# taz.de -- Nachruf auf Nikolaus Harnoncourt: Neuer Blick auf Alte Musik
       
       > Er wirbelte den Klassikbetrieb durcheinander: Nikolaus Harnoncourt war
       > ein Revolutionär musikalischer Aufführungspraxis.
       
 (IMG) Bild: Nikolaus Harnoncourt während einer Kostümprobe der „Zauberflöte“ in Salzburg, 2012
       
       Den Brotjob als Cellist bei den Wiener Symphonikern hielt der spätere
       Revolutionär musikalischer Aufführungspraxis erstaunlich lange durch.
       Siebzehn Jahre im Orchester (1952 bis 1969) schärften seinen Blick für das,
       was im Musikbetrieb falsch läuft.
       
       Im Hintergrund wuchs zur gleichen Zeit ein Projekt heran, das diesen
       Betrieb später tatsächlich erschüttern sollte. Im Kreis des Ensembles
       Concentus Musicus versuchte Harnoncourt mit Gleichgesinnten in der Musik
       des Barock jene Lebendigkeit freizulegen, die er an der bildenden Kunst der
       Epoche wahrnahm.
       
       Die von ihm losgetretene Welle historischer Aufführungspraxis war ihm mehr
       als die Liebhaberei für ein einschlägig gebildetes Publikum. Sie war immer
       auch die implizite, praktische Kritik an einer Praxis, die das Virtuosentum
       des späten 19. Jahrhunderts konservierte und im Zeitalter der technischen
       Reproduzierbarkeit in ein wohlfeiles Produkt geschichtsvergessenen
       Schönklangs verwandelte.
       
       ## Instrumente erforschen
       
       In seiner Perspektive auf Alte Musik musste die Gegenwart der Kunst der
       Vergangenheit ihren Gehalt immer neu entreißen. Der aufführende Musiker
       selbst wird zum Forscher. Harnoncourt und seine Mitstreiter vergruben sich
       neben ihrer Probenarbeit immer wieder in die Archive, um neues Material zu
       entdecken und zu sichern, aber auch, was er selbst besonders gerne tat, in
       die Werkstatt, um historische Instrumente zu erforschen, zu restaurieren
       und fallweise nachzubauen.
       
       Darüber hinaus bot das Ensemble künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten, die
       im Orchesterbetrieb seiner Generation kaum möglich waren, etwa für seine
       Frau, die Violinistin Alice Harnoncourt, die über Jahrzehnte in Aufnahmen
       des Concentus die Solopartien einspielte.
       
       Mit Wissen und Erfahrung dieser Praxis eroberte Harnoncourt auch über den
       Horizont Alter Musik hinaus die Konzertpodien bis hin zur Neuen Musik,
       deren Anhängerschaft mit der seinen eine erstaunlich große Schnittmenge
       hat. In Graz, wo der am Nikolaustag 1929 in Berlin geborene Johann Nicolaus
       Graf de la Fontaine und d’Harnoncourt-Unverzagt, aufwuchs, widmete man ihm
       ab 1985 mit der Styriarte eigens ein Festival.
       
       ## Er gab den kauzigen Landadeligen
       
       Harnoncourt wusste, dass man sich die Projektionen der anderen am besten
       vom Leib hält, in dem man sie geschickt bedient, oft gab er die Rolle, die
       er als Person vielleicht am wenigsten war: den kauzigen Landadeligen. Seine
       Abneigung gegen Interviews war das Leidwesen vieler Journalisten. Doch wo
       er Interesse an der Sache verspürte, wurde er zum begnadeten Erzähler.
       
       Mit Disziplin und innerem Feuer stand Nikolaus Harnoncourt bis ins
       vergangene Jahr am Pult. Am Wochenende gab die Familie Nachricht von seinem
       Tod.
       
       7 Mar 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Mattheiß
       
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