# taz.de -- Manipulation von Russlanddeutschen: Katerstimmung in Marzahn
       
       > Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf ist Russlands Propaganda besonders
       > erfolgreich. Doch auch die NPD wittert Wählerstimmen.
       
 (IMG) Bild: Leicht mobilisierbar? Demonstrierende Russlanddeutsche vor dem Kanzleramt im Januar 2016
       
       Berlin taz | Da ist sie, die Schokolade mit dem pausbäckigen Mädchen
       Aljonka darauf und daneben die berühmten Bonbons mit Vanilleduft aus der
       Moskauer Fabrik Roter Oktober, lose im Regal – ein Bollwerk gegen die
       Snickerisierung der russischen Alltagskultur. Es steht im Mix Markt, dem
       russischen Minikaufhaus in Marzahn-Hellersdorf, wo etwa 30.000
       Russlanddeutsche leben und damit über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung
       des Bezirks stellen.
       
       Die goldbunten Bonbonpapierchen präsentieren Märchenszenen, schönere als
       die Programme der russischen Fernsehsender, die im Januar die Geschichte
       des entführten, mehrfach von „Asylanten“ vergewaltigten Mädchens Lisa aus
       diesem Bezirk erst erfanden und dann mit gefakten Beweisen würzten. Während
       damals in ganz Deutschland rund 10.000 Russlanddeutsche für „unsere Lisa“
       und den Schutz ihrer Frauen und Kinder demonstrierten, bezichtigte
       Russlands Außenminister Lawrow die deutsche Polizei, Tatsachen zu
       vertuschen. Stattdessen hat nun die Berliner Staatsanwaltschaft ein
       Ermittlungsverfahren gegen den russischen Journalisten eingeleitet.
       
       „Und doch war etwas dran!“, ruft eine schmale Rentnerin. „Ich traue der
       deutschen Polizei nicht mehr!“, klagt sie hochemotional. Und den deutschen
       Medien auch nicht – denn ihren Namen möchte sie auf keinen Fall preisgeben.
       „Diese Gesetzlosigkeit in Russland, das war ein Grund herzukommen“, sagt
       sie. „Dass die Polizei in Deutschland höflich mit uns umging, war für uns
       neu. Da haben wir geglaubt: Hier ist wirklich etwas anders.“
       
       Die Russin, mit einem Russlanddeutschen verheiratet, beamt sie sich
       souverän zwischen den Völkern hin und her: „Ich wollte dem Außenminister
       Lawrow Danke schön sagen für ‚unsere Lisa‘. Das hat er gemacht, nicht weil
       er die Russlanddeutschen als fünfte Kolonne benutzen will, sondern er sieht
       sie als ein Teil des Volkes.“
       
       ## Die Jungen glotzen deutsch
       
       Zwei Halbwüchsige streben der Truhe mit losen Sonnenblumenkernen zu und
       diskutieren auf Rapidmarzahnerisch. Die Brüder Witja und Wowa sind plus
       minus fünfzehn. „Lisa, nee interessiert uns nich“, sagen sie. „Wir machen
       Sport und sehn Sport: auf unsrer eignen Glotze, auf Deutsch! Unsre Eltern
       ham ihre, wenn se wat übersetzt brauchn, erledijen wer det.“ Wie fast alle
       Personen über 45 hier gucken die Eltern ausschließlich russische Kanäle.
       
       Bis Mitte der 1990er Jahre galt Marzahn-Hellersdorf als Problembezirk.
       Nazi-Gruppierungen aus dem Umland griffen immer wieder russlanddeutsche
       Gangs an. Russischsprechende Kinder wagten nicht, sich auf dem S-Bahnhof
       laut zu unterhalten. In den folgenden Jahren beruhigte sich der Bezirk.
       Russlanddeutsche Eltern investieren in der Regel viel in eine gute
       Ausbildung ihrer Kinder. Die Plattenbauten wurden bunter, Wohnungen hier
       sind heute gefragt.
       
       Doch was längst Vergangenheit war, scheint sich jetzt zu wiederholen. Die
       rechte Gewalt hat im Zuge der Flüchtlingskrise zugenommen. Laut
       Verfassungsschutz kam es seit Januar 2014 von allen Berliner Bezirken in
       Marzahn-Hellersdorf zu den meisten Anschlägen gegen Flüchtlingsheime – 29
       auf 5 Unterkünfte. Jetzt sind es Flüchtlingskinder, die auf der Straße
       angegriffen werden.
       
       ## Die NPD wirbt um sie
       
       Die NPD spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Demonstration am 23. Januar
       vor dem Kanzleramt gegen angeblich von Flüchtlingen ausgehende sexuelle
       Gewalt wurde von NPDlern besucht, eine Kundgebung vor dem Einkaufszentrum
       Eastgate von der NPD selbst veranstaltet. Die Partei wirbt verstärkt unter
       ihren Mitgliedern dafür, die Russlanddeutschen willkommen zu heißen.
       
