# taz.de -- Verhaltensbiologin über das Küssen: „Küssen wirkt wie Impfen“
> Menschen stecken einander gegenseitig die Zunge in den Hals und tauschen
> Speichel aus. Die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher erklärt, was
> das eigentlich soll.
(IMG) Bild: Küssen dient der Kommunikation – und dem Austausch von Krankheitserregern
taz am wochenende: Frau Oberzaucher, warum küssen wir?
Elisabeth Oberzaucher: Eine der am weitesten verbreitete Hypothese ist,
dass das Küssen aus dem Mund-zu-Mund-Füttern entstanden ist. Aus der
Mutter-Kind-Beziehung also, wo Nahrungsbrei zerkaut und dem Kind gegeben
wird. Eine Handlung, die die Bindung stärkt. Und das wurde letztlich in die
romantische Beziehung übersetzt.
Welche Anhaltspunkte gibt es für diese These?
Es gibt noch ein paar wenige Kulturen, in denen es Mund-zu-Mund-Fütterung
gibt – und da kommt dafür das romantische Küssen nicht vor. Entweder oder.
Es gibt auch die Theorie, dass Küssen ein Balzritual ist. Früher haben wir
einander am Hintern gerochen, dann haben wir uns aufgerichtet und das Ganze
auf den Mund verlagert.
Das ist eine andere mögliche Erklärung. Beim Küssen kommt man sich nahe,
man riecht und schmeckt sich. Die chemische Zusammensetzung unserer
Körpersäfte hängt mit unserem Immunsystem zusammen. Dementsprechend kann
man durchs Küssen testen, ob das Gegenüber zu einem passt. Denn für die
Fortpflanzung ist ein passendes Immunsystem wichtig.
Das überlegen wir uns aber nicht bewusst, oder?
Nein. Die meisten Verhaltensweisen überlegen wir uns nicht vorher. So
reflektiert sind wir nicht.
Küssen ist also auch eine Art Test, ob der Kusspartner passt. Wenn dieser
Test fehlschlägt, gibt es dann keine Hoffnung auf eine Beziehung?
Es spielen ja bei der Einschätzung des Gegenübers ganz viele Faktoren
zusammen. Gefällt mir die Person optisch, riecht sie gut, mag ich die
Stimme. Gefällt mir, was sie sagt? Man muss beim Küssen nicht perfekt
abschließen, um gewählt zu werden. Sowohl chemisch als auch technisch.
Wenn es gut läuft, kann sich aus einem Kuss eine Beziehung entwickeln. Im
Laufe der Beziehung nimmt das wilde Knutschen meist ab. Nur noch ein Bussi
hier, ein Bussi da.
Eine biologische Erklärung lautet, dass Küssen wie Impfen wirkt. Mit dem
Küssen tauschen wir auch unsere Bakterien und Viren aus. Das heißt, wir
kommen mit der Mikroflora in Kontakt. Es ist wichtig, dass das lange vor
einer Schwangerschaft passiert …
… wieso das?
Es gibt manche Krankheitserreger, die sind nicht besonders schlimm, können
aber für einen Embryo gefährlich sein. Etwa bestimmte Herpesviren. Und wenn
man diesen Erstkontakt sechs Monate vor der Schwangerschaft hatte, ist die
Erstimmunisierung abgeschlossen und es wirkt sich nicht mehr negativ aus.
Küssen ist also nicht mehr notwendig, wenn ein Kind da ist?
Das hat man dann abgehakt, das erledigt man am Anfang der Beziehung.
Selbst wenn es kein Kind gibt oder in homosexuellen Beziehungen?
Dazu gibt es noch keine Antwort aus der Wissenschaft. Nachdem die Funktion
jedoch keiner bewussten Entscheidung bedarf, würde ich es annehmen.
Welche Bedeutung hat denn Küssen, davon abgesehen, für den Erhalt einer
Beziehung?
Küssen löst die Ausschüttung von Endorphinen aus, von Oxytocin. Das ist
also euphorisierend, macht glücklich. Und so wird auch die Bindung zum
Partner gestärkt.
Also sollten wir auch in Beziehungen häufiger knutschen?
Ja, häufiger knutschen, häufiger Sex haben. Um auch die hormonelle Basis zu
pflegen.
Küssen Frauen eigentlich anders als Männer, technisch gesehen?
Ein Unterschied ist die Übertragung von Speichelflüssigkeit. Es wird mehr
Speichel vom Mann zur Frau übertragen.
Männer küssen also feuchter?
Es kann sein, dass die Männer mehr Speichel produzieren. Oder es hat was
mit dem durchschnittlichen Größenunterschied zu tun. Ansonsten gibt es so
viele Techniken und Theorien wie Sandkörner.
Küssen ist nicht immer romantisch, sondern auch Kommunikation. Es gibt den
Eskimokuss, den Begrüßungskuss …
Es gibt da eine große kulturelle Variation. Dieses Küsschen links, Küsschen
rechts. Das ist ja auch schon in jedem Land verschieden. In der Schweiz
dreimal, bei uns in Österreich zweimal, in Deutschland ist das meines
Wissens nicht so weit verbreitet.
Selbst der Papst lässt sich küssen, auf den Ring.
Eine Art Unterwerfungsgeste. Es gibt ja noch den Bruderkuss. Der hat eine
weitere Funktion. Da umarmt man sich auch, und es geht darum, dass man sich
abtastet, ob man versteckte Waffen bei sich trägt. Küssen ist nicht immer
nur Hingabe.
Nicht alle Menschen küssen sich. In China galt Küssen zu Beginn des 20.
Jahrhunderts noch als „ekelhafte Spielart von Kannibalismus“. Ändert sich
das?
Auch in China gibt es ja viel Variabilität. Und außerdem wirkt sich die vor
allem medial globalisierte Welt auch dort aus, wir gleichen uns kulturell
an. In China wird ja jetzt auch weiß geheiratet, obwohl das traditionell
die Farbe der Trauer ist. Das gilt auch fürs Küssen in der Öffentlichkeit,
da wird das Land tendenziell westlicher.
30 Jun 2018
## AUTOREN
(DIR) Paul Wrusch
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