# taz.de -- 80 Jahre Stadtgeschichte im Bild: In Hamburg macht man Pause
       
       > „Fofftein“ im Hamburger Museum der Arbeit zeigt die Arbeiten von drei
       > Fotografen, die durch die Stadt gezogen sind.
       
 (IMG) Bild: Hut in die Stirn ziehen und pausieren: Fofftein machen sah am Hamburger Schulterblatt 1979 schon so aus wie heute.
       
       HAMBURG taz | „Fofftein“ als Titel einer Ausstellung klingt schrecklich
       altbacken. Nach plattdeutschen Lustspielen und Heidi Kabel (die einmal zu
       sehen sein wird) und Lokalkolorit, nach Männern mit Helmut-Schmidt-Mütze,
       die an der Pfeife ziehen und nach lustigen NDR-Moderatoren, wenn die ins
       „schnacken“ kommen. Doch steht man erst mal im dritten Stock des Hamburger
       Museums der Arbeit und schaut auf die ersten Bilder, weiß man, dass man in
       der nächsten Stunde eine wirklich gute Fotoausstellung zu sehen bekommen
       wird.
       
       Was zunächst an Thomas Henning liegt, also an seinen Bildern. Er zeigt uns
       die Hamburger Stadtteile St. Georg und das Schanzenviertel und dann noch
       St. Pauli. Und dafür geht er überwiegend zurück in die 1980er-Jahre, als
       auch in Hamburg eine neue Zeit anbrach, die noch von der alten geprägt ist,
       der man zu entkommen suchte. Er zeigt uns Männer mit Schnauzbärten, die in
       aufgemotzten Ami-Schlitten posieren. Er zeigt uns Autowerkstätten in
       Hinterhöfen, müde Arbeiter, die sich auf St. Pauli zu erholen suchen. Und
       er zeigt uns dies in heute ungewohnt satt-bunten Farbfilmfarben, und seine
       erzählerische Kraft macht, dass auch seine frühen Schwarz-Weiß-Aufnahmen
       aus den 1970er-Jahren nur so vor Lebendigkeit sprühen.
       
       Das ist anders bei Gerd Mingram, Fotokünstlername Germin. Gelernter
       Schriftsetzer, dann freier Fotograf mit sozialistischer Prägung, der
       schließlich bei der NSDAP-Zeitungsbeilage Hamburger Tagesblatt unterkam und
       hoffte, so unter den Nazis nichts mit den Nazis zu tun haben zu müssen. Bis
       diese sich ihn vornahmen und er anschließend das damalige Leben in Hamburg
       brav in ihrem Sinne ablichtete.
       
       Nach 1945 machte er sich daran, den Aufbau Hamburgs zu dokumentieren. Man
       sieht den Rathausmarkt, man sieht Ecken in Hamburg-Dulsberg, man blickt vom
       Michel aus großer Höhe auf die Innenstadt – und man sieht all die
       Zerstörungen. Und man sieht, wie diese langsam verschwinden, wie sie
       allmählich dem Wiederaufbau Platz machen, bis am Alsteranleger Frauen in
       hellen Kleidern mit übereinander geschlagenen Beinen unbeschwert weiße
       Schwäne füttern oder junge Familien nun gut gekleidet und entspannt wirkend
       durch die Internationale Gartenbauausstellung von 1963 schlendern.
       
       Vieles ist erkennbar inszeniert, besonders wenn Germin in die Arbeitswelt
       eintaucht. Dann wirkt sein Straßenbahnschaffner, seine Weberinnen und all
       die kernig-spröden Hafenarbeiter so, als hätten sie das große Los gezogen
       mit ihrer sauberen, überschaubaren Art von Arbeit. Nur bei wenigen
       Aufnahmen blitzt hier und da wenig Eigenwilligkeit durch, etwa wenn es ihn
       nach St. Pauli zieht oder auf den Hamburger Dom, also auf den Jahrmarkt.
       
       Die Auftragsfotografie für Zeitungen und Magazine, für Krankenkassen,
       Gewerkschaften und Unternehmen hat ihn offensichtlich ganz und gar
       eingenommen. Was es einem als Betrachter aber auch erlaubt, mehr als eine
       Ahnung zu bekommen, wie sich bestimmte folkloristische Hamburg-Stereotypen
       durchsetzen konnten: die qualmenden Schiffe auf der Elbe, der
       dämmerig-melancholische Blick von der Lombardsbrücke auf den erleuchteten
       Jungfernstieg, die zufrieden wirkenden Hafenarbeiter mit Pausenbrot und
       Brotdose.
       
       Angenehm kontrastiert wird das Werk der beiden Hamburger Fotografen mit
       Arbeiten von Adam Panczuk, der Mitglied der polnischen Künstlergruppe
       „Sputnik“ ist. Ihn hat man gebeten, Momentaufnahmen von der Stadt zu
       machen, wie er sie als Dazugekommener wahrnimmt, und er hat sich in den
       Stadtzonen umgeschaut, wo dieser Tage und in naher Zukunft jeder Stein
       umgedreht werden wird: das Gelände der Hafencity, lukrative Bereiche von
       Wilhelmsburg, das Areal der kommenden Mitte Altonas und verwunschene Ecken
       in Rothenburgsort und Billbrook, die unter dem Label „Hamburgs Neuer Osten“
       längst unter Investoren aufgeteilt worden sein dürften
       
       ## Auffällig unscharf
       
       Womit schließen? Vielleicht mit einem Hinweis auf Germains Aufnahme eines
       überaus tristen Hinterhofs in der Talstraße auf St. Pauli von 1962, in der
       Kinder um ein Autowrack herum spielen. Ein Bild, das er heimlich gemacht
       haben könnte, denn es ist auffällig unscharf, so als habe er es im
       Vorbeigehen geknipst, während seine Protagonisten sonst oft wirken, als
       habe er sie mehrfach neu drapiert, bis ihre Haltungen und ihr
       Erscheinungsbild seinen Erwartungen entsprachen.
       
       Oder mit einem Blick Panczuks auf die Rückseite der Karstadt-Ruine am
       Barmbeker Bahnhof, gleich beim Museum nebenan. Wo unterschiedliche
       Mauerreste zu sehen sind; Hinweise darauf, dass die Geschichte eines
       Bauwerkes sich unweigerlich zeigt, wenn man ihm zu Leibe rückt, bis dieses
       schließlich überplant und dann überbaut wird – bis zum nächsten Abriss.
       Oder vielleicht doch eher, weil wie von selbst der Tagesaktualität
       verpflichtet, mit Thomas Hennings Aufnahme der so genannten
       Ausländerbehörde in der Amsinckstraße, eine der großen Ausfallstraßen der
       Stadt?
       
       Henning war nachts dort, ein bizarrer Ort, ausgeleuchtet, als sei
       Tagesbetrieb, aber gänzlich leer. Mit in die Nacht gespiegelten modernen
       Lampen, als seien es wundersame Wesen, aber auch den harten, unbeweglichen
       Schalensitzen und vor allem den so genannten Hamburger Absperrgittern, wie
       man sie von Demonstrationen her kennt. Ein Ort, der im Moment der
       Betrachtung kurz wirkt, als sei er seiner reglementierenden Funktion
       enthoben, bis einem schlagartig einfällt, dass ihn doch so viele
       durchqueren und auch aushalten müssen, die etwas ganz Schlichtes werden
       wollen: normale Hamburger und Hamburgerinnen, auf das sie in den kommenden
       Jahrzehnten die Stadt neu prägen.
       
       26 Aug 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Keil
       
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