       Sind die Russlanddeutschen in Marzahn-Hellersdorf dabei, sich zu
       rechtsradikalisieren?
       
       Diese Frage treibt auch eine antifaschistische Gruppe aus den Berliner
       Randbezirken um. Sie hat viel zu diesem Thema recherchiert, zwei Aktivisten
       finden sich schließlich zu einem konspirativen Treffen bereit.
       
       „Russlanddeutsche waren erst seit Januar an Angriffen auf Flüchtlingsheime
       beteiligt – seit dem Fall Lisa“, ist das Ergebnis ihrer Recherche. Auf der
       Facebook-ähnlichen Seite Odnoklassniki.ru haben sie massenhaft auf Russisch
       untertitelte Karikaturen in „Stürmer“-Manier mit der Darstellung
       vergewaltigungsbereiter Flüchtlinge gefunden. Dazu Sprüche wie: „Wenn die
       eingeborenen Deutschen nicht einmal in der Lage sind, für sich selbst
       einzustehen, so sind unsere Landsleute sehr viel geschlossener und bereit,
       ihre Interessen zu verteidigen. Wir sind von klein auf dazu erzogen, Paroli
       zu bieten, wenn man uns schlägt. Und glaubt mir, die Geschichte mit Lisa
       ist nur der Anfang.“
       
       ## Leicht zu mobilisieren
       
       Eine besondere Gefahr erblicken die antifaschistischen Aktivisten in den
       hiesigen Russlanddeutschen jedoch nicht: „Entsprechende deutsche Seiten
       sehen genauso aus und zeigen – zynisch ausgedrückt –: Auch in dieser
       Hinsicht sind die Spätaussiedler bei uns gut integriert. Aber durch ihr
       hohes Stimmungspotenzial, die schnelle Verbreitung von Gerüchten unter
       ihnen, ihre hohe Bereitschaft, innerhalb der Community zu helfen, ihre
       guten Strukturen, lassen sie sich leicht in Bewegung setzen.“
       
       Dass man die Russlanddeutschen jüngst auch in überregionalen Zeitungen als
       „Deutschrussen“ oder gar „Russen aus Marzahn“ bezeichnete, erbost Medina
       Schaubert. Sie selbst hat ihre russischen Freunde gern. Aber in ihrer
       Familie hat man immer deutsch gesprochen, wenn auch einen historischen
       schwäbischen Dialekt.
       
       Vor ihrem Ökonomie-Studium machte die 29-Jährige eine Ausbildung als
       medizinisch-technische Assistentin. In diesem Beruf jobbt sie heute, denn
       die ehrenamtliche Tätigkeit frisst Zeit. Medina Schaubert ist
       stellvertretende Vorsitzende der Marzahner CDU und im Integrationsausschuss
       des Bezirks mit zuständig für die Flüchtlingsheime.
       
       ## Als Russlanddeutsche deportiert
       
       Warum CDU? „Wegen meiner christlichen Grundwerte“, erklärt sie. Ihr
       Urgroßvater sei in Russland evangelischer Pastor gewesen und wurde während
       der Stalin’schen Säuberungen 1937 erschossen, weil er seinem Glauben nicht
       abschwor. Als Stalin die Russlanddeutschen deportieren ließ, karrte man die
       Schauberts von der Krim nach Kasachstan – in Viehwaggons ohne Proviant.
       Einen Großonkel von Medina Schaubert fanden kasachische Hirten als
       Vierjährigen in der gefrorenen Steppe neben zwei Frauenleichen, seiner
       Mutter und Großmutter. Alle drei hatte man geschwächt aus dem Zug gekippt.
       
       „Die Kasachen haben uns Lebensmittel gegeben, als sie fast selbst nichts
       hatten. Bei Familienfesten ließen wir sie immer hochleben“, erinnert sich
       Schaubert. Schon deshalb hege sie keine Vorurteile gegen fremd aussehende
       Menschen. Die Jungpolitikerin ist unterwegs zu ihrem Parteigenossen
       Alexander Reiser.
       
       Hellersdorfs prominentester Russlanddeutscher ist Buddhist. Auch Reiser
       stammt aus einer rein deutschsprachigen Familie. Der Vater einer
       erwachsenen Tochter wohnt heute mit seiner russischen Ehefrau Oksana, einer
       Japanologin, und dem sahnefarbenen, plüschäugigen Yorkshireterrier Max in
       einem der Mehrfamilienhäuschen mit nur wenigen Stockwerken, die es in
       Marzahn-Hellersdorf neben den Plattenbauten auch gibt. Er fühlt sich mitten
       im Grünen und schaut beim Arbeiten gern in die Baumwipfel. In dem asiatisch
       angehauchten Interieur leuchtet eine goldene Buddha-Statue auf dem Regal.
       
