# taz.de -- Die Wahrheit: Allein in der Bank
       
       > Weil irische Finanzinstitute einen denkbar schlechten Ruf haben,
       > vermeiden sie persönliche Begegnungen mit ihren Kunden lieber.
       
 (IMG) Bild: Muss schnellstens verkauft werden
       
       Die erste Hürde, die es zu überwinden gilt, um meine Bankgeschäfte zu
       erledigen, ist der Wind. Die Bank hat nämlich eine Sicherheitsschleuse.
       Durch die erste Tür gelangt man in einen kleinen Vorraum, doch die zweite
       Tür lässt sich erst öffnen, wenn die erste Tür geschlossen ist. Letzteres
       verhindert jedoch der Sturm, der in Irland seit Mitte August tobt.
       Schließlich gelingt es mir, mit dem Fuß die Außentür zuzudrücken und mit
       der ausgestreckten Hand die zweite Tür aufzuziehen.
       
       Man hat umgebaut, stelle ich fest, als ich in der menschenleeren Bank
       stehe. Der Tresen für die Kundenberatung ist verschwunden, und auch der
       Schalter, an dem man Geld einzahlt oder abhebt, ist weg. Stattdessen stehen
       dort zwei Automaten, getrennt durch Sichtblenden. Ein Schild weist darauf
       hin, dass man künftig nur noch dann persönlich bedient wird, wenn man
       mindestens 3.000 Euro einzahlt. Augenkontakt ist aber in jedem Fall zu
       vermeiden. Jemand hat mit einem Kugelschreiber hinzugefügt: „Kleinkunden,
       verpisst euch!“
       
       So weit musste es ja kommen. Die Banken sind eingeschnappt, weil sie für
       den Fast-Bankrott Irlands verantwortlich gemacht werden. Hinzu kommt die
       parlamentarische Untersuchung über die Gründe für den Bankenzusammenbruch
       und die von der damaligen Regierung verhängte Bankengarantie. Der Bericht
       soll in gut zwei Wochen veröffentlicht werden, falls der
       Druckkostenzuschuss aus Brüssel rechtzeitig eintrifft. Aber fest steht
       bereits, dass es keine Schuldzuweisungen und erst recht keine Reformen
       geben wird. Die Bankiers und Politiker, die in dem Bericht vorkommen,
       durften ihn vorher lesen und Korrekturen anbringen, falls sie mit dem
       Ergebnis nicht einverstanden waren.
       
       So bleibt festzustellen, dass die Bankenpleite einfach Pech war. Banken
       verspekulieren sich eben manchmal, aber das kann man ja nicht an Personen
       festmachen. Die Untersuchung hat mehr als 100.000 Euro gekostet – pro Tag.
       Insgesamt kamen rund fünf Millionen Euro zusammen, die in die Taschen der
       Regierungskumpane in den Anwaltskanzleien gewandert sind.
       
       Die Banken haben nun den schwarzen Peter, die Menschen vertrauen ihnen
       nicht mehr. Kein Wunder, dass meine Bank niemanden mehr sehen will. Und sie
       hat sich eine weitere Strafe ausgedacht. Wer ein „Fada“ in seinem Namen
       hat, bekommt kein Geld. Ein Fada hat nichts mit der gleichnamigen
       koffeinhaltigen Limonade aus Marseille zu tun, sondern ist ein Accent aigu,
       der in der irischen Sprache und in irischen Namen häufig vorkommt. Ein
       Bankcomputer kennt das aber nicht und weist solche Überweisungsformulare
       zurück. Wäre Ruairí Ó Brádaigh, dem 2013 verstorbenen früheren Chef der
       Irisch-Republikanischen Armee (IRA), so etwas widerfahren, hätte er
       vermutlich die IRA-Waffen eigenhändig wieder ausgegraben.
       
       Mir kommt die leere Bank unheimlich vor, und ich beschließe, mit
       Begleitschutz zurückzukommen. Aber ich sitze fest. Der Sturm hält die
       Außentür einen Spalt weit offen, so dass die Innentür gesperrt ist.
       
       11 Jan 2016
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ralf Sotscheck
       
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