# taz.de -- T-Rex in Niedersachsen: Dinosaurier vor der Haustüre
       
       > Das Kino zeigt Urzeit-Echsen gern vor subtropischer Kulisse. Doch ein
       > Ausflug in Niedersachsen zeigt: Die Jurassic World beginnt hier.
       
 (IMG) Bild: Eine Herde von Diplodocus-Sauriern auf versteinertem Wattenmeer.
       
       HAMBURG taz | Der Kalksteinblock hat einen Durchmesser von circa einem
       Meter. Die Oberfläche ist uneben. Überall ragen kleine Höcker heraus,
       spitze Kanten, seltsame Verästelungen. „Schauen Sie hier“, sagt Nils
       Knötschke und zeigt mit einem Bleistift auf ein kleines, rundes Gebilde.
       „Das ist ein Stück von einem Zahn, genaugenommen, der Rest einer
       Zahnwurzel.“ In dem Kalksteinblock befinden sich die Überreste eines
       Dinosauriers – konserviert seit über 150 Millionen Jahren.
       
       Wenn man die Filme von Steven Spielbergs „Jurassic Park“-Serie in den
       letzten zwei Jahrzehnten verfolgt hat, könnte man leicht auf den Gedanken
       kommen, Dinosaurier seien eine Spezialität subtropischer Regionen. Einsame
       Inseln, irgendwo am Äquator – auf jeden Fall weit weg von Norddeutschland.
       Doch den Kalksteinblock, den Knötschke und seine Kollegen behutsam
       durchleuchten, haben sie in unserer Nachbarschaft ausgegraben.
       
       Direkt am Steinhuder Meer, westlich von Hannover, liegt das
       „[1][Naturdenkmal Dinosaurierfährten]“. Nils Knötscke ist
       wissenschaftlicher Leiter der bundesweit einmaligen Einrichtung und hat
       sich damit auch einen Kindheitstraum verwirklicht. „Ich habe mich schon als
       kleiner Junge für Ausgrabungen begeistert“, erzählt der heute 37-Jährige,
       während er die versteinerten Knochen im Kalksteinblock vorsichtig mit einem
       Spachtel freilegt.
       
       Während die Konservatoren arbeiten, können ihnen Besucher durch riesige
       Glasscheiben zusehen. Denn die Labore sind Teil des Dinosaurier-Parks,
       einer Einrichtung, die nicht ganz zufällig wie eine reale Version von
       Spielbergs Jurassic Park erscheint. „Das Besucherzentrum ist 1993 gebaut
       worden“, sagt Knötschke. Der runde Bau mit seiner Kuppel über dem Eingang
       ist eindeutig inspiriert von Spielbergs erstem Film.
       
       ## Von Steven Spielberg beeinflusst
       
       Doch es gibt auch einen großen Unterschied. „Im Gegensatz zu den jüngeren
       Verfilmungen orientierten wir uns bei unseren Rekonstruktionen an den
       neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen“, betont Knötschke. Zahlreiche
       Dinosaurier in Lebensgröße können die Besucher in der weitläufigen
       Parklandschaft erkunden. Teilweise mehr als 20 Meter hoch, überragen die
       Giganten auch die höchsten Bäume. Nur bewegen sich die Tiere nicht – im
       Gegensatz zum Spielberg-Film. „Unsere Modelle bewegen sich in der Fantasie
       der Kinder“, behauptet Knötschke. Auch sonst gibt es große Unterschiede zu
       den Computer-Rekonstruktionen aus Hollywood.
       
       Denn inzwischen deuten viele Funde überall auf dem Planeten daraufhin, dass
       die Dinosaurier viel mehr mit den Vögel gemeinsam hatten als mit den
       Reptilien. Erst vor wenigen Wochen ist in China wieder ein bis dahin
       unbekannter Raubsaurier entdeckt worden, dessen prächtiges Federkleid als
       Abdruck im Stein die Jahrmillionen überdauert hat.
       
       ## „Schreckliche Echsen“
       
       All die Dinosaurierdarstellungen, in denen die „schrecklichen Echsen“ wie
       riesige Salamander mit gespaltenen Reptilienzungen schwerfällig durch dir
       Gegend stapften, müssen revidiert werden. Die Tiere waren mit großer
       Wahrscheinlichkeit Warmblüter, die sich schnell und präzise bewegen
       konnten.
       
       Auch im Dinosaurierpark in Münchehagen zeigen die neuesten Rekonstruktionen
       die Tiere mit feinen Federn statt mit kühler Echsenhaut. Der zum tödlichen
       Sprung bereite Raptor sieht dadurch nicht weniger gefährlich aus, nur eben
       ganz anders als in den Kinderbüchern und Hollywood-Filmen. „Spielberg
       selber soll entschieden haben, die neuen Forschungserkenntnisse zu
       ignorieren“, berichtet Knötschke. „Die Federn sind einfach eine enorme
       Herausforderung für die computergenerierten Spezialeffekte.“
       
       Spezialeffekte, die der Park in Münchehagen nicht nötig hat. Schon die
       wenigen erhaltenen Spuren wecken – auch bei erwachsenen Gästen – die
       Ehrfurcht vor den Riesendinos. Sie ergänzen die lebensgroßen
       Rekonstruktionen.
       
