt, dass man unter sich bleibt. Denn
       wenn die „Ligue du LOL“ ein Jungsclub ist, heißt das, dass der
       Journalismus auch ein Jungsclub ist. Darum genügt es nicht, lediglich die
       Mitglieder der „Ligue du LOL“ zu bestrafen. Es muss auch das System
       reformiert werden, in dem sie sich ausgelebt haben.
       
       ## #MeToo: zu schnell vorüber
       
       Ein weiterer Teil des Problems: #MeToo hat bei den Journalisten in
       Frankreich nicht stattgefunden. Dabei haben wir Journalistinnen uns im
       Herbst 2017 schon etwas erzählt. Wir haben Namen ausgetauscht und unsere
       Geschichten, oftmals die gleichen: Junge, prekär arbeitende
       Journalistinnen, die zur Beute von weißen, heterosexuellen Typen in
       Machtpositionen geworden sind. Wir haben uns gefragt, warum „Dings“, damals
       an der Spitze eines großen Pariser Titels, noch ruhig schlief. „Dings“, der
       nachts eine Menge von Wannabe-Journalistinnen (ich war Teil davon) fragte,
       welche Unterwäsche sie trügen. Sie müssen wissen, dass „Dings“ immer noch
       ruhig schläft. Und dann war #MeToo vorüber. Zu schnell. Die angeprangerten
       Belästiger, die Vergewaltiger, die Aggressoren sind in Frankreich ziemlich
       gut da rausgekommen – manche haben die Gelegenheit sogar genutzt, sich in
       der Presse darüber zu beschweren.
       
       Der Journalist, auf den der Hashtag #BalanceTonPorc (deutsch: Verpfeif dein
       Schwein) abzielte, Eric Brion, etwa: Meine Zeitung hat ihm kürzlich ein
       Porträt gewidmet, in dem er erklärt, dass er sehr gelitten hat und dass er
       sogar seine 125 Pariser Quadratmeter gegen 90 eintauschen musste. Ein
       Hundeleben. Und dann haben Frauen, darunter die Schauspielerin Catherine
       Deneuve, erklärt, dass man den Männern nicht „die Freiheit, zu belästigen“
       wegnehmen dürfe. Andere haben gesagt, dass die „Verführung auf die
       französische Art“ etwas sehr Spezifisches bei uns sei, ein wenig wie das
       Schneckenessen oder Johnny Hallyday.
       
       ## Das Revival der #MeToo-Welle
       
       Während sich ganz Frankreich darüber zerfleischte hat, ist die #MeToo-Welle
       abgeebbt. Allein, glückliche Überraschung: Sie ist wiedergekehrt, auf
       jeden Fall bei den Journalisten. Der Skandal der „Ligue de LOL“ hat es nun
       ermöglicht, andere Geschichten wieder heraufzuspülen. Daraufhin habe ich
       mir weitere Fragen gestellt. Ich, die ich während der ersten Missetaten der
       „Ligue de LOL“ ein Twitter-Konto besaß, ich, die ich die meisten ihrer
       Mitglieder von Weitem kannte, ich, die das Geschehen aus großer Entfernung
       betrachtete, aber trotzdem … Ein bisschen habe ich schon mitbekommen.
       
       Ich, die ich Feministin bin, und es schon 2009 war: Warum habe ich nicht
       auf die schwachen Signale reagiert, die mir vage sagten, dass etwas Übles
       vor sich geht? Es gab etwa mit Anspielungen überfrachtete Tweets, die ich
       nicht verstand. Trotzdem habe ich gespürt, dass mit dieser Gruppe etwas
       nicht stimmte.
       
       Dass man sich fernhalten muss. Sich schützen. Als junge selbstständige
       Journalistin, also prekär und ein bisschen verloren in der Hauptstadt, habe
       ich gespürt, dass ich alles verlieren könnte, wenn ich ihr Ziel würde. Ich
       habe mich bedeckt gehalten und bin gleichzeitig meinen Weg gegangen. Er hat
       mich in Richtung Feminismus geführt.
       
       Im Schraubstock zwischen einem mir ungünstig gegenüberstehenden repressiven
       System und meinen feministischen Überzeugungen, war ich erleichtert, nicht
       ihr Ziel zu sein; gleichzeitig gewissenhaft verhindernd, ihnen einen
       Treueschwur zu leisten.
       
       Diese Erleichterung hat einen Namen: Feigheit. Heute will ich nicht mehr
       diese Person sein, die aus der Ferne zusieht, wie eine Bonzenbande Angst
       und Schrecken verbreitet, und die nicht versucht, dem ein Ende zu setzen.
       Allein ist das schwer, zu mehreren ist es möglich.
       
       Ich hoffe auch, dass die von den Pariser Redaktionen versprochene
       Selbstkritik es erlauben wird, Maßnahmen einzurichten zur Förderung von:
       
       * mehr Gleichstellung und Diversität, besonders in Machtpositionen
       
       * mehr Transparenz in der Vergabe journalistischer Stellen
       
       * Strukturen, die es Opfern erlauben, sich auszudrücken
       
       * einen besseren Schutz von Freelancern und Prekären, die schon von ihrem
       Status her in einer schwächeren Position sind.
       
       Denn das ist nur ein Anfang. Es wird schmerzhafte Erinnerungen in mir, in
       uns Anderen, wieder heraufbeschwören, aber wir sind so weit: Der zweite Akt
       von #MeToo in Frankreichs Journalismus beginnt jetzt.
       
       16 Feb 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Johanna Luyssen
       
       ## TAGS
       
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