# taz.de -- Nachruf auf Keyboarder Keith Emerson: Er ritt die Tastatur
       
       > Keith Emerson war Erfinder des Prog Rock und er machte Tasteninstrumente
       > sexy. Mit „Emerson Lake and Palmer“ feierte er seine größten Erfolge.
       
 (IMG) Bild: Plötzlich bestaunten alle einen Keyboarder, der vier Hände zu haben schien: Keith Emerson im Januar 2015 in Kalifornien.
       
       Unter Musikern gibt es diesen uralten (und schwer chauvinistischen) Witz:
       Der Sänger bekommt immer die schönen Frauen. Der Gitarrist die anderen. Für
       die restlichen, ganz besonders den Keyboarder, interessiert sich niemand.
       Wer in einer Band an den Tasten saß bekam von der Cool- und Sexiness
       grundsätzlich nichts ab – so war es nun einmal im Rock.
       
       Jedenfalls bis Keith Emerson kam und alles änderte. Das war 1970, Jimi
       Hendrix und „The Who“ spielten auf der Isle of Wight, das Festival jenes
       Jahres wurde später „Europas Woodstock“ genannt. Und zwischen „Ten Years
       After“ und den „Doors“ spielte diese neue Band: „Emerson Lake and Palmer“
       (ELP). Plötzlich bestaunten alle einen Keyboarder, der vier Hände zu haben
       schien.
       
       Hammond, Moog-Synthesizer und Flügel stellte er zu einer Burg zusammen, in
       der er mal hier, mal dahin griff. Die Band spielte Rock, aber auch ihre
       Version von Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“. Spätromantik
       mit E-Gitarre und verzerrter Orgel.
       
       Für die Archivare des Pop war damit der „Progressive Rock“ geboren. Aber
       egal wie der Genre-Stempel heißt: Der Musiker an den Tasten war zum ersten
       Mal die Rampensau der Band, vor der alle ehrfürchtig standen. Keith Emerson
       hatte in seiner Heimat, dem Kaff Todmorden in West Yorkshire, Klavier
       gelernt. Klassisch natürlich, anderen Unterricht gab es Mitte der 50er
       Jahre nicht. Dann ging er, obwohl äußerst talentiert, aber nicht ans
       Konservatorium, sondern schloss sich Bands an
       
       ## Ein atemberaubendes Solo
       
       Es gibt ein Video von ELP, sie spielen auf einer düsteren Bühne der 70er
       eine dramatische Version von Dave Brubecks „Rondo a la Turk“, Emerson wirft
       die Hammond-Orgel um, legt sich drunter, spielt sie von der falschen Seite,
       er sticht mit einem silbernen Dolch hinein, die Show ist höchst albern. Und
       erstklassig. Emerson springt auf die Orgel, reitet sie, und schafft es
       irgendwie trotzdem, ein atemberaubendes Solo zu spielen. Die wirren Haare
       fliegen und die Hände auf den Manualen erst recht.
       
       Dann bekamen auch andere Bands Auftrieb, „Deep Purple“, die „Genesis“ der
       Peter-Gabriel-Ära, die frühen „Supertramp“. Es gab fortan Keyboard-Götter
       im Rockpop – Tony Banks von „Genesis“, Jordan Rudess von „Dream Theater“.
       Und natürlich Rick Wakeman, fünf Jahre jünger als Emerson und bald mit
       „Yes“ erfolgreich. Emerson hatte ihnen allen den Weg aufgezeigt. Als er
       David Bowie in einem Londoner Club zum ersten Mal traf, schrieb Emerson
       kürzlich zum Tod seines Kollegen, sei dieser einfach auf ihn zu gegangen
       und habe mit ihm geplaudert, als seien sie seit Jahren beste Kumpels
       gewesen. Sie waren es wohl, im Geiste.
       
       Sicher hatte Emerson auch der schwächlichen Verquirlung von Klassik und
       Rock den Weg gewiesen, die viele Jahre lang nerven sollte. Sogar Alan
       Wilder spielte auf der B-Seite einer „Depeche-Mode“-Single mal einen Satz
       Beethoven. Anders als Emerson konnte er es aber, wie die meisten, einfach
       nicht richtig gut.
       
       Als der Pop der 80er kam, als Männer nicht mehr schwitzen mussten und weder
       Gitarren verbrannten noch Keyboards mehr erstachen, war die Ära des Prog
       Rock plötzlich vorbei. Philip Oakley von „The Human League“ sagte es einmal
       ausdrücklich: „Früher musste man Keith Emerson sein, davon hat uns erst der
       Punk befreit. Dann konnten Bands wie wir kommen, die einfach losmachen
       wollten.“ Das hatte „Kraftwerk“ der Welt vorgemacht – der Sound regierte,
       nicht mehr zwingend das Können der Finger.
       
       ## Immer wieder neue Bandgründungen
       
       Keith Emerson versuchte immer wieder neue Bands zu gründen, spielte mit
       Musikern von „Yes“, „Steely Dan“, den „Doobie Brothers“, den „Eagles“ –
       aber den Zeitgeist traf er nie wieder. Erst vor acht Jahren fand er zu
       sich, gründete die „Keith Emerson Band“ und machte wieder das, was er
       liebte: Emphatischen Rock, schnell und fantastisch gespielt, mit breiten
       Keyboards. Er wirkte glücklich auf großen Bühnen mit viel zu viel
       Equipment, gigantischen Drumsets, wie damals.
       
       Eines der letzten Fotos stammt von Anfang 2015, von der Musikmesse im
       kalifornischen Anaheim, da steht er gemeinsam mit Herbie Hancock und Jordan
       Rudess beim Hersteller „Korg“. Tastengötter unter sich – alle lächeln
       breit.
       
       Emerson litt schon länger unter einer Nervenerkrankung, die seine rechte
       Hand stark einschränkte, er trat seit etwa vier Jahren kaum auf. Eigentlich
       soll er eine gute Chance auf Heilung gehabt haben, weshalb die Welt zurzeit
       rätselt, warum der Meister der Orgel und des Synthis am Freitag in seiner
       Wohnung in Santa Monica Suizid begangen hat. Er wurde 71 Jahre alt.
       
       Seine Freundin Mari Kawaguchi sagte über ihn: „Als Rockstar sah Keith sich
       nie. Wir hörten auch nie Rock zu Hause, Erfolg war ihm egal. Er sagte
       immer: Alles was ich will, ist Musik machen.“ Im April hatte er in Japan
       wieder solo auftreten wollen.
       
       12 Mar 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Lindemann
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Pop
 (DIR) Musik
       
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