# taz.de -- Interview mit Tanzlehrer: „Ein ungeheures Gefühl von Freude“
       
       > Juan D. Lange bringt den Berlinern nicht nur südamerikanische Tanzstile
       > wie Tango und Salsa bei, er vermittelt eine ganze Lebensphilosophie.
       
 (IMG) Bild: Tanzt für den Fotografen sogar auf dem Tresen: Juan D. Lange
       
       taz: Herr Lange, Ihr Motto lautet „Bailar es cultura“ – „Tanzen ist
       Kultur“. Ist das fürs Salsatanzen nicht ein bisschen hoch gegriffen? 
       
       Juan D. Lange: Populäre Tänze wurden lange abgewertet, aber natürlich sind
       sie ein wichtiger Teil der Kultur. Im Fall von Salsa der Kultur Kubas, wo
       sich der Tanz über 100 Jahre aus älteren Stilen entwickelt hat, aber auch
       der Kultur der gesamten Karibik und der Latinos in New York. Als ich nach
       Europa kam, habe ich mich über den elitären Kulturbegriff hier sehr
       gewundert, der offenbar stark davon abhängt, ob eine Aktivität vom Staat
       finanziert wird oder nicht. Schon ein Begriff wie „hohe Kultur“ ist
       befremdlich.
       
       Der Tango gilt hierzulande schon als seriöser – er ist ja auch ziemlich
       ernst. 
       
       Ich sage immer ironisch: Die vielen nach Argentinien und Uruguay
       ausgewanderten Italiener sehnten sich nach der Dramatik der Oper, und dabei
       kam der Tango heraus. Der Tango transportiert aber auch eine Trauer, es ist
       der Tanz von Menschen, die viel verloren haben. In der alten Heimat hatten
       die Italiener eine riesige Familie, sie kamen an den Silberfluss, den Río
       de la Plata, aber statt in Silber zu baden, mussten sie malochen – und es
       gab einen riesigen Männerüberschuss. Bis heute sind Argentinier und
       Uruguayer gern ein bisschen jammerig. Aber der Tango hat auch Biss. Der
       tanguero wird ja nicht depressiv, dafür reicht es nicht. Er wird nur
       melancholisch.
       
       Die Region, in der die Salsa entstanden ist, war auch nicht vom Wohlstand
       verwöhnt. 
       
       Zum Jammern fehlt in der Karibik erst einmal die Oper. Dazu kommen die
       natürlichen Bedingungen: Das Wetter ist toll, alles gedeiht, man kann einen
       relativ lockeren Lebensstil führen. Und die Musik in der Region ist der
       sprichwörtliche Schmelztiegel. Die Menschen dort haben ein reiches Erbe
       angetreten. Mit den Andalusiern kamen der Flamenco und seine arabischen
       Einflüsse, mit den Afrikanern, die als Sklaven nach Amerika verschleppt
       wurden, Unmengen an Rhythmen. In Kuba spielte auch die Musik der Taínos,
       der Ureinwohner, eine Rolle.
       
       Sie betonen, dass Sie kubanische Salsa unterrichten. Was ist das Besondere
       daran? 
       
       Die US-amerikanische Salsa, der „New York Style“, wurde von Tanzlehrern
       begründet, die sagten: Die Bewegungen sind viel zu kompliziert, wir bringen
       da ein Vor-zurück-Schema rein. Einer hat noch einen Schließschritt
       eingebaut, das Ergebnis ist völlig unnatürlich. Da sieht man sofort: So
       etwas Verkopftes kann niemals in Kuba erfunden worden sein. Eigentlich hat
       die kubanische Salsa gar keinen Grundschritt, nur ein durchgängiges
       Bewegungsmuster. Aber schon die älteren lateinamerikanischen Tänze wurden
       in den 20er Jahren für das Ballroom Dancing in England von
       geschäftstüchtigen Tanzlehrern standardisiert. Denen ging es auch um
       ökonomische Vorteile.
       
       Inwiefern? 
       
