# taz.de -- Kommentar Kaukasuskrieg: Holzen wie im Kalten Krieg
> Die Koalitionäre demonstrieren tradierte außenpolitische Reflexe: Für
> SPDler ist Georgien schuld am Kaukasuskrieg, für CDU-Leute Russland. So
> könnte Deutschland sogar Vermittler werden.
Wer schuld ist am Krieg im Kaukausus, diese Bewertung hängt in Deutschland
vor allem vom Parteibuch des Betrachters ab. SPD-Außenpolitiker wie Gernot
Erler oder Gert Weisskirchen schoben am Wochenende die Schuld an der
militärischen Eskalation den Georgiern zu. Abgeordnete der Union wie Eckart
von Klaeden oder Karl Theodor zu Guttenberg sahen das Problem dagegen in
den imperialen Gelüsten Russlands.
Längst ist eingetreten, womit beim Amtsantritt der großen Koalition vor
drei Jahren niemand gerechnet hätte. Auf innenpolitischem Gebiet, vor allem
bei den einst heiß umkämpften Sozialreformen, sind beide Volksparteien in
kaum noch unterscheidbarer Weise auf einen Kurs der behutsamen
Agenda-Revision eingeschwenkt. Ganz grundsätzliche Unterschiede dagegen
offenbaren sich in der Außenpolitik.
Die Union profiliert sich mit einem lupenreinen Bekenntnis zu Demokratie
und Menschenrechten, hofiert den Dalai Lama und geht zur Führungsriege in
Russland oder China gern mal rhetorisch auf Konfrontation. Die SPD dagegen
besinnt sich auf ihre alte Maxime des Wandels durch Annäherung und
befindet, ein gutes Einvernehmen mit Moskau oder Peking sei doch im
deutschen Interesse. Niemand verkörpert das besser als der frühere Kanzler
Gerhard Schröder, der auf der Gehaltsliste des russischen Gasmonopolisten
steht und am Wochenende von Peking aus gegen die deutschen Menschenrechtler
holzte. Es ist, als sei der Kalte Krieg zurückgekehrt - und als stritte am
großkoalitionären Kabinettstisch noch immer Willy Brandt mit Kurt Georg
Kiesinger, der einst im Bundestag die großen Reden gegen die Ostverträge
hielt.
Auf ihre Art sind beide Positionen von fataler Einseitigkeit. Gerade
deshalb aber könnte der viel gescholtenen großen Koalition gerade auf
außenpolitischem Gebiet doch noch ein tieferer Sinn zuwachsen. Weil sie am
Ende einen heilsamen Zwang zum Kompromiss ausübt und die Akteure auf den
Pfad von Diplomatie und Realpolitik zurückführt. Das könnte am Ende sogar
in eine erfolgreiche Vermittlerrolle Deutschlands münden, die
SPD-Außenminister und CDU-Kanzlerin nur gemeinsam ausfüllen können.
10 Aug 2008
## AUTOREN
(DIR) Ralph Bollmann
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Energieexperte über Georgienkrieg: "Der Westen ist nervös"
Der Energieexperte Jenik Radon fürchtet, dass durch den Krieg Öllieferungen
nach Westeuropa gefährdet sind. Georgien sei ein sehr wichtiges
Transitland.
(DIR) Völkerrechtler über Georgienkrieg: "Georgien handelt rechtmäßig"
Der Kieler Völkerrechtler Andreas Zimmermann sieht in Südossetien kein
geschütztes "De-facto-Regime". Russland durfte deshalb militärisch nicht zu
Hilfe kommen.
(DIR) Georgiens Taktikfehler: Zu hoch gepokert
Georgiens Versuch, Südossetien unter Kontrolle zu bringen, ist gescheitert.
Präsident Saakaschwili setzte auf die Hilfe der USA - ein folgenreicher
Irrtum.
(DIR) Krieg im Kaukasus: Georgien zieht sich zurück
Zwar hat Georgien die Truppen aus Südossetien abgezogen und eine Waffenruhe
verkündet. Doch nun macht die abtrünnige Region Abchasien mobil.
(DIR) Russland und der Kaukasuskrieg: Verspielte Glaubwürdigkeit
Russlands Angriffe auf Georgien isolieren Moskau international - und
offenbaren die Schwäche des neuen Kremlchefs.
(DIR) Kommentar Kaukasuskrieg: Der neue Ost-West-Konflikt
Russlands Verhalten im Krieg mit Georgien zeigt deutlich: Der Kreml
riskiert viel, um seine Einflusssphäre in Abgrenzung zum Westen
abzusichern.