# taz.de -- Ägypten feiert Suezkanal-Erweiterung: „Der Dank gebührt Präsident El-Sisi“
       
       > In nur einem Jahr baute Ägypten eine Erweiterung des Suezkanals. Dieser
       > ist nun weitgehend in beide Richtungen befahrbar.
       
 (IMG) Bild: Durch den Verkehr in beide Richtungen soll sich die Wartezeit für Frachtschiffe auf drei Stunden verkürzen.
       
       Kairo taz | Wer dieser Tage am Flughafen in Kairo ankommt, der kann sich
       vor der Passkontrolle einen besonderen Stempel in sein Reisedokument
       drücken lassen: Der neue Suezkanal – ein Geschenk Ägyptens an die Welt,
       heißt es unter dem Kanal-Logo. Die Aktion ist Teil der Festlichkeiten rund
       um die Eröffnung eines neuen Teilstückes des Suezkanals am Donnerstag. Im
       ägyptischen Fernsehen laufen ohne Unterlass Trailer, die den „neuen Kanal“
       als Symbol des Willens der Ägypter anpreisen.
       
       Auch in den ägyptischen sozialen Medien lässt sich diesem Ereignis kaum
       entkommen. Auf Youtube ist ein Video zusehen, in dem eine Handvoll
       Schwimmer eine fünf Kilometer lange ägyptische Fahne durch das Kanalwasser
       ziehen.
       
       Der Chef der Suezkanalbehörde Muhab Mamisch wählte bei in einer
       Pressekonferenz in Kairo vor ein paar Tagen große Worte: „Wir ziehen mit
       dem neuen Kanal vom Dunkeln ins Licht, unser Dank gebührt dem Erfinder
       dieses Projektes, Präsident Abdel Fatah El-Sisi“. Wenn Letzterer am
       Donnerstag das Kanalteilstück eröffnen wird, soll nichts der Grandesse der
       Feierlichkeiten vor fast 150 Jahren nachstehen, als der ursprüngliche
       Suezkanal eröffnet worden war.
       
       Eigens wurde die königliche Jacht „Mahrousa“ an den Kanal verlegt. Mit ihr
       fuhr einst der damalige Vizekönig Ismail Pascha mit seinen Gästen aus aller
       Welt als erster durch den Kanal, und auch El-Sisi will auf ihr mit seinen
       Staatsgästen das neue Teilstück befahren.
       
       ## Teilstück in nur einem Jahr fertiggestellt
       
       Auch dass immer wieder betont wird, dass die Ägypter das neue Teilstück
       selbst finanziert, geplant und gebaut haben, soll an jene glorreichen Tage
       erinnern, als Präsident Gamal Abdel Nasser den Kanal 1956 verstaatlichen
       ließ und damit das Ende des Kolonialismus in Ägypten einleitete.
       
       Besonders stolz ist man in Ägypten darauf, es geschafft zu haben, den
       „neuen Kanal“ in nur einem Jahr fertigzustellen. Ursprünglich waren drei
       Jahre Bauzeit angesetzt, aber Präsident Abdel Fatah El-Sisi befahl seiner
       Armee und der Suezkanalbehörde medienwirksam in einer Pressekonferenz
       letzten Sommer, in einem Jahr fertig zu werden. Seitdem das Ganze zur
       Chefsache unter der Aufsicht der Armee gemacht worden war, wurde rund um
       die Uhr am Kanal gearbeitet. 258 Millionen Kubikmeter Sand wurden bewegt.
       4.500 schwere Baufahrzeuge waren im Einsatz.
       
       Auch dass die gesamten für den Bau benötigten umgerechnet 8,5 Milliarden
       Dollar letzten Sommer innerhalb nur einer Woche durch private
       Suezkanal-Investmentzertifikate mobilisiert worden sind, erfüllt viele
       Ägypter mit Stolz. In fünf Jahren sollen die Gelder zurückgezahlt werden,
       mit zwölf Prozent Zinsen.
       
       ## In beide Richtungen befahrbar
       
       Der ehemalige Ingenieur und heutige Rentner Nagi Aschmawi hat für seine
       zwei- und fünfjährigen Enkel Suezkanal-Zertifikate im Wert von umgerechnet
       12.000 Euro gekauft. „Damit ihre Namen einmal mit dem Suezkanal in
       Verbindung gebracht werden und wir an diesem historischen Projekt
       teilnehmen“, sagt er. „Dieses Projekt ist vom ägyptischen Volk finanziert,
       da konnten wir nicht nachstehen“, fügt er hinzu. Er habe das auch aus Trotz
       gemacht, gegen jene die behaupten, dieses nationale Projekt des neuen
       Kanals sei nicht viel mehr als ein kleiner Bewässerungskanal. Und natürlich
       waren die zwölf Prozent Zinsen nicht schlecht.
       
