# taz.de -- Kommentar Mord in Dessau: Nichts gelernt
       
       > Eine junge Frau aus China wird ermordet und die öffentliche Aufregung
       > bleibt aus. Dabei deutet alles auf einen handfesten Skandal hin.
       
 (IMG) Bild: Ermittlungen nach dem Mord
       
       Man stelle sich vor, zwei Flüchtlinge in Sachsen-Anhalt hätten mutmaßlich
       eine Joggerin entführt, vergewaltigt und ermordet. Wie lange hätte es wohl
       gedauert, bis der Fall über die Region hinaus für einen medialen und
       politischen Aufschrei gesorgt hätte? Wie schnell wäre wohl die Frage
       gestellt worden, was Herkunft, Kultur und Religion der mutmaßlichen Täter
       mit der Tat zu tun haben könnte?
       
       Sagen wir es mal so: Es gibt guten Grund zu der Annahme, dass die AfD den
       Fall für ihre Zwecke genutzt und Alice Schwarzer schnell ein Buch mit dem
       Titel „Der Superschock“ veröffentlicht hätte.
       
       Um den Fall der ermordeten Joggerin in Dessau gibt es bislang keine
       vergleichbare Aufregung. Das könnte daran liegen, dass es sich bei dem
       Opfer um eine 25-jährige Austauschstudentin aus China handelt – und bei den
       beiden mutmaßlichen Tätern um einen 20-jährigen Polizistensohn und seine
       Partnerin. Damit passt er nicht in das gängige Vorurteils-Raster, das in
       Deutschland fast zwangsläufig zu den üblichen rassistischen Reflexen führt.
       
       Dabei deutet alles auf einen handfesten Skandal hin. Es steht der dringende
       Verdacht im Raum, der Stiefvater des mutmaßlichen Täters – und bislang
       Polizeichef in Dessau – könnte seinem Stiefsohn dabei geholfen haben, die
       Spuren des Mords zu verwischen, und ihn auch schon früher vor Ermittlungen
       geschützt haben.
       
       Doch der leitende Staatsanwalt hält die Behauptung des mutmaßlichen Täters,
       der vor dem Mord „einvernehmlichen Sex“ mit dem Opfer gehabt haben will,
       für so plausibel, dass er sie auf einer Pressekonferenz verkündet. Und das
       alles in Dessau – jener Stadt, die auch [1][durch den Tod des Asylbewerbers
       Oury Jalloh] in Polizeihaft für Schlagzeilen sorgte.
       
       Gemessen daran, reagieren Medien und Politik auf diesen Fall bislang
       erstaunlich verhalten. Man fragt sich, was sie aus dem NSU-Skandal
       eigentlich gelernt haben. Die bestürzende Antwort lautet: nichts.
       
       5 Jun 2016
       
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