# taz.de -- Die Wahrheit: Sockenkauf mit Pediküre
       
       > Nackenmassage gefällig? Oder eine Kaffeekapselprobe? Einkaufen als
       > Erlebnis ist auch in Dublin das neue große Ding.
       
       Einkaufen war gestern. Wer heutzutage ein paar Socken erstehen will, muss
       sich auf einiges gefasst machen. „Erlebnis-Einkauf“, so heißt die
       Strategie, mit der man die Kundschaft von den Online-Shops weglocken will.
       Es geht längst nicht mehr nur darum, den Kunden zu animieren, sich ein
       Kleidungsstück auszusuchen und es zu bezahlen. Er soll sich rundum
       wohlfühlen. Dann kauft er zu den Socken vielleicht das passende Paar
       Schuhe. Und einen Anzug, der zu den Schuhen passt.
       
       Wie aber bringt man ihn dazu? Neulich fand in Dublin eine Konferenz des
       Verbands der Einzelhändler statt. Alan Henderson von Pygmalios Analytics
       erklärte den Händlern die Strategie: „Wir verfolgen die Bewegungen vor dem
       Laden, um zu sehen, wie viele Menschen vorbei laufen, und welcher
       Prozentsatz den Laden betritt – und was sie dann machen. Dazu benutzen wir
       Kameras, die das Alter, die Rasse, das Geschlecht, die Emotionen und die
       Dauer der Aktivitäten aufzeichnen.“
       
       Wenn man also einen Fön etwas zu lange anstarrt und dabei feuchte Augen
       bekommt, wird man wochenlang von Menschen verfolgt, die einem
       Haarpflegeprospekte in die Hand drücken? Die analoge Form der
       Online-Werbung? Das klinge zunächst erschreckend, räumt Henderson ein,
       beschwichtigt aber: „Wir wissen ja nicht, wer du bist.“ Beim Online
       shopping werde viel mehr erfasst.
       
       Das stimmt, doch um das zu vermeiden, geht man ja altmodisch in einen
       Laden. Und manche Dinge gibt es online nicht. Benzin zum Beispiel. Aber was
       ist bloß aus den guten, alten Tankstellen geworden? Früher bekam man dort
       Benzin und Zigaretten, im größten Notfall konnte man sogar eine grauenhafte
       Toilette hinter dem Gebäude aufsuchen. Heute gibt es rund um die Uhr warme
       Mahlzeiten, Heißgetränke, Alkohol, Souvenirs und Sanitäranlagen, die so
       manches Drei-Sterne-Hotel in den Schatten stellen. Es fehlt nur noch eine
       Couch, auf der sich der gestresste Autofahrer den Nacken massieren lassen
       kann.
       
       Massagen und anderes werden in Dublins Kaufhäusern längst angeboten. Von
       wegen schnell mal ein Paar Socken kaufen. Vorher ist eine Pediküre fällig,
       dazu ein Tässchen Kaffee. Apropos Kaffee: Nespresso hat es mit dem
       Erlebnis-Shopping auf die Spitze getrieben. Dem Unternehmen ist es
       gelungen, ihren Aluminiumkapselläden, in denen Menschen arbeiten, die wie
       professionelle Trauerredner gekleidet sind, den Hauch der Exklusivität zu
       verleihen. Respekt. Die paar Gramm Kaffee in den Kapseln werden sogar mit
       albernen Geschmacksnoten belegt, wie sie bei Wein üblich sind.
       
       Ist es das, was Thomas Burke, der Chef des Verbands der Einzelhändler,
       meinte, als er sagte, man müsse das Erlebnis des Einkaufens so theatralisch
       und gesellig wie möglich machen? Dann kauft man die Socken doch besser
       online. Es gibt ja sogar Socken-Abonnements.
       
       23 Apr 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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