# taz.de -- Chemiegifte: Spurensuche in Urin und Blut
       
       > Es finden sich viele Gifte in der Umwelt. Die Frage ist, ob sie in den
       > Körper gelangen. Wegen PCB wurde schon eine Schulen abgerissen.
       > "Voreilig" sagen heute Umwelttoxikologen. Ein Porträt der Zunft.
       
 (IMG) Bild: In Folie zum Abriß verpackt: Die PCB-belastetete Nürnberger Georg-Ledebour-Schuleim im Frühjahr 2002
       
       Die Zunft der Umwelttoxikologen wurde immer ein wenig belächelt. Ihnen
       fehlte es lange Jahre an guter Analytik, um die Gefahren, die etwa von
       Pestiziden oder Rußpartikeln ausgehen, richtig abzuschätzen. Ein zweiter
       Grund: Man beschäftigte sich vor allem mit dem Auffinden und Messen von
       Giftstoffen in unserer Umgebung, genannt Ambient Monitoring.
       
       Dies führte häufig zu Fehlschlüssen. Heute befassen sich Umweltmediziner
       gemeinsam mit Chemikern und Biologen daher mehr mit dem Menschen, der
       Giftstoffe aus der Nahrung oder über die Atmung aufnimmt, und damit, wie er
       diese Stoffe abbaut, speichert oder - im günstigsten Fall - ausscheidet
       (Human Monitoring).
       
       Damit hat sich die Wissenschaft vollkommen gewandelt, was auch die Fachwelt
       honoriert. Die Umweltspezialisten gelten nicht mehr als Panikmacher.
       Umgekehrt vermuten auch Umwelt-, Verbraucherschützer und die Bevölkerung
       hinter den Labortüren nicht mehr parteiische Forscher, die jegliche Gefahr
       verharmlosen.
       
       Gerade die deutsche Umwelttoxikologie hat einen hervorragenden Ruf. Der
       Grund dafür ist das Human-Biomonitoring (HBM), das WissenschaftlerInnen am
       Umweltbundesamt (UBA) seit 20 Jahren fortführen. Daten aus Blut- und
       Urinproben, Hausstaub und Trinkwasser, zu Wohnsituation, Rauch- und
       Ernährungsgewohnheiten werden hier gesammelt, um mögliche Gefahren
       abschätzen und auch zu ihren Quellen rückverfolgen zu können.
       
       "Kein Land hat ein so gut funktionierendes System", meint Nicolas Olea,
       Mediziner an der Universität in Granada, der die Pestizid-Belastung der
       Südspanier untersucht. Auch die USA haben mittlerweile ein exzellentes
       Monitoring, das nach dem deutschen Vorbild gestaltet wurde.
       
       Aus der Umweltstudie, bei der Daten aus dem HBM Eingang finden, weiß man
       etwa: Die Belastung der Bevölkerung mit einigen Giften ist gesunken. So
       finden die UBA-Forscher immer weniger Blei, Arsen, Cadmium und Quecksilber
       sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe in den Probanden.
       
       Heute weiß man auch, dass die Gruppe der polychlorierten Biphenyle (PCB)
       zumindest in der Innenraumluft weniger gefährlich sind als angenommen. PCBs
       kamen bis 1986 in Dichtungsmassen zur Anwendung. Im Tierversuch sind PCBs
       krebserregend, beim Menschen könnten sie dem Immun- und Nervensystem
       schaden.
       
       Wegen dieses Biozids musste sogar eine Schule in Nürnberg im Jahr 2001
       abgerissen werden. Kostenpunkt: 15 Millionen Euro. "Das war voreilig", so
       Jürgen Angerer, der auch Mitglied der Kommission Humanes Biomonitoring am
       UBA ist. Denn: Man schloss vom PCB-Gehalt in der Raumluft, der mit 2.000
       ng/qm den Zielwert um fast das 10-fache überschritt, auf eine mögliche
       Belastung von Schülern und Lehrern im Bereich von 300 ng/l Blut.
       
