# taz.de -- Verbot kurdischer Zeitung in der Türkei: Vorzeichen für Schlimmeres
       
       > Die prokurdische Zeitung „Özgür Gündem“ wurde am Dienstag geschlossen. Es
       > ist das 51. Mal, dass die Arbeit der JournalistInnen verboten wurde.
       
 (IMG) Bild: Solidaritätskundgebung für „Özgür Gündem“ am Mittwoch in Istanbul
       
       Istanbul taz | Mit einer stummen Anklage bekundeten die Abgeordneten am
       Mittwoch ihre Solidarität: Dutzende Politiker der prokurdischen
       Oppositionspartei HDP legten auf ihre Sitze im Parlament eine Özgür Gündem.
       Auf dem Titel der vierseitigen Notausgabe die Schlagzeile „Wir beugen uns
       nicht“. Dazu Bilder von den Journalisten, die am Tag zuvor teils gewaltsam
       von der Staatsmacht abgeführt wurden.
       
       Seit Dienstag ist die prokurdische Tageszeitung Özgür Gündem („Freie
       Tagesordnung“) vorübergehend verboten. Ein Istanbuler Gericht hatte
       angeordnet, das Blatt wegen Verbreitung von Propaganda für die verbotene
       Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu schließen. Unmittelbar nach dem
       Gerichtsbeschluss drangen Dutzende Polizisten in die Redaktionsräume in
       Istanbul ein, gepanzerte Polizeiautos sperrten die Straße ab. Aus der Ferne
       war zu sehen, wie die Journalisten aus dem Gebäude abgeführt und in Bussen
       weggefahren wurden. Insgesamt seien 24 Menschen festgenommen worden, sagt
       der Anwalt der Zeitung, Özcan Kılıç. Darunter seien Journalisten und
       Unterstützer des Blatts.
       
       Mit ihrer Ausrichtung ist die Zeitung einzigartig in der Türkei: Zwar gibt
       es noch einige weitere oppositionelle Medien wie die Cumhuriyet, Diken oder
       Birgün – doch Özgür Gündem ist die einzige türkisch-kurdische Tageszeitung,
       die seit Jahrzehnten über den Kurdenkonflikt berichtet und die Texte des
       inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan abdruckt. In der Istanbuler
       Redaktion hängt das PKK-Logo, ein roter Stern vor gelb-grün-rotem
       Hintergrund.
       
       Mit ihrer Schließung wird die Hexenjagd auf alles Kurdische fortgesetzt.
       Seit der Beendigung der Friedensverhandlungen zwischen Ankara und der PKK
       vor rund einem Jahr wird die Berichterstattung aus dem umkämpften Südosten
       unterdrückt, kurdische Journalisten und Medien sind mit ständigen
       Behinderungen wie Festnahmen, Todesdrohungen, Zensur und Senderverboten
       konfrontiert. So nahm Ende Februar auf Antrag der Staatsanwaltschaft der
       Satelliten- und Kabelbetreiber Türksat den prokurdischen Sender IMC TV aus
       dem Programm.
       
       Die Journalistin Banu Güven sprach just mit Cumhuriyet-Chefredakteur Can
       Dündar über Pressefreiheit, als man nur noch ein schwarzes Bild sah. „Wenn
       es IMC TV nicht gäbe, hätten wir nicht erfahren, was im Südosten passiert
       ist“, war Dündars letzter Satz. Seither ist der Sender nur online oder über
       den privaten Anbieter Hot Bird zu sehen, der aber geringere Reichweite hat.
       
       Özgür Gündem wurde zum 51. Mal verboten, bisher ist sie immer unter neuem
       Namen erschienen. Gestern setzten sich einige Redakteure vor das
       abgeriegelte Büro, um an einer Notausgabe zu arbeiten. Doch nichts deutet
       darauf hin, dass der Druck auf die kurdischen Medien nachlassen könnte. Im
       Gegenteil: Wenige Stunden vor der Räumung der Redaktion wurden alle
       Versammlungen und größeren Veranstaltungen in der Kurdenmetropole
       Diyarbakır bis auf Weiteres verboten. Seit Dienstagabend sind die
       Twitter-Accounts der Zeitung sowie die der prokurdischen
       Nachrichtenagenturen Diha und ANF gesperrt. Regierungskritiker sehen in
       alldem Vorzeichen einer weiteren Militäroperation im Südosten.
       
       18 Aug 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cigdem Akyol
       
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