# taz.de -- Paritäts-Chef: "Vision? Ich sehe nur Grabenkämpfe"
> Ulrich Schneider, Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, ist von der
> Opposition enttäuscht. Anstatt sozialpolitische Konzepte zu entwerfen,
> sei die nur mit sich selbst beschäftigt.
(IMG) Bild: Die Parteien streiten sich – und vergessen, sozialpolitische Konzepte zu entwickeln, zum Beispiel in der Pflege.
taz: Herr Schneider, macht die Opposition ihren Job gut?
Ulrich Schneider: Mir scheinen sämtliche Vertreter der Opposition mit sich
selbst beschäftigt zu sein. Die Linkspartei muss sich neu ordnen. Die SPD
kommt mit dem Erbe der rot-grünen Regierungszeit immer noch nicht zurecht.
Diese beiden Fraktionen sind also schon einmal gelähmt. Und die Grünen
treten bei unseren Kernthemen - also Familie, Arbeitsmarkt, Renten -
praktisch nicht in Erscheinung.
Das finden die Grünen jetzt bestimmt unfair - sie basteln schon seit 2005
an einem neuen sozialpolitischen Profil.
Klar, einige Leute sind da sehr engagiert - der Sozialpolitiker Markus
Kurth etwa, die Familienpolitikerin Ekin Deligöz. Aber die werden auch
selbst kaum abstreiten, dass ihre Themen nicht zum Avantgarde-Stoff ihrer
Partei gehören.
Die Grünen-Parteitage haben viele neue sozialpolitische Beschlüsse gefällt
…
Entscheidend ist aber, was die Spitzen von Partei und Fraktion vertreten.
Die derzeitigen Köpfe der Grünen haben 2003 pickelhart alles vertreten, was
die Hartz-Gesetze ausmachte - bis hin zu den kümmerlichen
Hungerregelsätzen.
Sie haben die Hartz-Gesetze in unzähligen Talkshows kritisiert. Überlagert
die Wut auf SPD und Grüne nicht Ihre Wahrnehmung der neuen
Kräfteverhältnisse im Bundestag?
Die Enttäuschung sitzt tief, das ist wahr. Ich will zugestehen, dass Hartz
IV meinen Blick auf SPD und Grüne einfärbt. Das Maß an Ignoranz, das uns
Sozialverbände traf, als wir versuchten, die Rot-Grünen auf die Nöte der
Menschen hinzuweisen, werden wir nicht so bald vergessen. Es bleibt aber
eine Tatsache, dass weder SPD noch Grüne einen konstruktiven Umgang mit
dieser belasteten Vergangenheit gefunden haben.
Wer, finden Sie, macht denn die beste Arbeit? Erkennen Sie einen
Oppositionsführer?
Das ist kurioserweise kein Fraktions-, sondern ein Parteichef: Sigmar
Gabriel von der SPD. Nachdem Oskar Lafontaine und Gregor Gysi aus
unterschiedlichen Gründen ausfallen, hat Gabriel das lauteste Organ - und
dennoch das Problem, dass er nicht sagen kann, was die Richtung der
stärksten Oppositionspartei SPD sein soll.
So wie Schwarz-Gelb sich selbst in Unordnung bringt, muss er das vielleicht
auch gar nicht.
Eine Regierung, die uns ihre Konzepte erst nach der Landtagswahl in NRW
verraten will, kann ich aber nur zwingen, Farbe zu bekennen, wenn ich
selbst Konzepte vorlege. Man muss die Schwarz-Gelben zwingen, über Fakten
zu reden. Das gelingt derzeit niemandem.
Glauben Sie, dass es am Ende dieser Legislaturperiode eine realistische
Aussicht auf Rot-Rot-Grün geben wird?
Mit dieser Art Farbenlehre habe ich es überhaupt nicht so. Wir als
Sozialverbände müssen die Regierungen so nehmen, wie sie kommen. Jede
Konstellation ist gut, die die Menschen in ihrer Not begreift. Das hängt
oft auch von den Persönlichkeiten in den Fraktionen ab.
Es gibt jetzt einen neuen rot-rot-grünen Thinktank. Wäre das nicht auch für
Sie eine Möglichkeit, die zukünftige Sozialpolitik zu beeinflussen?
Da finden Parteienspielchen statt. Die Wohlfahrtsverbände haben andere
Aufgaben, sie sind vor allem Dienstleister, eine anwaltschaftliche
Vertretung benachteiligter Menschen.
Suchen Sie keine sozialpolitische Vision?
Vision? Ich kann bei den genannten Akteuren aber noch nicht einmal die
Ansätze irgendeiner Vision erkennen! Ich sehe da nur viel Klein-Klein und
Grabenkämpfe.
4 Feb 2010
## AUTOREN
(DIR) Ulrike Winkelmann
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