# taz.de -- IS-Opfer in Behandlung in Deutschland: Nach der Rettung bleibt das Trauma
       
       > Sie wurden von der Terrormiliz entführt, vergewaltigt, misshandelt.
       > Hunderte Frauen werden nun in Baden-Württemberg psychologisch behandelt.
       
 (IMG) Bild: Die Jesidin Yasmin verbrannte sich selbst, um sich unattraktiv für ihre Vergewaltiger zu machen
       
       Villingen-Schwenningen ap | Yasmin lebte seit zwei Wochen in einem
       Flüchtlingslager im Irak, als sie glaubte, Stimmen vor ihrem Zelt zu hören
       – von Kämpfern der Terrormiliz IS. Von der Angst geschüttelt, dass sie
       erneut vergewaltigt und misshandelt werden könnte, sah die 17-jährige
       Jesidin nur einen Weg: sich unattraktiv zu machen. So übergoss sie sich mit
       Benzin und griff zum Streichholz. Die Flammen verbrannten hier Haar und
       Gesicht, fraßen an der Nase, den Lippen und Ohren.
       
       Das war ihr Zustand, als der deutsche Arzt Jan Ilhan Kizilhan sie im
       vergangenen Jahr in einem Flüchtlingslager in Nordirak sah – körperlich
       entstellt und seelisch so voller Narben, dass sie fälschlicherweise
       glaubte, ihre früheren Entführer vom Islamischen Staat wollten sie erneut
       verschleppen.
       
       Inzwischen ist Yasmin 18 und eine von 1.100 Frauen, die aus der
       Gefangenschaft des IS entkommen sind und in Deutschland psychologisch
       behandelt werden. Es sind hauptsächlich Frauen, die den Jesiden angehören,
       einer religiösen Minderheit.
       
       Das Pionierprogramm, das Kizilhan zusammen mit anderen betreibt, hat
       mittlerweile auch international Aufmerksamkeit erregt. Es basiert auf einer
       Grunderkenntnis: Das Trauma bleibt, lange nachdem die Frauen gerettet
       worden sind.
       
       ## Kretschmann setzte das Programm auf
       
       Man sieht es Yasmin an, wenn sie über das spricht, was sie durchgemacht
       hat. Sie beugt sich in ihrem Stuhl nach vorn, ringt ihre Hände, schaut auf
       den Boden. Aber dann blickt sie auf, und ihr Gesicht erhellt sich, als sie
       schildert, wie Kizilhan zum ersten Mal in ihr Zelt im Flüchtlingslager kam,
       ihr und ihrer Mutter sagte, dass er in Deutschland helfen könne.
       
       Es war der 3. August 2014, als Kämpfer der Dschihadisten-Gruppe in die
       Sindschar-Region in Nordirak eindrangen, wo bis dahin weltweit die meisten
       der Jesiden lebten. Die Einwohner wurden in drei Gruppen aufgeteilt:
       Jungen, die zu IS-Kämpfern gemacht, ältere Männer, die getötet wurden, wenn
       sie sich nicht zum Islam bekehrten, und Frauen und Mädchen wie Yasmin, die
       man in die Sklaverei verkaufte.
       
       Zehntausende Jesiden flohen in die Berge, wo die Militanten sie
       einkesselten. Die USA, der Irak, Großbritannien, Frankreich und Australien
       warfen Hilfsgüter ab. Aber viele Jesiden starben, bevor sie gerettet werden
       konnten.
       
       Als die Tragödie immer größere Ausmaße annahm, wandten sich Mitglieder der
       schätzungsweise 100.000 Menschen starken jesidischen Gemeinschaft in
       Deutschland hilfesuchend an die Politiker in Berlin. Winfried Kretschmann,
       Ministerpräsident von Baden-Württemberg, entschloss sich zum Handeln.
       
       Das Landesparlament stellte 95 Millionen Euro für den Zeitraum von drei
       Jahren bereit, um vom IS misshandelte Frauen – zumeist Jesidinnen, aber
       auch Christinnen und Schiitinnen – nach Deutschland zu holen.
       
       ## „Wie kann die Menschheit so böse sein?“
       
       Michael Blume, Experte für Minderheitenfragen im Staatsministerium, wandte
       sich an Kizilhan, einen auf Traumata spezialisierten Psychologen,
       Universitätsprofessor und Nahost-Kenner mit kurdischem Hintergrund.
       
       Von Februar 2015 bis Januar 2016 besuchten dann kleine Gruppen von
       Fachleuten Flüchtlingslager im nördlichen Irak. Kizilhan selber, der eine
       Reihe von Sprachen und auch den jesidischen Dialekt beherrscht, unternahm
       14 Reisen und sprach persönlich mit Frauen und Kindern – um herauszufinden,
       wer am besten von dem begrenzten Programm profitieren könnte.
       
       „Ich bin erfahren, was Traumata betrifft, ich hatte schon mit Patienten aus
       Ruanda, Bosnien gearbeitet“. schildert Kizilhan. „Aber dies hier war sehr
       anders. Wenn du ein achtjähriges Mädchen vor dir hast und sie sagt, dass
       sie acht Mal vom IS verkauft und im Zeitraum von zehn Monaten 100 mal
       vergewaltigt worden ist – wie kann die Menschheit so böse sein?“
       
       Am Ende wählte Kizilhan 1.100 Frauen und Mädchen aus, die heute im Alter
       zwischen vier und 56 Jahren sind. Die meisten Frauen werden in mehr als 20
       Kliniken in Baden-Württemberg betreut, 70 sind nach Niedersachsen und 30
       nach Schleswig-Holstein geschickt worden. Sie sind an nicht publik
       gemachten Orten untergebracht, unter besonderem Schutz, damit IS-Anhänger
       nicht an sie herankommen.
       
       Zu den Frauen zählt eine Mutter, deren vierjährige Tochter von einem
       IS-Kämpfer verschleppt wurde. Er war fasziniert von ihrem blonden Haar und
       ihren blauen Augen, sagte, dass er sie „heiraten“ werde, wenn sie neun
       Jahre alt sei. Die Mutter entkam, aber die Kleine, heute sechs, ist weiter
       in der Gewalt der Extremisten. Die Mutter weint jedes Mal, wenn sie ein
       blondes und blauäugiges Mädchen auf der Straße sieht.
       
       ## Wahrscheinlich bekommen sie Asyl
       
       Alle Frauen und Mädchen haben die Genehmigung, zwei Jahre lang in
       Deutschland zu bleiben. Kizilhan zufolge würden die, die es wollen,
       wahrscheinlich dauerhaft Asyl erhalten.
       
       Für Yasmin gibt es keinen Grund, zurück zu gehen. Die Gefühle überwältigen
       sie, als sie versucht zu beschreiben, warum sie sich damals selber
       anzündete. „Ihre Stimmen waren in meinen Ohren“, sagt sie. „Ich konnte sie
       hören, ich hatte solche Angst.“
       
       Yasmin wohnt mit ihren Eltern und drei Geschwistern in einem bescheidenen
       Haus in Deutschland. Sie hat ein Gerät am Bett, der ihr atmen hilft, weil
       ihre Nase und Luftwege so geschädigt sind. Kizilhan spricht von fünf bis 15
       Operationen, die noch vor ihr liegen.
       
       Yasmin träumt davon, eines Tages wieder in die Öffentlichkeit gehen zu
       können, ohne angestarrt zu werden. Sie möchte zur Schule und danach dann
       irgendetwas mit Computern machen. „Ich will wieder gesund werden, ein neues
       Leben anfangen.“
       
       27 Aug 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) David Rising
       
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