       Wobei das mit dem neuen Kanal etwas übertrieben ist, genauso wie die
       Kritik, es handle sich um einen kleinen Bewässerungskanal, an der Realität
       vorbei geht. Der gesamte Suezkanal ist etwa 200 Kilometer lang. Auf 80
       Kilometern war er bereits zuvor gleichzeitig in beide Richtungen befahrbar.
       Nun wurde die parallele Befahrbarkeit auf 115 Kilometer verlängert.
       
       Dafür wurde in der Wüste ein 35 Kilometer langes neues Teilstück gebaut. An
       einer anderen Stelle wurde der Kanal auf 37 Kilometern verbreitert und
       vertieft, so dass nun 60 Prozent des Kanals parallel befahrbar sind.
       
       ## Drei statt acht bis elf Stunden Wartezeit
       
       „Wir haben eine Botschaft an die Welt: Deine Lebensmittel, deine Medizin,
       dein Kraftstoff und deine Ersatzteile werden schneller ankommen, durch
       diese Idee des neuen Suezkanals“, erklärte der Chef der Suezkanalbehörde
       bei der Pressekonferenz, die angesetzt worden war, nachdem drei
       Containerschiffe eine erfolgreiche Testfahrt durchgeführt hatten. Um das
       „schneller“ in eine Perspektive zu setzen.
       
       Mit dem ursprünglich vor 150 Jahren gebauten Kanal verkürzte sich die Zeit
       für eine Schiffsreise vom Arabischen Golf nach London von 24 auf 14 Tage.
       Mit dem neuen weiteren Stück Parallelverkehr verkürzt sich die Wartezeit
       der Schiffe statt auf acht bis elf Stunden nun auf nur drei Stunden. Zeit
       ist Geld im Schiffshandel.
       
       Mit zehn Prozent des Welthandels, der derzeit über den Suezkanal läuft, hat
       das Projekt Potential, glaubt der ägyptische Politökonom Amr Adly. Ob es so
       viel ist, wie die Regierung in Kairo vorgibt, weiß allerdings niemand
       abzuschätzen. Die Regierung prognostiziert, dass die Einnahmen aus dem
       Kanal mit der neuen Fahrrinne in den nächsten neun Jahren um 260 Prozent
       steigen werden.
       
       ## Der Kanal bringt Ägypten Devisen
       
       „Wie lohnend der Ausbau tatsächlich ist, hängt von der Entwicklung des
       Welthandels ab. Die ägyptische Regierung hat bisher keine Studie
       veröffentlicht, um ihre Zahlen zu untermauern. Das macht es schwer, das
       Projekt zu bewerten. Es wird sicherlich Mehreinnahmen geben, wie hoch die
       aber sind, kann keiner heute ernsthaft sagen“, sagt Adly.
       
       Schon ohne den Ausbau hatten sich die Einnahmen aus dem Suezkanal in den
       letzten zehn Jahren auf 5,3 Milliarden Dollar im Jahr verdoppelt.
       Wenngleich die Bedeutung des Kanals für die ägyptische Wirtschaft oft
       überschätzt wird. „Anders als viele denken, macht der Suezkanal nicht einen
       großen Teil der ägyptischen Staatseinnahmen aus. Es sind ungefähr vier
       Prozent der staatlichen Einnahmen. Der Kanal macht 2,5 bis drei Prozent des
       Bruttosozialeinkommens aus“, erklärt der ägyptische Ökonom.
       
       Aber der Kanal bringt Ägypten Devisen. Und damit ist er für den Staat
       überlebenswichtig, erläutert er. Die gesamten Exporte Ägyptens machen
       weniger als 30 Milliarden Dollar aus. Die Bedeutung des Kanals liegt also
       darin, dass er für ein Sechstel der direkten staatlichen Einnahmen an
       harter Währung verantwortlich ist“.
       
       Adly sagt, er sei beeindruckt, wie dieses Kanalteilstück in so kurzer Zeit
       fertiggestellt wurde, in einer bisher einzigartigen Zusammenarbeit zwischen
       dem Militär, staatlicher und privater ägyptischer Firmen. Auch ausländische
       Spezialfirmen aus Holland und Belgien waren dabei. Sie wurden angeheuert,
       um die komplizierten Arbeiten bei der Ausweitung und Vertiefung des
       bestehenden Kanals durchzuführen. Das Ganze fand jenseits des für seine
       Ineffizienz berüchtigten ägyptischen Staatsapparates statt, auf ein einer
       Art exterritorialen Baustelle, die wenig mit den sonstigen Realitäten des
       Landes zu tun hatte.
       
       ## Keine Wende für die Wirtschaft
       
       Wenngleich die wirtschaftlichen Prognosen des Projektes ein wenig in den
       Sterne stehen, ist das es für El-Sisi vor allem ein politischer Erfolg.
       „Die ägyptische Führung beweist damit, das sie etwas leisten kann und das
       in der angesetzten kurzen Zeit. Der Welt hat man damit gezeigt, dass der
       Staat zu so einem Großprojekt fähig zu sein und das in einer Zeit, in der
       andere Staaten in der Region auseinanderbrechen“, meint Adly. Aber er warnt
       auch davor zu glauben, wie in der staatlichen Propaganda verbreitet, dass
       ein solches einziges Großprojekt eine Wende in der ägyptischen Wirtschaft
       darstellt.
       