       Wenn sich in einem Saal alle synchron bewegen, kann man große Massen
       hineinquetschen. In Deutschland kamen dann noch diese Tanzorchester auf,
       die Tango zu einer Art Marschmusik gemacht haben. Als ich das zum ersten
       Mal erlebt habe, dachte ich: Das ist ja der Hammer! (Springt auf und macht
       hölzerne, dramatische Bewegungen.) Das soll Tango sein? Und das Rumba, mit
       diesen affektierten Bewegungen? Wir Latinos haben in Europa noch mal von
       vorn mit dem Unterricht angefangen und im Laufe der Jahre eine alternative
       Tanzszene aufgebaut.
       
       Braucht man beim Lernen von Tango und Salsa unterschiedliche
       Herangehensweisen? 
       
       Auf jeden Fall. Der Tango ist stärker gedanklich gesteuert. Ich brauche
       eine Klarheit, was ich machen will, damit die Kombination der Schritte
       funktioniert. Es gibt dann aber auch ein Pulsieren zwischen Konzentration
       und Sich-lösen in der Bewegung, ohne diesen Zyklus sieht Tango nur
       verkrampft aus. Bei der Salsa ist es andersherum: Da läuft man in der
       Grundbewegung fast wie ein Hamster im Rad und weiß manchmal gar nicht, ob
       man eine Figur gelernt hat oder ob sie sich einfach ergibt. Aber plötzlich
       ist sie da, sie geht auf, alles passt! Wenn der Ethnologe in mir
       durchkommt, frage ich die Schüler: „Glaubt ihr, eure Strategien zur
       Alltagsbewältigung funktionieren auch beim Salsatanzen?“ Oft tun sie das
       nämlich nicht. Eine typische Strategie in Deutschland lautet: Ich mache
       erst den Mund auf, wenn ich alles geistig durchdrungen habe. Der
       Bescheidwisser ist kulturell sehr angesehen. Bei polyrhythmischen Prozessen
       passiert aber viel gleichzeitig, und wenn du auf eines zu sehr achtest,
       rutscht dir das andere vielleicht auseinander. Du musst übers Probieren
       gehen und bewegst dich immer an der Grenze zum Fehler, in einem Bereich, wo
       du Nebel vor den Augen hast und nicht weißt, was sich jetzt bewegen müsste:
       dein linker oder rechter Fuß, deine Schulter oder deine Hüfte. Du wirst zum
       Tollpatsch. Das ist in Deutschland für viele regelrecht verletzend.
       
       Transportieren lateinamerikanische Tänze Sexismus? 
       
       Der Nährstoff dieser Tänze ist Sinnlichkeit und Sexualität, auf einer
       spielerischen Ebene. Insofern sind sie untrennbar mit der kulturellen
       Konstruktion der Bilder von Mann und Frau verbunden. Ob das sexistisch ist
       oder nicht – es geht gar nicht anders. Der Tanz sieht einfach besser aus,
       wenn die Frau Freude an der Weiblichkeit und der Mann an der Männlichkeit
       hat. In Lateinamerika gibt es das permanent. Da erwarten zum Beispiel
       Frauen, dass sie angesehen werden. Ich kenne zig Latinas in Berlin, die
       sagen: Wenn du hier auf der Straße gehst, fühlst du dich wie ein toter
       Fisch.
       
       Genderneutralen Unterricht gibt es bei Ihnen nicht? 
       
       Ich habe nichts gegen gleichgeschlechtliches Tanzen, es kommen auch
       lesbische und schwule Paare zu mir. Für mich gilt bloß, dass man nur
       richtig gut tanzen lernt, wenn man die eine oder die andere Rolle
       übernimmt. Ich rede auch nicht wie andere Lehrer von „Folgenden“ und
       „Führenden“, sondern von Frau und Mann. Die vermeintlichen Machos in
       Uruguay haben da übrigens viel weniger Probleme. Wenn beim Tango Frauen
       fehlen, fragen sie: Machst du die Frau oder den Mann? Wenn ich dagegen hier
       beim Unterricht einem Mann etwas zeigen will und mit ihm tanze, ist das für
       manch einen viel zu viel Nähe. Der stirbt in meinen Armen!
       
       Was macht das Tanzen mit Beziehungen? 
       