       ## Im permanenten Ausnahmezustand
       
       Ohne seine Meditationsübungen hätte der 52-Jährige wohl den permanenten
       Ausnahmezustand der letzten Wochen nicht überlebt. Als Vorsitzender des
       Vereins Vision e. V., der sich um die Integration seiner Landsleute bemüht,
       hatte er auf der Demonstration „für unsere Lisa“ am 23. Januar am
       Kanzleramt dazu aufgerufen, die polizeiliche Untersuchung abzuwarten.
       Daraufhin „haben mich die Ordnungskräfte des Veranstalters aus der Menge
       gedrängt. Einige aufgebrachte Teilnehmer griffen mich dann am Rande der
       Kundgebung verbal an, ein ehemaliger Afghanistankämpfer geriet in Rage und
       drohte, mich mit einem Schlag ‚auszuschalten‘.“
       
       Reiser, in der UdSSR unter anderem Matrose und Journalist, kam nach
       Deutschland um der Freiheit willen. Und benahm sich hier wie ein freier
       Mensch: „Es gab wilde Gerüchte: Wir bekämen fertige Häuschen hingestellt
       und Riesenrenten, obwohl wir doch keinen Tag in Deutschland gearbeitet
       hätten. Das war sehr verletzend. Aber ich hatte keinen Moment einen
       Zweifel: Dies hier ist mein Land und ich selbst werde dafür sorgen, hier
       heimisch zu werden.“
       
       „Von den 700 Leuten bei der Demonstration vor dem Kanzleramt waren 400
       einfach bloß da, weil sie sich persönlich für Lisa einbringen wollten“,
       meint Reiser. Doch er räumt ein, dass viele auch ihren sozialen Status
       durch die Flüchtlinge bedroht sehen. Den Sozialneid, den die
       Russlanddeutschen früher selbst zu spüren bekamen, richten sie jetzt gegen
       andere.
       
       „Die meisten von ihnen gehören jetzt zum Mittelstand, sie haben sich ein
       Häuschen gebaut, gehören zu einer Kirchengemeinde und fürchten, dass durch
       die Flüchtlinge ihr bescheidenes, hart erarbeitetes Leben wieder in dem
       Chaos versinkt, das sie im Russland der 90er Jahre erfuhren.“
       
       Reiser gehört einer WhatsApp-Gruppe von Russlanddeutschen an, die um die
       große Demo herum entstand. „Da herrscht heute großer Katzenjammer, viele
       fühlen sich von den russischen Medien hereingelegt“, versichert er. „Es
       wird noch lange dauern, bis dieser Dreck von uns abgetropft ist“, zitiert
       er eine Teilnehmerin. Eine andere schreibt: „Das konnte ich nur zusammen
       mit einer ganzen Tafel Schokolade runterschlucken.“
       
       14 Feb 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Kerneck
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) NPD
 (DIR) Vergewaltigung
 (DIR) Berlin Marzahn-Hellersdorf
 (DIR) Russlanddeutsche
 (DIR) Schwerpunkt Neonazis
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Bundesnachrichtendienst
 (DIR) Russland
 (DIR) Flüchtlinge
 (DIR) Propaganda
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Rechter Aufmarsch am 12. März in Berlin: Breites Bündnis will blockieren
       
       Obskure rechte Gruppen planen eine Demonstration und eine Mahnwache am 12.
       März in Berlin. Linke Gruppen rufen zu Gegenaktionen auf.
       
 (DIR) Facebook-Trick gegen Flüchtlingsgerüchte: Volksverhetzer bloßgestellt
       
       Nicht nur die Hoaxmap arbeitet sich an den bizarren Gerüchten um
       Flüchtlinge ab. Auch das Anonymous-Kollektiv lässt „besorgte Bürger“
       auflaufen.
       
 (DIR) Untersuchung der „Kreml-Propaganda“: Nachrichtendienste eingeschaltet
       
       Einem Medienbericht zufolge sollen Bundesnachrichtendienst und
       Verfassungsschutz prüfen, ob der Kreml Desinformation in Deutschland
       betreibt.
       
 (DIR) Debatte Rechtsextreme Russlanddeutsche: Sex, Lügen und große Politik
       
       Schon lange wollen organisierte Rechte Russlanddeutsche beeinflussen. Im
       Fall der 13-jährigen Lisa ist das jetzt im Ansatz gelungen.
       
 (DIR) Das war die Woche in Berlin II: Moskau will wieder Macht in der Stadt
       
       Im „Fall Lisa“ um eine angeblich vergewaltige 13-Jährige wurde es der
       Moskauer Propaganda allzu leicht gemacht.
       
 (DIR) Medienfälschungen in Russland: Skandalzeugen auf Bestellung
       
       Russische Medien kaufen sich Zeuginnen, um Storys aus Deutschland zu
       skandalisieren. Journalisten decken das Geschäft nun auf.