       Nachträgliche Analysen ergaben jedoch: Im Blut der Kinder fand sich nur 22
       ng/l inhaliertes PCB. Diese Menge entspricht fünf Prozent des gesamten
       PCBs, das ein Körper aufnimmt; 95 Prozent stammen dagegen aus der Nahrung.
       Zudem ist die PCB-Belastung der Deutschen seit Jahren rückläufig.
       
       Andere Stoffe bereiten Umwelttoxikologen daher mehr Kopfzerbrechen, etwa
       die Phtalate. Diese verbergen sich in Weich-PVC, Kosmetika,
       Arzneimittelkapseln oder Wandfarbe - die europaweite jährliche Produktion
       beläuft sich auf eine Million Tonnen. Sie zählen zu den "endokrinen
       Disruptoren", die in das Hormonsystem eingreifen.
       
       Angerer hat die Phtalatmenge in einer Teilstudie des Umweltsurveys bei 634
       Personen im Urin gemessen. Das Ergebnis: 98 Prozent der Probanden hatten
       fünf verschiedene Phtalate im Urin, 14 Prozent lagen beim Dibutylphtalat
       über dem Grenzwert. Auch in Blutproben von Kindern waren die
       Phtalat-Höchstmengen teilweise um das 10-Fache überschritten.
       
       Darum darf immerhin seit Januar kein Weichmacher mehr in Quietschenten oder
       Nuckelflaschen gemischt werden. PVC-Hersteller verwenden heute nur noch
       solche Phtalate, die nach einer EU-Risikobewertung als ungefährlich
       eingestuft werden. Das UBA plädiert dagegen für einen schrittweisen Ersatz
       aller bedenklichen Phtalate. "Schließlich belegt die Angerer-Studie, dass
       Kinder in bedenklichem Maße belastet sind", so Marike Kolossa,
       Wissenschaftlerin am UBA.
       
       Indes, die Arbeit wird Umweltmedizinern kaum ausgehen. Jährlich kommen 400
       Millionen Tonnen der schätzungsweise 100.000 Chemikalien in Umlauf. Im Jahr
       1930 waren es gerade mal eine Million. Rund 70 verschiedene Stoffe finden
       Umweltmediziner im Blut des westlichen Menschen. Und es werden mehr, wenn
       man weiß, wonach man sucht und entsprechende Tests vorhanden sind.
       
       Für viele der Alltagsgifte fehlen Risikobewertungen. "Was Chemie-Cocktails
       über Jahre hinweg anrichten, ist nicht erforschbar", so Olea. In
       Deutschland sind derzeit 250 Pestizide zugelassen. Das allein ergibt eine
       unendliche Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten. Fakten gibt es daher kaum.
       Es wird aber vermutet, dass Giftstoffe für die Zunahme von Allergien,
       Diabetes, Übergewicht, Demenz und Unfruchtbarkeit mitverantwortlich sind.
       
       Und neuerdings hat man auch erkannt, dass nicht jede Chemikalie bei jedem
       Menschen gleich wirkt. Denn der Umbau der Alltagsgifte oder auch die
       Ausscheidung hängt sehr stark von Enzymaktivitäten und Genvarianten ab. Wie
       stark Passivrauchen krebserregend wirkt, hängt beispielsweise davon ab, ob
       jemand zu den langsamen oder schnellen "Acetylierern" zählt.
       
       Einige Umweltmediziner, etwa Frank Bartram von der Interdisziplinären
       Gesellschaft für Umweltmedizin, fordern wegen solcher individuellen
       Unterschiede neue Grenzwerte für Giftstoffe. Der Toxikologe Angerer sieht
       dagegen derzeit keine Notwendigkeit für eine Generalüberholung von
       Grenzwerten: "Diese Unterschiede scheinen nicht so stark ins Gewicht zu
       fallen, wie die variierende Belastung selbst."
       
       22 Jun 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kathrin Burger
       
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