       „Dieses Projekt wird nicht die ägyptische Wirtschaft zu mehr
       Leistungsfähigkeit reformieren und damit massiv neue Arbeitsplätze schaffen
       und den Lebensstandard der Ägypter erhöhen“, glaubt er. „Der Staat und das
       Militär sind fähig ein Infrastruktur-Großprojekt auf die Beine zu stellen,
       etwas zu graben oder zu bauen. Aber es gibt keinen Plan für eine
       Entwicklung, mit einem Bündel an Maßnahmen mit einem bestimmten Ziel“,
       beklagt er. Das Hauptproblem seien die ineffektiven staatlichen
       Institutionen. „Das heutige Regime lebt einen Hauptwiderspruch. Man müsste
       genau die staatlichen Institutionen reformieren, auf die sich das System
       stützt. Du müsstest also deine eigenen Alliierten zwingen, sich zu
       verändern“, analysiert er.
       
       Geht es nach den Plänen der Militärregierung in Kairo, dann ist das
       eröffnete Teilstück Suezkanal am Donnerstag erst der Anfang. Geplant ist,
       ausländische Investoren für ein Mega-Logistik-Zentrum am Kanal anzulocken.
       Aber auch hier gibt es bisher keine öffentlichen konkreten Studien. „Dass
       mit der mangelnden Transparenz, hat sehr viel mit dem Erbe des
       bevormundenden Staates zu tun. Das ist wie das Verhältnis vom Vater zu
       seinen Kindern. Der ägyptische Vater Staat will das Beste für seine Kinder
       ohne sich mit ihnen zu beraten“, sagt der ägyptische Politökonom.
       
       Der Vater hat seinen Kindern auch offiziell am 6. August zu Eröffnung des
       Kanals freigegeben. Fahrten im Zug den Nil entlang oder in der Kairoer
       U-Bahn sowie ein Besuch in allen Museen oder bei den Pyramiden sind zur
       Feier des Tages kostenlos.
       
       6 Aug 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Karim El-Gawhary
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ägypten
 (DIR) Sinai
 (DIR) Welthandel
 (DIR) Justiz in Ägypten
 (DIR) Ägypten
 (DIR) Ägypten
 (DIR) Ägypten
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Golfstaaten
 (DIR) „Islamischer Staat“ (IS)
 (DIR) Ägypten
 (DIR) Europa
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Kommentar Pressefreiheit in Ägypten: Faschismus mit westlichem Segen
       
       Die Repression unter Präsident al-Sisi ist schlimmer als unter Mubarak.
       Doch der Westen schweigt. Wenigstens eine Sache könnte er tun.
       
 (DIR) Anti-Terror-Gesetz in Ägypten: Pressefreiheit stark eingeschränkt
       
       Die Zensur im Land wird weiter verschärft. Wer von den Angaben der
       ägyptischen Behörden abweicht, hat mit drastischen Konsequenzen zu rechnen.
       
 (DIR) Jahrestag der Räumung des Protestlagers: Tiananmen in Kairo
       
       Vor zwei Jahren lösten Sicherheitskräfte das Protestcamp der Muslimbrüder
       auf. Das Ereignis spaltet die Gesellschaft bis heute.
       
 (DIR) Kommentar Suezkanal: Kein Pharaonenreich
       
       Die Erweiterung des Suezkanals ist ein Jahrhundertprojekt mit Risiken. Fürs
       Erste aber stärkt es den Zusammenhalt in Ägypten.
       
 (DIR) Die unsinnige Zweiteilung Afrikas: Weiße Perspektiven
       
       Die Trennung von Nordafrika und Subsahara-Afrika mag gebräuchlich sein –
       aber sie ist mörderisch. Und sie spaltet den Kontinent bis heute.
       
 (DIR) Ägypten plant Verwaltungshauptstadt: Übermorgenland am Nil
       
       Auf einer Konferenz in Scharm El-Scheich werden Milliardenaufträge
       unterzeichnet. Auch eine neue Hauptstadt soll gebaut werden.
       
 (DIR) IS-Gruppe in Ägypten: Gefährliche Partner
       
       Weltweit bekennen sich immer mehr Gruppen zum Islamischen Staat. Nun hat
       die Terrormiliz auch einen Ableger im Nordsinai.
       
 (DIR) Militäraktion im Nordsinai: Kein Dach mehr über dem Kopf
       
       Ägyptens Armee richtet eine Pufferzone an der Grenze zum Gazastreifen ein.
       Über 10.000 Menschen sollen umgesiedelt werden. Ihre Zukunft ist ungewiss.
       
 (DIR) Europa, das periphere „Westkap Asiens": Ist jetzt überall Krieg?
       
       Wohin man auch blickt von unserer Insel des Wohlstands aus: In fast jeder
       Richtung begegnet einem ein Szenario aus Mord, Zerstörung und Gewalt.