# taz.de -- Buch und Schau zu jüdischer Malerin: Dramaturgin des eigenen Schicksals
       
       > Eine neue Werkausgabe von Charlotte Salomons „Leben? Oder Theater?“ ist
       > erschienen. In Amsterdam zeigt eine Ausstellung den Bilderzyklus.
       
 (IMG) Bild: Ein Sebstporträt von Charlotte Salomon, gezeigt im Jüdischen Museum Berlin, 2007
       
       Was mit der eigenen Selbstverortung passiert, wenn man nach dem Selbstmord
       der Großmutter erfährt, dass die eigene Mutter nicht durch eine Grippe,
       sondern ebenfalls durch einen Suizid aus dem Leben geschieden ist:
       Charlotte Salomon hat dies und anderes ab 1940 in einem gigantischen
       Bilderzyklus aufgezeichnet und dafür den programmatischen Titel „Leben?
       Oder Theater?“ gefunden.
       
       Die familiäre Schwermut, die Suizide, die falschen Geschichten lassen
       vieles als absurde Darstellung erscheinen – ohne dass dadurch Kindheit und
       Jugend, Kunststudium im Nazi-Berlin und später das Leben im besetzten
       Frankreich zwingend weniger intensiv erfahren und beschrieben würde.
       
       Im Hauptteil ihres komplex erzählten Singspiels, wie Salomon ihr Werk
       nannte, weil es sich immer wieder auf Musikstücke bezieht, entfernt sie
       sich zunehmend von der konkreten Autobiografie und stellt die
       grundsätzliche Frage an die Welt: Was ist Realität, was ist Fiktion?
       
       Spätestens mit der 13. documenta wurde der Bilderzyklus einem größeren
       Publikum bekannt; unzählige Gouachen, in denen die Künstlerin sich zur
       Dramaturgin des eigenen Schicksals machte. Trotz Themen und Farbgebung in
       düsterer Grundstimmung, ringen die dicht erzählenden Blätter Charlotte
       Salomons Lebensgeschichte ein Maximum an Vitalität ab. Auch deshalb soll
       Salomons Ermordung mit 26 Jahren in Auschwitz, nur kurz nach
       Fertigstellung ihres Werk, ebenjenes nicht nachträglich bestimmen.
       
       Wie deshalb Kuratoren und Angehörige für „Leben? Oder Theater?“ in den 60er
       Jahren eine passende künstlerische Form suchten, um Charlotte Salomon
       posthum als Künstlerin und nicht primär als Holocaust-Opfer zu etablieren,
       erzählt Judith C. E. Belinfante, ehemalige Direktorin des Joods Historisch
       Museum in Amsterdam, in einer neuen Werksausgabe, die vor Kurzem im
       Taschen-Verlag erschien.
       
       ## Irritierende Auswahl
       
       Die vorangestellten Essays von Belinfante und Evelyn Benesch sind wichtiger
       und spannender Bestandteil des Bildbands, den eine Sprecherin des Taschen
       Verlags als eine Einführung in Salomons Kunst und zu ihrer Person versteht.
       Dass Taschen sich aus ihrem ursprünglich immerhin 1.325 Einzelseiten
       umfassenden Werk einen Teil herausgreift und diesen a priori als „die
       wichtigsten 450“ Bilder bezeichnet, wirkt allerdings irritierend bei einem
       Titel, der mit den berühmt gewordenen Worten der Malerin wirbt, mit denen
       sie das Werk vor ihrer Ermordung an einen Freund übergibt: „Sorg gut dafür,
       es ist mein ganzes Leben!“
       
       Dass es pragmatische oder auch konzeptionelle Gründe geben wird für die
       Reduzierung des umfangreichen Werks – geschenkt. Nur sollten dann die
       Kriterien, nach denen die Relevanz eines einzelnen Bildes bewertet wurde,
       offengelegt werden.
       
       Man muss dem Verlag zugute halten, dass Salomons Singspiel trotz seiner
       grundsätzlich chronologischen Handlung nicht so leicht in die klassische
       Buchform zu bringen ist. Dabei ist der Umfang gar nicht einmal die große
       Herausforderung: Die Malerin hat ihre einzelnen Blätter oft kleinteilig
       oder wild in alle Richtungen beschrieben, mit erklärenden Transparenten
       versehen und bisweilen beidseitig bemalt. Im Buch findet man so ein großes
       Hauptmotiv auf der einen, neben transkribiertem Text und oftmals kleinerem
       Motiv auf der anderen Seite. Wunderbar, „Theater? Oder Leben?“ überhaupt in
       den Händen halten und darin blättern zu können.
       
       Für eine vollständigere Ansicht muss man also entweder einen dreistelligen
       Betrag für eine antiquarische Ausgabe hinlegen („Ein autobiographisches
       Singspiel in 769 Bildern“) oder nach Amsterdam reisen, wo aktuell erstmalig
       der komplette Werkzyklus zu sehen ist. Immerhin virtuell geht das auf den
       Seiten des Joods Historisch Museum dauerhaft.
       
       2 Feb 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina J. Cichosch
       
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