       ## Freigelegte Fährten
       
       Im Steinbruch nebenan haben Knötschke und sein Team eine neue
       Dinosaurierfährte freigelegt. Nur wenige Meter unter der Oberfläche finden
       sich Löcher mit einem Durchmesser von einem halben Meter. Leicht mit Wasser
       gefüllt sind die riesigen Fußstapfen. Wer von einer Anhöhe auf sie blickt,
       spürt förmlich die Stöße, unter denen einst die Erde bebte.
       
       Vor Jahrmillionen war Niedersachsen von einem gewaltigen, flachen
       Binnenmeer bedeckt, durch dessen Uferbereich ein Pflanzenfresser damals
       seinen Weg bannte. Ein paar Schichten weiter oben – und damit ein paar
       Millionen Jahre später – ist die krallenartige Spur eines Raubsauriers
       deutlich zu erkennen, der schnell und gewitzt seinen Weg durch die
       prähistorische Landschaft nahm.
       
       ## Intelligent wie Elstern
       
       „Wir wissen natürlich nicht wirklich, wie intelligent diese Tiere waren“,
       sagt Knötschke, „aber aus der Größe des Gehirns lässt sich bei etlichen
       Räubern schon auf eine Intelligenz wie bei heutigen Vögeln schließen, zum
       Beispiel Elstern.“ Überhaupt sei die Erforschung des Soziallebens der Tiere
       eine der großen Herausforderungen der Paläontologie. Aus der Zeit der
       Dinosaurier sind eben nur Momentaufnahmen überliefert.
       
       Zum Beispiel wenn mehrere Tiere in einem Sumpf versunken sind, oder von
       einem Erdrutsch oder Sandsturm überrascht wurden. „Es wurden zum Beispiel
       ganze Familien von Raptoren gefunden, die bei der Jagd auf einen großen
       Pflanzenfresser gemeinsam mit dem Beutetier in eine natürliche Falle
       gerieten“, erzählt Knötschke. Aus solchen Funden erschließe sich, dass das
       sehr soziale Tiere waren.
       
       Das gelte auch für den Tyrannosaurus Rex, der in der Populärkultur als
       fürchterliche Bestie dargestellt werde. Im Winter soll ein vollständiges
       Skelett von ihm neue Besucher ins Berliner Naturkundemuseum locken. Der
       Räuber ist ein Star – mit seinem riesigen Maul und den verkümmerten Ärmchen
       hat er den Ruf einer bösen, ultimativen Fressmaschine.
       
       ## Sehr soziale Wesen
       
       Aber von dem Eindruck sollte man sich nicht täuschen lassen: Neue Funde
       zeigen einen T-Rex, bei dem ein Beinbruch verheilen konnte. „Den muss über
       Wochen jemand gefüttert haben, sonst wäre er verendet“, ist sich Knötschke
       sicher. Die Tiere haben offensichtlich für ihre kranken Verwandten gesorgt.
       In ihren eigenen Reihen waren die riesigen Räuber wahrscheinlich sehr
       soziale Wesen.
       
       Wer nach dem Filmgenuss und einem Besuch in Münchehagen jetzt doch einmal
       Lust bekommen hat, einem echten Dinosaurier leibhaftig gegenüber zu stehen,
       der wird ebenfalls in Niedersachsen fündig. Denn nicht alle Dinosaurier
       sind ausgestorben. Der Weltvogelpark Walsrode in der Lüneburger Heide ist
       nichts anderes als ein echter Jurassic Park, wenigstens wenn man die Vögel
       wie die Paläontologie als überlebende Dinosaurier begreift.
       
       ## Den Fantasien nahe
       
       Und in der Tat erlebt man auf dem weitläufigen Gelände des Vogelparks
       Tiere, die den kollektiven Dino-Fantasien schon sehr nahe kommen. Der
       Rothalskasuar zum Beispiel ist ein riesiger, flugunfähiger Vogel, der auf
       drei massiven Krallen auf die Jagd geht. Eine Begegnung mit ihm kann sogar
       für den Menschen tödlich enden. Denn der Vogel ist in der Lage, die
       mittlere, bis zu zehn Zentimeter lange Kralle wie einen kleinen Dolch tief
       in den Körper seines Gegners hinein zustoßen.
       
       Sicher, die Vögel haben keine Mäuler, sondern Schnäbel, aber dass das
       Programm für Schwanz-wuchs und Beißer noch immer in ihren Genen steckt, ist
       unter Forschern wenig umstritten. Es gibt sogar Forschungsprojekte, die
       sich bemühen, diese Gene der Dinosaurierzeit wieder zu aktivieren – und so
       zum Beispiel aus gewöhnlichen Hühnern Wesen zu züchten, deren
       Verwandtschaft mit den Dinos auch äußerlich gut erkennbar ist.
       
       31 Aug 2015
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] http://www.dinopark.de
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alexander Kohlmann
       
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