# taz.de -- Kurzgeschichten aus der Silvester-sonntaz: Kein Staub in Schweden
       
       > Ich sitze zwischen meinen Büchern, Trixi schläft und rast dabei ihrem
       > Unglück entgegen. Schule, Pubertät, Altersheim. Ich hoffe, sie macht
       > später alle Männer unglücklich.
       
 (IMG) Bild: Und Greta tanzt im Adlon für reiche Russen, während ich Grießbrei koche.
       
       Unterwegs zum Kindergarten, mal wieder zwanzig Minuten zu spät, ich reize
       es immer weiter aus. Man kommt immer so in Gedanken dort an und soll
       plötzlich umschalten. Beim Einkaufen dann eine SMS von Greta, ob ich mit
       Trixi in eine ihrer Tanzaufführungen kommen will.
       
       Ich erschrecke immer, wenn sie mir schreibt. Sie denkt wohl, zwei Jahre
       nachdem sie mich nicht wollte, macht es mir nichts mehr aus, sie tanzen zu
       sehen? Mir zittern schon bei der Vorstellung die Hände. Trixi plappert
       ununterbrochen, und ich bin bedrückt. Nein, wir kaufen keinen Pudding mit
       Smarties. Nein, auch nicht, wenn die Oma das gemacht hat. Ist mir egal, ob
       Mama lieber ist als ich.
       
       In der Videothek will sie nicht "Madita" ausprobieren, es muss zum fünften
       Mal "Lotta aus der Krachmacherstraße" sein. Wie sollen wir auf die Art
       meine ganzen schönen Kinderfilme schaffen, bevor sie erwachsen ist? Ich bin
       noch so erschüttert von Gretas SMS, dass ich Trixi drei Folgen gucken
       lasse, weil ich nicht aufhören kann aufzuräumen. Dinge wegzuwerfen ist der
       einzige Fortschritt, für den ich in meinem Leben noch selbst sorgen kann.
       
       Seltsam, dass Trixi von Anfang an Anspruch auf den Fernsehsessel hatte, in
       dem immer mein Vater saß. Erst als ich ihn geschenkt bekam, hatte ich ihn
       eine Weile für mich. Bis Trixi kam. Jetzt sitze ich auf ihrem Kinderhocker
       und sie im Fernsehsessel.
       
       Lotta will ein Fahrrad zum Geburtstag, angeblich ist sie noch zu klein, in
       Wirklichkeit haben die Eltern aber schon eins für sie besorgt. Sie hat
       Schnupfen und will trotzdem mit den Geschwistern Bonbons einkaufen gehen.
       Meine Eltern schenken mir kein Fahrrad, und ich muss ständig mit Schnupfen
       einkaufen gehen.
       
       Aber Trixi ist wie hypnotisiert, sie will bestimmt auch in Schweden leben
       wie ich als Kind. In Schweden gibt es keine echten Sorgen. Es gibt in
       benachbarten Familien immer genauso viele Mädchen wie Jungs. Die
       Erwachsenen sind ausgeglichen und verständnisvoll, nie fällt ein lautes
       Wort. Zur Not gibt es in jeder Nachbarschaft eine nette Tante, die froh
       ist, wenn Kinder zu Besuch kommen, weil sie so gerne Kuchen bäckt.
       
       Und obwohl in Schweden alles so sauber und aufgeräumt ist wie in
       Deutschland, wirkt es dort irgendwie nicht so bedrückend, sondern auf eine
       skandinavische Art heiter. Vor allem liegt in ganz Schweden kein Staubkorn.
       
       Trixi träumt von Schweden, und ich räume auf. Die beiden Stapel neben dem
       Bildschirm. Links Verträge, Rechnungen, BfA-Briefe, unangenehme Zettel, die
       ich unter alles schiebe, um sie nicht ständig zu sehen. Rechts unfertige
       Texte, Zeitungen, die Steuererklärung, Visitenkarten von Leuten, an die ich
       mich nicht mehr erinnere. Ich trage die Stapel ab, dabei komme ich immer
       bis zum selben Punkt, irgendwo in der Mitte, wo mich mein Elan verlässt.
       Dann lege ich die beiden Stapel übereinander, schön auf Kante, geschafft.
       
       Bücherstapel, Zeitungsberge, Zettelhaufen, Staub. Und Greta tanzt im Adlon
       für reiche Russen, während ich Grießbrei koche und Kinderstrumpfhosen
       flicke. Außerdem will Trixi keine Weintrauben mit Kernen. Ich hatte in der
       DDR nie Weintrauben, sage ich ihr, aber das wirkt nicht. Man kann die Kerne
       doch ausspucken. Nein, keine Weintrauben mit Kernen. Probier doch mal eine.
       Nein. Wenigstens eine. Nein. Ich durfte auch nie drei Folgen von irgendwas
       hintereinander gucken, man musste immer eine Woche warten. Man hätte die
       ganze Woche die Augen zumachen müssen, um den Effekt von heute zu genießen.
       
