# taz.de -- HipHop für Kinder: Die kleine Delle heißt Fontanelle
       
       > Eindrucksvolle Lektion in Sachen Pädagogik und Laserschwerter: „Deine
       > Freunde“ spielen in der Berliner Columbiahalle vor Tausenden Kindern.
       
 (IMG) Bild: Bester Beruf der Welt: „Deine Freunde“ sind glücklich mit ihren jungen Fans
       
       Warum sich kaum jemand um zeitgemäße Musik für Kinder kümmert, ist und
       bleibt ein Rätsel. Rolf Zuckowski in allen Ehren, seine
       „Weihnachtsbäckerei“ hat beste Chancen, auch die nächste Jahrhundertgrenze
       zu überdauern. Dass Kinder aus dem Singekreis-Alter direkt in die Hölle
       gewissenloser Plastik-Teenie-Truppen getrieben werden, weil niemand sich
       zwischenzeitlich ihrer annimmt, ist ein Jammer.
       
       Gut, dass wenigstens die Hamburger Deine Freunde mit toller Musik,
       glaubwürdigen Texten und Mut zur Ironie vor einiger Zeit in diese Lücke
       gestoßen sind. Zu technisch versiertem Rap, angesoultem Gesang und einem
       wilden Stilmischmasch aus HipHop, Dancefloor und Pop singen sie über große
       Themen: etwa die ewig gleichen Nervsprüche der Erwachsenen („Du bist aber
       groß geworden“) und die x-mal „nur noch fünf Minuten“, die man noch
       braucht, ehe man losgehen kann.
       
       Die Konzerte der gerade beendeten „Keine Märchen“-Tour von Deine Freunde
       waren seit Wochen ausverkauft, Ticket-Gesuche auf Ebay blieben unerhört.
       Gute Nachricht: Im Herbst geht es wohl in die Verlängerung.
       
       Die Glücklichen, die jetzt dabei sein konnten, zogen in Berlin am
       Samstagnachmittag los. Zu Tausenden strömten die Kids in die Columbiahalle,
       wo die Eltern schon auf Konzerte gingen, bevor sie Kinder bekamen. Ein
       seltsames Gefühl, zehn Jahre später an den Ort zurückzukommen, wo irgendwie
       alles begann. Jetzt also das erste Club-Konzert für den eigenen Nachwuchs.
       Mit Lightshow, Nebel, wechselnden Outfits und – ganz wichtig – echten (!)
       Laserschwertern. Ein echtes Rockkonzert eben.
       
       Alle Kinder werden gewissenhaft beschriftet und in ein großes Gatter vor
       der Bühne geleitet, Erwachsene haben dort keinen Zutritt. Wie Hühner in
       Freilandhaltung, aber so ist für freie Sicht und Bewegungsraum gesorgt,
       während die Eltern sich am Rand wie Käfighühner quetschen. Dann geht es
       los: Jubeln, Springen, Tanzen und Mitsingen. Westernhagen erblasste vor
       Neid, hörte er, mit welcher Inbrunst hier ganze Strophen aus Tausenden
       Kehlchen mitgeschmettert werden, von den Songs des neuen Albums und erst
       recht bei den Hits wie „Deine Mudder“ und „Hausaufgaben“.
       
       ## Traut ihnen mehr zu
       
       Auch ein Quentchen Melancholie wird den Kleinen zugetraut, wenn über den
       unbeachtet am Weg liegenden Matsch gerappt wird, in dem man als Kleinkind
       lustvoll herumpatschte, aber für den selbst diese jungen Zuhörer inzwischen
       zu alt geworden sind – auch mit acht Jahren gibt es Abschiede. Eine
       lupenreine Ballade fügt der Popgeschichte das Genre des Fontanellen-Songs
       hinzu und schmachtet die „kleine Delle“ im Babykopf zum Zerfließen an. Denn
       eigentlich gibt es ja nur zwei wirklich wichtige Themen für große Musik:
       Liebe und Fontanelle.
       
       Am Ende tauchen die drei Musiker von Deine Freunde ein in die Masse ihrer
       enthusiasmierten Fans, springen mit ihnen gemeinsam kleine Choreografien
       und geben den Eltern eine eindrucksvolle Lektion in Sachen Pädagogik: Sie
       bringen eine ganze Halle aufgedrehter Kinder dazu, schweigend auf dem Boden
       zu sitzen.
       
       Wer je versucht hat, einen Kindergeburtstag mit acht aufgedrehten
       Winzlingen zu bändigen, erstarrt vor Ehrfurcht. Da glaubt man Deinen
       Freunden jedes Wort, wenn sie singen, dass sie den besten Beruf der Welt
       haben, weil dies ihre Fans sind – die noch „Fantasie, keinen Masterplan“
       haben.
       
       Ach, so könnte es ewig weitergehen, wenn da am Horizont nicht schon die
       böse Pubertät lauerte. Auch ihr wird tapfer ins Gesicht gerappt. Wenn es so
       weit ist, können Eltern endlich wieder auf ihre eigenen Konzerte gehen und
       depressive Songs über gescheiterte Beziehungen und gesellschaftliches Elend
       hören. Auch schön. Aber wenn diese sie allzu sehr runterziehen, werden sie
       innerlich „Fontanelle / kleine Delle“ anstimmen, und alles wird leichter
       und schöner sein.
       
       4 Mar 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heiko Werning
       
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