# taz.de -- Neuauflage von Donna Haraways Essays: Ein Kabel als Nabelschnur
       
       > Die Aufsätze der Feministin erscheinen als „Monströse Versprechen“ in
       > einer Neuauflage. Sie denkt Biologie, Kultur und Technologie brilliant
       > zusammen.
       
 (IMG) Bild: Welche Rollen spielen Frauen im Fortschritt? Haraways Visionen sind richtungsweisend (Archivbild 2001)
       
       Verkabelt mit Smartphone, mit Headset vor dem Bildschirm, ein Hörimplantat
       im Ohr. Wenn es eines Belegs für die prophetische Kraft von Donna Haraways
       Essay „A Cyborg Manifesto“ von 1985 bedürfte – die Lebenswelt des 21.
       Jahrhunderts liefert sie täglich.
       
       Reizvokabeln wie die von der „artefaktischen Natur“, die Forderung, das
       „Bild des Cyborgs nicht länger als ein feindliches zu betrachten“, oder
       Sätze wie: „Die Lust an Maschinenpotenzen hört auf, Sünde zu sein“, trugen
       der 1944 geborenen Feministin und Naturwissenschaftlerin den Vorwurf einer
       unkritischen Apologie der Technik ein.
       
       Die Einsicht der US-amerikanischen Wissenschaftlerin, „nicht länger in
       einer ‚natürlichen‘ Welt leben“ zu können, war jedoch nie affirmativ
       gemeint. Den unwiderruflichen „Zusammenbruch der sauberen Trennung zwischen
       Organismus und Maschine“ sah Haraway als Aufforderung an Feministinnen,
       „Methoden für die Analyse und Herstellung von Technologien finden, die zu
       einem Leben führen, wie wir es alle wollen, ohne Herrschaft vermittels
       Rasse, Geschlecht und Klasse“.
       
       ## Inspirierende Querdenkerin
       
       „Monströse Versprechen“ ist eine Neuauflage von Haraways 1995 unter diesem
       Titel erschienenen Essays. Hier lässt sich der theoretische Werdegang einer
       der inspirierendsten Querdenkerinnen unserer Zeit nachvollziehen. Von dem
       lustvoll spielerischen Techno-Optimismus aus der Zeit ihres
       Cyborg-Manifesto bis zum deutlich düstereren Ton ihres jüngsten Aufsatzes:
       „Anthropozän, Kapitalozän, Plantagozän, Chtuluzän: Making Kin“ aus dem Jahr
       2015.
       
       Die Einsicht in die „unumkehrbare Zerstörung“ durch den Ökozid, die sie in
       diesem neuen Text zeichnet, ist für die heute 72-jährige Denkerin kein
       Grund zur Positionsaufgabe oder ein Zeichen von Alterspessimismus. Mit
       ihren „Cyborgs für irdisches Überleben“ proklamiert sie den Aufbau einer
       artübergreifenden Widerstandfront im „Bauch des Ungeheuers Neue Weltordnung
       AG“.
       
       Nur dann sei für „Multispezies-Assemblagen, die auch Menschen umfassen, ein
       Gedeihen“ auf dem Planeten möglich – wahrlich eine „monströse“
       Herausforderung für das anthropozentrische Denken.
       
       „Making Kin“ – der auf den ersten Blick unverständlich klingende
       Titel-Appendix ist ein Beleg dafür, wie produktiv sie Kultur- und
       Naturwissenschaften verbindet. Das altertümliche Wörtchen kin hat sie bei
       William Shakespeare entlehnt. Kin bedeutet so viel wie „Verwandtschaft“.
       Und „Verwandtschaft machen“ versteht Haraway in dem Sinne, dass die
       „artübergreifende Ökogerechtigkeit“ nur zu erreichen sei, wenn die
       Verbindung zwischen Verwandtschaft und biologischer Abstammung zugunsten
       fantasievollerer Kombinationen aufgelöst wird.
       
       ## Ein Affe im Weltraum
       
       Noch heute großartig: ihr Aufsatz „Von Affen und Müttern. Eine Allegorie
       des Atomzeitalters“ aus dem Jahr 1989. Darin stellt sie dem Bild der
       Verhaltensforscherin Jane Goodall, die die runzlige Hand eines Schimpansen
       im Gombe-Nationalpark von Tansania ergreift, die Aufnahme des verkabelten
       Schimpansen HAM entgegen. Dieses „vollkommene Kind des Weltraums“, eine
       frühe Kreuzung aus kybernetischer Technologie und Organismus, umkreiste im
       Rahmen des bemannten Raumfahrtprogramms der Nasa 1961 die Erde. Der Essay
       ist eine wirkmächtige Ikone des Gegensatzes zwischen dem mythischen
       Ökosystem und dem Anti-Ökosystem schlechthin.
       
       Die leisen Zweifel der deutschen Feministin Frigga Haug im Geleitwort, ob
       es bei Haraways atemberaubendem Theoriemix mit rechten marxistischen
       Dingen zugeht, widerlegt Haraways glänzender Aufsatz „Genfetischismus“.
       
       Analog zu Marxens Analyse vom Fetischcharakter der Ware kritisiert sie
       darin die Idee des Gens als allmächtigen „Master-Moleküls“. Und sieht es
       stattdessen als sich ständig verändernden „Knotenpunkt in dynamischen
       Kommunikationszusammenhängen“.
       
       Haraways Analyse, dass „Kommunikations- und Biotechnologien die
       entscheidenden Werkzeuge zum Umbau unserer Körper“ seien, ist heute
       womöglich noch aktueller als vor 20 Jahren. Umso dringlicher stehen
       Arbeiter- und Frauenbewegung vor der Aufgabe, die „theoretische Starre“ zu
       überwinden, die der kämpferischen Wissenschaftlerin früh auffiel.
       
       „Warum scheint der Sozialismus so mit dem ‚Arbeiter‘ als Quelle allen Seins
       verheiratet zu sein und der Feminismus wie durch eine Nabelschnur mit
       diesem anderen mythischen produktiven Wesen Frau?“, fragte Haraway schon
       1981 auf der Internationalen Sozialismus-Konferenz in Jugoslawien. Haraways
       seitdem hartnäckig wiederholte Mahnung an die Feministinnen, im Grunde aber
       an alle progressiven Kräfte, sich die nötige Kompetenz in Sachen
       Technologie anzueignen, findet interessanterweise ihren aktuellen Nachhall
       in den Manifesten und Debatten der – zumeist männlichen –
       „Akzelerationisten“.
       
       ## Denken ohne Datenbrille
       
       Philosophen und Blogger wie Nick Land, Nick Srnicek, Alex Williams und
       Armen Avanessian in Deutschland fordern vehement, die Linke müsse „ jede
       vom Kapitalismus ermöglichte technologische und wissenschaftliche
       Errungenschaft zu ihrem Vorteil ausnutzen“.
       
       Was Haraway von diesen unterscheidet, ist, wie konsequent sie Technologie
       für eine „feministische, antirassistische und multikulturelle Zukunft“
       einsetzen will. Kein Zweifel: Die lässt sich nur entwerfen, wenn Biologie,
       Technologie und Kultur so brillant zusammengedacht werden, wie Haraway es
       überzeugend vormachte.
       
       Eine ganz außerordentliche Fusion, die dieser Pionierin des
       grenzüberschreitenden Denkens bis heute offenbar noch ganz ohne Datenbrille
       gelingt.
       
       2 Sep 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ingo Arend
       
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