       Es ist erstaunlich, wie man das Kind ausschalten kann, indem man den
       Fernseher einschaltet. Schöner wird es für sie nie im Leben, von nun an
       gehts bergab. Schule, Pubertät, der erste Arbeitsvertrag, Kinder,
       Scheidung, Altersheim. Es tut mir schrecklich weh, diese Wahrheit zu
       wissen. Ich könnte ja auch den Rest meiner Tage fernsehen, allein "Das Haus
       am Eaton Place" hat noch hundert Folgen, die in Deutschland nie liefen.
       Warum hatte ich eigentlich jemals Ehrgeiz im Leben? Wahrscheinlich weil ich
       Geld brauchte. Wieso bin ich bei meinen Eltern ausgezogen? Damit ich das
       Fernsehprogramm selbst bestimmen kann. Und wie weit reicht mein Ehrgeiz
       noch, jetzt, wo ich alles habe, wovon man in der DDR nur träumen konnte?
       
       Und überall Staub. Staub auf Büchern, die ich herausgelegt habe, weil ich
       sie unbedingt lesen will. Und auf Büchern, die ich schon gelesen und
       vollständig vergessen habe. Ständig hat man von irgendetwas keine Ahnung,
       ich will eigentlich nie wieder aus dem Haus gehen und nur noch lesen. Aber
       ich brauche auch einen, der sich dafür interessiert, was ich alles weiß.
       Trixi kann ich dafür nicht nehmen. Belehre nie dein Kind. Was du ihm
       beibringst, kann es nicht mehr selbst entdecken, sagt Remy Largo. Den Rest
       meiner Tage mit einem Stasi-Offizier in einem Verhörzimmer, das wäre es,
       und sie müssen alles mitschreiben, was ich sage, und sich für jedes noch so
       kleine Detail in meinem Leben interessieren.
       
       Warum nennen sie Lotta eigentlich immer "Lottakind"? Macht man das in
       Schweden mit Kindern so? Immer ist da eine nette Tante, die fragt: "Warum
       guckst du denn so traurig, Lottakind?" Weil Lotta ihr heimlich das Fahrrad
       aus dem Schuppen geklaut hat und damit hingefallen ist. Sie war eben der
       Meinung, dass sie schon groß genug ist zum Fahrradfahren. Und jetzt wird
       sie auch noch getröstet. In Schweden ist das so, hier, wo kein Staub fällt.
       
       Dagegen diese Kinder-CD von einem Fredrik Vahle, die mir eine Freundin aus
       Stuttgart geschenkt hat, angeblich so aktuell wie vor 30 Jahren. Menschen,
       die kein Talent zum Liedermacher haben und das an Kindern auslassen. Und
       das Ergebnis klingt wie Musikantenstadl, mit Reimen über
       Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit und Gastarbeiter. Wenn die Westkinder
       mit so etwas aufgewachsen sind, erklärt sich mir auch, dass es dort immer
       wieder zu Fällen von Kannibalismus kommt.
       
       "Das ist ein schöner Tag! Das ist ein wunderschöner Tag, weil Lotta heut
       Geburtstag hat, Hurra, hurra, hurra!", singt die Familie vom Lottakind, und
       Trixi singt es auch, beim Abendbrot, beim Zähneputzen und im Bett, und ich
       habe jetzt einen Ohrwurm. "Hurra, hurra, hurra …"
       
       Dann sitze ich allein zwischen meinen Büchern, Trixi schläft und rast dabei
       ihrem Unglück entgegen. Schule, Pubertät, Altersheim. Ich hoffe, sie macht
       später alle Männer unglücklich und nicht andersrum. Reihenweise Idioten
       sollen sich unsterblich in sie verlieben und über diese Erfahrung zu
       besseren Menschen werden.
       
       Eigenartigerweise wirkt Fernsehen immer beruhigend, selbst wenn man eine
       Serie über Drogengangs in den USA sieht, wo in den Städten praktisch
       Kriegszustand herrscht. Wer behauptet eigentlich, dass man in der DDR
       weniger frei war als in West-Baltimore? Andererseits wandern die wenigsten
       schwarzen Ghettobewohner nach Kuba aus. Vielleicht wird Kuba bei ihnen
       einfach nicht auf der Karte vom Schulbuchatlas abgedruckt, wie bei uns
       damals Westberlin?
       
       Trixi guckt Schweden, und ich gucke USA. Und wir leben irgendwo in der
       Mitte.
       
       29 Dec 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jochen Schmidt
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Literatur
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nachruf auf Cees Nooteboom: Der europäische Tramp
       
       Cees Nooteboom liebte das Reisen und schrieb darüber sowie über seine
       Kriegserfahrungen. Nun ist der niederländische Schriftsteller im Alter von
       92 Jahren verstorben.
       
 (DIR) Kurzgeschichten aus der Silvester-sonntaz: Bingo!
       
       Ich winselte und krümmte mich zusammen und versuchte mit den Händen meinen
       Kopf zu schützen, ich hatte keine Ahnung, wovon er redete, was für einen
       Mord er meinte.
       
 (DIR) Kurzgeschichten aus der Silvester-sonntaz: Über die Sprache der Liebe
       
       Ich bin in einer Kultur erzogen worden, in der die feinen Nuancen der
       Liebesworte keine Grundlage haben. Sie gelten als nutzlos angesichts der
       sexuellen Leidenschaft.