       Ich bin Atheist, aber angenommen, ich stünde mal vor Petrus, könnte ich
       sagen: Du kannst mich reinlassen, ich habe genauso viele Leute zusammen-
       wie auseinandergebracht. Einigen wird beim Tanzen klar, dass sie auf der
       Gefühlsebene nicht zueinander passen. Wir tauschen auch mal die Tanzpartner
       im Unterricht, da merken sie, dass es mit anderen manchmal viel besser
       funktioniert. Und irgendwann kriege ich eine Mail: Wir kommen nicht mehr.
       Umgekehrt finden sich auch viele übers Tanzen. Gerade Frauen betrachten es
       als geschützte Zone, um potenzielle Partner kennenzulernen. Übrigens:
       Frauen melden sich häufiger im Frühjahr an, Männer im Herbst. Keine Ahnung,
       ob das mit den Hormonen zusammenhängt, aber nach mehreren Jahrzehnten ist
       das Empirie.
       
       Kann Tanzen Therapie sein? 
       
       Der Tango etwa kann helfen, Trauer und Verlust zu verarbeiten. Viele Leute,
       die eine Trennung hinter sich haben, hören diese Musik und sagen: Das ist
       mein Tanz! Aber ich wehre mich dagegen, dem Tanzen einen medizinischen
       Charakter zuzuschreiben. Für mich ist das eher Entwicklungshilfe.
       
       Für steife Deutsche? 
       
       Ja, natürlich. Ich war im Rahmen meines Ethnologiestudiums anderthalb Jahre
       in Paraguay, da habe ich mich zusammen mit anderen für die Rechte der
       Indigenen im Chaco eingesetzt. Eine tolle Erfahrung, aber als ich zurück
       war, dachte ich: Bist du bescheuert? Warum machst du Entwicklungspolitik in
       Südamerika? Hier in Deutschland können sich die Leute meist nicht geschickt
       bewegen, tanzen und feiern, ihr Metier ist Organisieren und Geld verdienen.
       Ich habe das als tiefe Unterentwicklung wahrgenommen.
       
       Südamerika ist Ihre Heimat – Sie sind Anfang der 70er Jahre als
       Jugendlicher nach Deutschland gekommen. 
       
       Ich bin in Uruguay aufgewachsen, wo meine Eltern, die aus Danzig stammten,
       seit Ende der 40er Jahre lebten. Meinen Vater, einen begeisterten
       Segelflieger, hatten die Nazis gegen Ende des Kriegs als Pilot einer
       Messerschmidt an die Front geschickt, aber er desertierte nach
       Südfrankreich. Von dort ging er nach Uruguay. Meine Mutter hat er zu sich
       geholt, die beiden kannten sich von der Schule. Ihr Vater war Bürgermeister
       in einem Dorf gewesen, er hatte sich den Nazis widersetzt und kam im KZ ums
       Leben.
       
       Und was hat Sie wieder nach Deutschland verschlagen? 
       
       Mein Vater hatte mich für das Fliegen begeistert, und in Uruguay konnte man
       die Ausbildung nur bei der Luftwaffe machen. Zur Vorbereitung ging ich auf
       eine Militärschule. Das war in der Zeit, als die Offiziere begannen, den
       Putsch von 1973 vorzubereiten. Ein paar Freunde und ich, wir waren eine
       kleine Oppositionsgruppe und haben schon mal den Mund aufgemacht, wenn wir
       gegen die Kommunisten indoktriniert werden sollten. Bis wir eines Tages
       unter einem absurden Vorwand im Arrest landeten: Angeblich hatten wir Bier
       im Offizierskasino geklaut. Nach sechs Wochen kam ein Major der Marine, die
       etwas demokratischer als die anderen Waffengattungen war. Der hat uns
       gewarnt und gesagt: Ich lasse euch raus, aber ihr steht auf der Liste. Am
       besten, ihr verschwindet über die grüne Grenze.
       
       Das haben Sie getan. 
       
       Ich habe mir erst mal den deutschen Pass besorgt, aber darin stand mein
       uruguayischer Geburtsort, der hätte mir wenig Schutz geboten. Also habe ich
       mich versteckt. Ein Bekannter meines Vaters besorgte mir einen Platz als
       Überarbeiter auf der „Cap San Lorenzo“ von der Reederei Hamburg-Süd. Fast
       wäre es noch schiefgegangen, weil das Heer den Hafen von Montevideo
       abgesperrt hatte. Aber damals kam mir schon das Tanzen zugute: Die Tochter
       des Botschaftsfahrers, die ich auf einem Schwof kennengelernt hatte, half
       mir. Ihr Vater hat mich quasi mit der Diplomatenpost aufs Schiff
       geschmuggelt.
       
