# taz.de -- Flüchtlinge in Griechenland: Ganz normaler Ausnahmezustand
       
       > In Griechenland hat sich an den katastrophalen Lebensbedingungen für
       > Flüchtlinge bisher wenig geändert. Nun naht der Winter.
       
 (IMG) Bild: Schon im Juni nicht angenehm, wie wird das erst im Januar? Flüchtlinge in Patras, Griechenland
       
       Athen taz | Über 14.000 Flüchtlinge und Migranten sitzen auf den
       griechischen Inseln nahe der Türkei fest. Noch immer müssen sie in
       sogenannten Hotspots [1][unter tragischen Bedingungen ausharren]. Nun naht
       der nächste Winter. „Wir machen uns große Sorgen, denn der letzte Winter
       war dramatisch“, sagt Vassilis Voulgarakis von der
       Nichtregierungsorganisation Lesvos Solidarity.
       
       Zahlreiche Menschen mussten in Zelten bei Minusgraden überwintern, weil die
       Kapazitäten in den Containern nicht ausreichten, erinnert sich der
       43-Jährige. Sechs-Personen-Zelte waren mit bis zu 25 Menschen vollkommen
       überbelegt. Schwere Regenfälle durchnässten Decken, Schlafsäcke und
       Kleidung der Camp-Insassen. Sie hausten im Schlamm. Dann fiel Schnee.
       
       „Wir beobachten, dass sich erneut eine solche Situation anbahnt“, sagt
       Voulgarakis. Wenn nicht bald etwas von Seiten der Autoritäten geschieht,
       werden die Menschen hier wieder einen bitteren Winter erleben müssen.“ Doch
       die Menschen, die sich vor Krieg und Elend nach Europa flüchteten, scheinen
       vergessen, sagt der Mann, der seit 2015 auf Lesbos lebt.
       
       Noch immer gibt es kein durchgängig fließendes Wasser im
       regierungsgeführten Camp Moria. Immer wieder wird das Wasser abgestellt.
       Die sanitären Anlagen reichen längst nicht aus. So hat das Camp eine
       Kapazität für etwa 1.500 Menschen. Aktuell leben dort 5.000, darunter
       Hunderte Kinder. Die Bearbeitung der Asylanträge geht nur sehr langsam
       voran, sodass Tausende Menschen hier eng gedrängt leben müssen.
       
       ## Im letzten Jahr gab es Tote
       
       „Im letzten Jahr sind bereits Menschen wegen der katastrophalen Zustände
       ums Leben gekommen“, sagt Voulgaris. „Die verzweifelten Menschen
       entzündeten in ihren Zelten Feuer, um sich zu wärmen. Sie starben an
       Rauchvergiftung – so etwas darf in diesem Winter nicht wieder passieren“,
       fordert Voulgaris.
       
       Die EU müsse endlich Verantwortung übernehmen und die Flüchtlinge aus
       diesen menschenunwürdigen Bedingungen herausholen. Asylentscheidungen
       müssen schneller getroffen und Leute umgesiedelt werden. Doch auch dieses
       Jahr werden wohl Tausende auf griechischen Inseln überwintern müssen.
       
       Die Verzweiflung der Menschen macht sich in psychischen Erkrankungen immer
       stärker bemerkbar. [2][Darauf weisen Ärzte ohne Grenzen hin]. Auch die Zahl
       selbstmordgefährdeter Personen steigt. „Wir haben nicht genügend
       Psychologen zur Verfügung“, sagt eine Sprecherin von Ärzte ohne Grenzen.
       Zwar treffen weitere Psychologen ein, die sich um akute Fälle kümmern
       werden. Für dringend nötige Nachbehandlungen reichen die Kapazitäten aber
       längst nicht aus.
       
       ## Wieder mehr Flüchtlinge und Migranten
       
       Doch die Flüchtlingssituation in Griechenland wird jetzt im Gegensatz zu
       letztem Jahr nicht mehr als Ausnahmezustand bewertet. Auch wenn die Lage
       auf den Inseln schlimm sei, sagt Boris Cheshirkov, Sprecher des
       UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR. „Wir haben die griechischen Behörden
       aufgefordert, die Camps auf den Inseln winterfest zu machen“, sagt er. Das
       schlechte Wetter komme, schon jetzt regne es oft und die Nächte sind kalt.
       
       Doch ohne Anweisungen der griechischen Regierung könne der UNHCR nicht
       agieren, sagt der Sprecher. „Es ist nicht unsere Aufgabe, Geld der
       griechischen Regierung für die Flüchtlingshilfe zu verwalten.“ Das sei ein
       verbreitetes Missverständnis.
       
       Die Zahl der Ankünfte von Flüchtlingen und Migranten sei wieder gestiegen,
       bestätigt Cheshirkov: Seit Jahresbeginn sind etwa 20.000 auf den
       griechischen Inseln angekommen, die Hälfte von ihnen ab Juli. Dennoch sei
       der UNHCR innerhalb der EU nicht dazu da, Zelte zu stellen, und Schlafsäcke
       oder Decken zu verteilen. Der UNHCR sorge vielmehr dafür, die Schwächsten
       unter den Flüchtlingen – Menschen mit Behinderung, Schwangere oder
       Alleinerziehende mit kleinen Kindern – herauszufiltern, um sie
       schnellstmöglich aufs Festland zu bringen. Die Entscheidung, wer
       transportiert werden dürfe, trage aber die griechische Regierung. Der UNHCR
       sei hauptsächlich zur Informationsvermittlung und Beratung dieser
       zuständig.
       
       Doch die Aussagen der griechischen Regierung zur Strategie für den Winter
       sind vage. „Wir arbeiten an einem Plan, der die Flüchtlinge und Migranten
       auf den Inseln unter bestmöglichen und unter menschenwürdigen Bedingungen
       unterbringen wird“, sagt ein Sprecher des Migrationsministeriums.
       
       12 Oct 2017
       
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