# taz.de -- Alexander Schalck-Golodkowski ist tot: Der Mann mit dem Westgeld
       
       > Seine Macht war klein und überdimensioniert. Mit Schalck-Golodkowski
       > stirbt ein Händler zwischen den Systemen.
       
 (IMG) Bild: Ein ums andere Mal beteuerte er seine Unschuld: Alexander Schalck-Golodkowwski im Gerichtssaal (Archivbild von 1996).
       
       Nun hat das Schweigen wirklich ein Ende. Der, der hätte erzählen können,
       lebt nicht mehr. Alexander Schalck-Golodkowski, der am Sonntag in München
       gestorben ist, hätte viel zu sagen gehabt. Doch der Mann mit dem Westgeld
       schwieg sich lieber aus.
       
       Gemessen an dem Hass, der dem Ostberliner bis zuletzt entgegengeschlagen
       war, wunderte das nicht. Schalck-Golodkowski galt in der DDR als schlimmer
       Finger, als Beschaffer von so ziemlich allem. Und das in einem Land, das
       zwar die „sozialistische Planwirtschaft“ zur Staatsdoktrin erhoben hatte –
       aber an ebendieser permanent zu scheitern drohte.
       
       Die Werktätigen brauchten Kinderwagen für ihren zahlreichen Nachwuchs?
       Schalck-Golodkowski kaufte im Westen die fehlenden Schrauben und Muttern.
       Die Jugendlichen lechzten nach Salamander-Schuhen? Schalck-Golodkowski
       regelte die Lizenzproduktion. Die DDR drohte pleitezugehen, weil Staatschef
       Erich Honecker gegen jede Vernunft darauf bestand, dass Mieten, Brot und
       Milch „stabile Preise“, also Minibeträge kosteten? Schalck-Golodkowski
       besorgte beim damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß
       einen Milliardenkredit.
       
       1983 war das. Der Kredit des CSU-Politikers zögerte das Ableben der DDR um
       weitere sechs Jahre hinaus. Und dem Genossen Schalck-Golodkowski wurde
       sowohl der Karl-Marx-Orden verliehen als auch – fast schon ironisch – der
       als „Held der Arbeit“ .
       
       So klein und so überdimensioniert war die Macht dieses Staatssekretärs und
       späteren Mitglieds des Zentralkomitees der SED in diesem Land.
       Schalck-Golodkowski versah die Drecksarbeit für jene Spitzenpolitiker, die
       nach internationaler Anerkennung und gleich bleibend lauwarmen
       innenpolitischen Verhältnissen winselten. Eine parlamentarische Kontrolle
       fand bekanntlich nicht statt.
       
       ## Er war nicht wählerisch
       
       Alexander Schalck-Golodkowski war ein Vertreter jener Aufbaugeneration der
       DDR, die dem neuen Staat eine Menge zu verdanken hatte und ihm deshalb umso
       ergebener diente. 1932 in Berlin in einfachen Verhältnisse geboren, trat
       der gelernte Mechaniker mit 23 Jahren der SED bei. Er holte das Abitur nach
       und stieg rasch auf. Er studierte Wirtschaftswissenschaften, 1970
       promovierte er über die „Vermeidung ökonomischer Verluste und
       Erwirtschaftung zusätzlicher Devisen“.
       
       Genau das wurde sein Job im Wirtschaftsapparat der DDR: Waren zu Devisen
       machen. Und da war er nicht wählerisch. Als Staatssekretär im
       Außenhandelsministerium war er für den Bereich „Kommerzielle Koordinierung“
       zuständig. Die Abteilung, launig mit „Koko“ abgekürzt, machte mit
       verdeckten Geschäften alles zu Westgeld, was nur ging. Antiquitäten und
       Kunstschätze wurden verschoben, eigentlich in der DDR benötigte Waren
       wurden billig in den Westen exportiert. Ab 1981 standen auch Waffen und
       Ausrüstungen auf Schalck-Golodkowskis Verkaufsliste. Laut einer Recherche
       der Welt aus dem Jahr 1990 soll seine KoKo auch in die Abwicklung von
       Häftlingsfreikäufen involviert gewesen sein.
       
       Allein zwischen 1987 und 1989, das gab Schalck-Golodkowski später zu
       Protokoll, habe seine KoKo 3 Milliarden Valuta-Mark erzielt. Die Hälfte
       davon ging direkt an den Staat, die andere Hälfte wurde gegen Zinsen auf
       Auslandskonten und bei Außenhandelsbanken angelegt. Insgesamt soll er 27
       Milliarden Westmark beschafft haben.
       
       Menschen, Waffen, Waren – das klingt dubios und war es auch.
       Schalck-Golodkowskis Geschäfte konnten aber nur florieren, weil es auch
       Kunden gab. Und die saßen vornehmlich in Westdeutschland.
       