       Was ist ein Überarbeiter? 
       
       Das ist der seemännische Begriff für jemanden, der sich die Überfahrt durch
       Arbeit verdient. Ich habe von Montevideo bis Hamburg Rost geklopft. In
       Frankfurt habe ich Abi gemacht, aber als ich zum Bund sollte, habe ich
       gesagt: Nee, nicht noch mal. Und bin nach Berlin.
       
       Sie haben dann Ethnologie studiert und irgendwann mit dem Tanzunterricht
       angefangen. Wann genau? 
       
       Alles fing mit dem Horizonte-Festival der Berliner Festspiele 1982 an. Da
       gab es in der Waldbühne das bis dato größte Salsakonzert in Deutschland:
       Die größten Salsaorchester waren da – Celia Cruz, Willie Colón, Rubén
       Blades, es muss ein Heidengeld gekostet haben, die alle zu holen. Aber auch
       Astor Piazzola mit seinem Nuevo Tango war in Berlin. Vorher hatte es schon
       in Sachen Tango gegärt, aber da merkte ich: Jetzt ist die Zeit reif. Der
       Anfang war hart, es kamen weniger Schüler, als ich hoffte. In meinem ersten
       Raum in der Bülowstraße habe ich einmal im Monat einen Wochenend-Workshop
       gemacht, von den Einnahmen habe ich die Miete und die Anzeigen in tip und
       Zitty bezahlt. Für mich blieb nichts übrig.
       
       Und wovon haben Sie gelebt? 
       
       Vom Taxifahren! Erst 1984 wurde es besser, da hatte ich die Berliner
       weichgekocht (lacht). Mit dem Weltmusikladen Canzone am Savignyplatz habe
       ich einen Plattenimport organisiert, die ersten festen Kurse kamen
       zustande, dann konnte ich im Metropol am Nollendorfplatz freitags die
       Tango-Bar aufmachen. Der Boden war aus diesem geriffelten Blech, mit
       Gummisohlen konntest du dich kaum drehen. 1986 kam die Havanna-Bar mit
       Salsa dazu.
       
       Seitdem ist viel passiert. Wie viele Tangoschulen gibt es heute in Berlin? 
       
       Uns eingeschlossen ein halbes Dutzend. Daneben gibt es viele kleine:
       Ballettstudios, die auch mal Tango anbieten, Volkshochschulkurse, freie
       Lehrer, die im Berliner Zimmer unterrichten. Den großen Tangoclub hat nie
       jemand aufgemacht, aber es gibt zig Räume, die für Tanzabende, die
       milongas, angemietet werden.
       
       Und Salsaschulen? 
       
       Viel weniger, was auch an der Politik der beiden großen Clubs liegt, die
       Salsa spielen – dem Soda Club in der Kulturbrauerei und dem Havanna in
       Schöneberg. Durch die Einführungskurse, sie vor den Clubabenden anbieten,
       verhindern sie, dass die Schulen größere Bedeutung für Anfänger bekommen.
       In den Clubs kann man natürlich nicht viel lernen, mit 40 Paaren in einem
       Raum, da wurschtelt man sich halt durch.
       
       Noch eine abschließende Frage: Was fehlt jemandem, der nicht tanzt? 
       
       Du lernst so viel durchs Tanzen: Du lernst, Musik sehr differenziert
       wahrzunehmen, du lernst deinen Körper besser kennen, auch ein bisschen
       Selbstdarstellung, jenseits von Narzissmus. Und du trainierst Empathie. Du
       kannst ja weder führen noch dich führen lassen, wenn du kein Gespür für den
       anderen entwickelst. Aber was dir ohne das Tanzen am meisten fehlt, ist
       sehr viel Freude. Das trifft auch auf den Tango zu, der so ernst ist. Wenn
       du sinnlich und präzise getanzt und merkst, die Kombinationen haben toll
       gesessen: da kommt ein ungeheures Gefühl von Freude auf.
       
       23 Apr 2017
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Claudius Prößer
 (DIR) Angelika Geffert
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Musik
       
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