# taz.de -- Debatte Zorn auf die Griechen: Der verkannte Hellene
> Ganz Europa ist über die Griechen erzürnt und übersieht darüber: Niemand
> leidet mehr unter dem maroden Staatsapparat als diese selbst.
Zweifellos, die Staatskrise, die uns heute bedroht, haben die Griechen zum
größten Teil selbst zu verantworten. Im Verein mit den politischen Parteien
und den Gewerkschaften haben wir alle uns in einer Scheinwelt eingerichtet.
Und in dieser gelten nach unser aller Überzeugung keine Gesetze und Regeln
- weder ethische noch ökonomische noch logische, und schon gar nicht die
Regularien der Europäischen Union.
Dennoch ist die Strafe, die uns jetzt ereilt, gleich doppelt ungerecht. Zum
Ersten, weil die große Mehrheit der griechischen Bevölkerung von den
Segnungen, die sie in ihrer hirnverbrannten Toleranz verschiedenen
Gruppierungen zugestand, fast nichts abbekommen hat. Zum Zweiten, weil
unsere erbosten EU-Partner uns jetzt mit beißender Kritik überschütten und
dabei nicht begreifen, dass die Griechen selbst die ersten und eigentlichen
Opfer des jämmerlichen Zustands sind, in dem sich ihre Wirtschaft und ihre
Gesellschaft insgesamt befindet. Stattdessen erscheinen sie als die
Hauptverantwortlichen für einen gigantischen Betrug.
Die Griechen haben in Europa ein denkbar schlechten Ruf. Das zeigen die
Äußerungen europäischer Politiker ebenso wie die Kommentare in den
Zeitungen oder auf den Webseiten. Der deutsche Bürger etwa, der wie die
Ameise in den Tierfabeln des Äsop emsig schuftet, er will für die
griechische Heuschrecke nicht die Zeche zahlen. Das Ansehen Griechenlands
hat fürchterlich gelitten und niemand weiß, wann und wie es wieder
hergestellt werden kann.
Doch was genau sieht das Ausland? Es sieht ein griechisches
Haushaltsdefizit 2009 von 12,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und
eine akkumulierte Staatsschuld von 112 Prozent. Aber nicht nur diese Zahlen
bringen die ausländischen Beobachter zur Weißglut, auch die Forderungen der
Streikenden, etwa ihr Festhalten an einem extrem niedrigen
Renteneintrittsalter oder an den diversen "Zulagen" im öffentlichen Dienst,
erzürnen die EU-Mitglieder.
Was das Ausland nicht sieht, ist die die Schattenseite dieser Realität. 40
bis 50 Prozent der Gehälter werden nämlich von Steuern und Sozialbeiträgen
aufgefressen. Gleichzeitig sind die Leistungen, die die Bürger für diese
Abgaben bekommen, absolut erbärmlich. Die Mängel im öffentlichen
Bildungswesen zwingen Eltern, ein Vermögen für die privaten
Nachhilfeschulen ihrer Kinder auszugeben. Wer ernsthaft krank wird, muss
satt draufzahlen, wenn er eine vernünftige und menschenwürdige Behandlung
haben will. Den Autofahrern werden unverschämte Mautgebühren für kaputte
Straßen abgeknöpft, deren Bau sie schon mit ihren Steuern bezahlt haben.
Wir Griechen leben umgeben von Müllkippen, wir leben in einer verdreckten
Umwelt, einer allgemeinen Desorganisation und obendrein in Angst vor einer
wachsenden organisierten Kriminalität.
Gleichzeitig haben wir uns mit der Existenz privilegierter Minderheiten
abgefunden. Das läuft auf ein regelrechtes Apartheidsystem hinaus, das sich
am krassesten zeigt, wenn man die Kranken- und Pensionskassen einiger
Berufsgruppen mit der allgemeinen Sozialkasse (IKA) vergleicht, in der die
Mehrheit der Griechen versichert sind. Wir alle arbeiten, um einen
öffentlichen Sektor zu erhalten, der zusammen mit der Altersversorgung 50
Prozent unserer Wirtschaftsleistung aufzehrt und dafür nichts leistet.
Das Elend begann bereits Anfang der 1950er-Jahre. Seitdem pumpen alle
Regierungen die Bürokratie mit überflüssigem Personal auf. Seitdem haben
sie einer funktionalen Hierarchie das Rückgrat gebrochen und den
öffentlichen Dienst der Lethargie und der Korruption überlassen. Statt -
wie jetzt geplant - einen Untersuchungsausschuss zu den falschen
Haushaltszahlen der letzten fünf Jahre einzurichten, sollte man ganz andere
Fragen stellen. Zum Beispiel, wo die ungezählten Milliarden von Euros
geblieben sind, die in den letzten dreißig Jahren ins Land flossen. Oder
wofür die Steuern und Sozialabgaben ausgegeben werden. Oder warum alle
Versuche, die Gesetze zu vereinfachen und die ökonomische Entwicklung zu
fördern, im Sande verlaufen sind. Und all das, während die Beschäftigten in
der Privatwirtschaft keine sicheren Jobs haben und der Willkür der
Arbeitgeber und der Behörden ausgesetzt sind.
Fassen wir noch mal zusammen: Die Griechen zahlen in vielen wichtigen
Bereichen mehr als die übrigen Europäer, bekommen dafür aber viel weniger.
Und dennoch ähneln die Griechen privat weit mehr den rastlosen Ameisen als
ihre Kritiker: Die Verschuldung der griechischen Haushalte entspricht 48,6
Prozent des BIP, in den USA liegt sie bei 96 Prozent. Die Verschuldung der
Privathaushalte und der Unternehmen beträgt in Griechenland 87 Prozent des
BIP, in Großbritannien dagegen 228 Prozent und im EU-Durchschnitt 157
Prozent. Mit anderen Worten: Trotz eines geringeren verfügbaren Einkommens
machen die Griechen im europäischen Vergleich weniger private Schulden.
Die griechische Wirtschaft ist durch eine zu geringe Produktivität und
internationale Konkurrenzfähigkeit gekennzeichnet. Die Hauptgründe dafür
sind der entwicklungsfeindliche Staatsapparat und der allgemeine Mangel an
Koordination in sämtlichen Tätigkeitsbereichen. Aber auch der Egoismus
jeder einzelnen Gruppe, die nur für die eigenen Interessen und gegen das
Allgemeinwohl arbeitet, und die allgemeine Gleichgültigkeit und
Korrumpiertheit eines politischen Systems, das auf eigensüchtige Willkür
und Bestechung durch Interessengruppen beruht, tut sein Übriges.
Wenn die Europäer wüssten, was der griechische Durchschnittsbürger
tagtäglich erlebt, würden sie "die Griechen" anders sehen - nämlich mit
einer Mischung aus Respekt und Mitleid. Jedoch, hätten wir Griechen uns
mehr Gedanken über unsere Zukunft gemacht, dann wären wir nicht in die
Situation geraten, in der wir uns heute befinden: als Bürger eines Landes,
das uns fortwährend betrügt und zugleich dafür sorgt, dass die ganze Welt
uns als Betrüger sieht.
24 Feb 2010
## AUTOREN
(DIR) Nikos Konstandaras
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