       So nahm es nicht wunder, dass Alexander Schalck-Golodkowski sich
       unmittelbar nach dem Mauerfall der westdeutschen Justiz stellte. In der BRD
       kannte er einflussreiche Leute; der Gerichtsbarkeit seines einst so
       geliebten Vaterlandes traute er offenbar nicht. Er sollte recht behalten.
       Die Westberliner Justiz nahm Schalck-Golodkowski in Untersuchungshaft, ein
       Überstellungsersuchen aus Ostberlin lehnte sie ab. Fünf Wochen darauf wurde
       der Delinquent entlassen. Dem Bundesnachrichtendienst gab
       Schalck-Golodkowski hernach sein umfangreiches Wissen über das
       Geschäftsgebaren der KoKo preis. Sein Deckname: „Schneewittchen“.
       
       ## „Alles anständig und korrekt abgewickelt“
       
       Im März 1993 folgte die Einstellung der Ermittlungen wegen Veruntreuung von
       Milliardenbeträgen durch Überweisungen ins Ausland. Auch der Vorwurf der
       Steuerhinterziehung wurde später fallen gelassen. Ein eigens eingesetzter
       parlamentarischer „Schalck-Ausschuss“ des Bundestages konstatierte in
       seinem Abschlussbericht 1994, man habe zur Aufklärung nichts Wesentliches
       beitragen können. Mitte der 1990er Jahre wurde Alexander
       Schalck-Golodkowski schließlich wegen illegaler Waffengeschäfte und
       Embargovergehen zu Bewährungsstrafen verurteilt. Da lebte er längst in
       Bayern, genauer in Rottach-Egern und gründete die Firma Dr. Schalck & Co.
       Er kannte seine Rechte.
       
       Für Unruhe bei seinen alten Weggefährten sorgten Berichte über die
       vielfältigen Kontakte des KoKo-Chefs mit prominenten westdeutschen
       Unternehmern und Politikern. Aber auch diese Ermittlungen verliefen äußerst
       zäh. So zäh, dass der damalige Justizminister Klaus Kinkel (FDP) sich 1991
       genötigt sah, Vorwürfen entgegenzutreten, die Justiz schaue bei dem
       Ostdeutschen nicht so genau hin.
       
       Alexander Schalck-Golodkowski selbst war sich keiner Schuld bewusst. Ein
       ums andere Mal beteuerte er seine Unschuld. 1991 sagte er gegenüber dem
       Fernsehsender RTL, er habe „alles anständig und korrekt abgewickelt“ und
       nach bestem Wissen gehandelt, in der Absicht, „der DDR und den Menschen zu
       dienen“.
       
       Viel ist über ihn geschrieben worden, noch mehr gemutmaßt. Die letzte
       persönliche Äußerung des Alexander Schalck-Golodkowski datiert aus dem Jahr
       2000. Damals erschien im Rowohlt-Verlag seine Autobiografie
       „Deutsch-deutsche Erinnerungen“. Gebraucht gibt es das Buch bei Amazon ab
       2,58 Euro.
       
       ## Skrupellose Beschaffungsmaschine
       
       Nun ist er gestorben. Ein Begräbnis wie bei anderen ehemaligen
       DDR-Funktionären auf dem Ostberliner Friedhof der Sozialisten wird es wohl
       kaum geben. Er habe einen dubiosen Ruf gehabt, sagt einer, der ihn noch aus
       KoKo-Zeiten kennt. Im persönlichen Kontakt sei er aber eher freundlich und
       seriös gewesen. Das Geheimnis seiner persönlichen Macht habe vor allem
       darauf basiert, dass dem „roten Alex“ in einem intransparenten Land wie der
       DDR einfach alles zugetraut wurde. Der Satz „Ich hab das aber mit Alex
       besprochen“ konnte eine Menge Diskussionen abrupt beenden.
       
       Dieses politische Gewicht lag immer auch in Schalck-Golodkowskis sehr engen
       Kontakten zur Macht begründet. Er kannte Günter Mittag, einflussreiches
       Mitglied des SED-Politbüros, sowie Staatschef Erich Honecker sehr gut. Die
       brauchten eine im Zweifel skrupellose Beschaffungsmaschine wie ihn. Und
       Schalck-Golodkowski lieferte. Von den Zuständen im Land, dessen Innenstädte
       verfielen, dessen Umwelt verrottete und dessen Bürger immer resignierter
       wurden, sollten die Oberen nichts mitbekommen. Alexander
       Schalck-Golodkowski hat viel dafür getan, dass das bis zuletzt so blieb.
       
       22 Jun 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anja Maier
       
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