# taz.de -- Wahl in Algerien: Ein Land resigniert
       
       > Die Algerier wählen ein neues Parlament. Es wird wohl alles beim Alten
       > bleiben – und doch ist die Abstimmung eine Premiere.
       
 (IMG) Bild: FLN-Unterstützerin auf einer Wahlkampf-Veranstaltung in Algier, April 2017
       
       MADRID taz | Die Algerier sind an die Urnen gerufen. Am Donnerstag wird ein
       neues Parlament gewählt. Seit dem 9. April herrscht Wahlkampf, doch kaum
       jemanden interessiert die Abstimmung. Denn niemand zweifelt daran, dass mit
       der Nationalen Befreiungsfront (FLN) und deren Abspaltung, der Nationalen
       Demokratischen Versammlung (RND), einmal mehr die beiden Parteien gewinnen
       wer-den, die seit Jahrzehnten das Geschick des nordafrikanischen
       Krisenlandes lenken.
       
       Wenn überhaupt, dann sind es die Anekdoten der Wahlkampagne, die die
       Menschen interessieren. Eine handelt von den „Geisterfrauen“: Mehrere
       islamistische Parteien hatten auf ihren Plakaten die Gesichter der
       Kandidatinnen per Photoshop wegretuschiert. Was zurückblieb, war ein Kleid
       und ein Kopftuch. Die Wahlkommission schritt ein und verlangte von den
       Parteien, die Plakate zu ändern. Die Wähler hätten ein Recht zu sehen, wem
       sie ihre Stimme anvertrauen.
       
       Seit der letzten Parlamentswahl im Jahr 2012 sind die algerischen Parteien
       verpflichtet, einen Frauenanteil von mindestens 30 auf ihren Listen und
       später im Parlament zu haben. In der zu Ende gehenden Legislaturperiode
       sind knapp 31 Prozent der Abgeordneten der Nationalen Volksversammlung
       Frauen. Nirgends in Nordafrika sind die Frauen so stark vertreten wie in
       Algerien.
       
       ## Resignation statt Wahlbegeisterung
       
       Was den Mächtigen im Land aber Sorgen bereitet, ist die Wahlbeteiligung –
       und der damit einhergehende mögliche Mangel an Legitimität des Urnengangs.
       Insgesamt 63 Parteien treten am Donnerstag an, die
       Wahlkampf-Veranstaltungen in den großen Städten des Landes waren aber nur
       spärlich besucht.
       
       Seit den ersten freien Parlamentswahlen 1991/1992 geht die Lust der Wähler,
       ihre Stimme abzugeben, zurück. Damals gewann die Islamische Heilsfront
       (FIS) im ersten Durchgang. Vor dem zweiten Durchgang brach die Armee die
       Wahl ab. Die FIS wurde verboten. Das Land versank in einem zehn Jahre
       dauernden blutigen Krieg, der rund 200.000 Menschen das Leben kostete.
       
       Zwar hat sich die Sicherheitslage in den letzten 15 Jahren deutlich
       verbessert, doch die wirtschaftliche und soziale Situation kaum. Das
       Parlament hat nicht wirklich etwas zu sagen. Eine starke Opposition gibt es
       nicht. Bei der Parlamentswahl 2012 lag die Wahlbeteiligung bei 43 Prozent,
       und das war – so zahlreiche Beobachter – eine beschönigte Zahl. Algeriens
       Bevölkerung steckt in einer tiefen Depression.
       
       Die Islamisten, die einst große Massen hinter sich vereinten, sind
       weiterhin verboten. Diejenigen, die unter dem Markenzeichen Islam antreten,
       unterstützten immer wieder die regierende FLN und sind somit weitgehend
       diskreditiert. Das nicht-religiöse Lager zerfällt in unzählige Parteien.
       
       ## Eine Premiere
       
       Und dennoch ist die Wahl an diesem Donnerstag so etwas wie eine Premiere.
       Es ist der erste Urnengang, der nicht unter der Kontrolle des übermächtigen
       Geheimdienstgenerals Mohamed Lamine Mediène „Toufik“ stattfindet. Dieser
       wurde 2015 von Präsident Abdelaziz Bouteflika in den Ruhestand geschickt.
       Einige Oppositionsparteien versprechen sich davon sauberere,
       demokratischere Wahlen.
       
       Zudem räumt eine Verfassungsrevision aus dem vergangenen Jahr dem Parlament
       mehr Kompetenzen ein. Die Opposition in der Nationalen Volksversammlung
       wird gestärkt. Mehrere Parteien, die bisher immer wieder zum Boykott
       aufgerufen hatten, nehmen am 4. Mai teil – allen voran die Versammlung für
       Demokratie und Kultur (RCD), die vor allem in der Kabylei, der Region der
       Berberminderheit, stark ist.
       
       Den Parteien geht es darum, Präsenz zu zeigen. Denn spätestens 2019 stehen
       Präsidentschaftswahlen an – wenn der schwerkranke Staatschef Abdelaziz
       Bouteflika sich nicht bereits zuvor zurückzieht.
       
       3 May 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Reiner Wandler
       
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