# taz.de -- Kurzgeschichten aus der Silvester-sonntaz: Über die Sprache der Liebe
       
       > Ich bin in einer Kultur erzogen worden, in der die feinen Nuancen der
       > Liebesworte keine Grundlage haben. Sie gelten als nutzlos angesichts der
       > sexuellen Leidenschaft.
       
 (IMG) Bild: Ich biete dir das Leben, das ich nicht lebte / Den Traum, den ich nur träumen kann / ...
       
       Ich habe gelernt, auf Französisch zu lieben, obwohl mir das Vietnamesische,
       meine Muttersprache, eine unendliche Palette von Wörtern anbietet, um die
       Nuancen aller Momente zu beschreiben, die das Herz entflammen, ersticken,
       beruhigen oder in Aufruhr versetzen.
       
       Wenn ein Mann seinen Namen unter einem Brief durch die drei Worte "je vous
       aime", "ich liebe Sie", ersetzt, gibt er mir das Recht, ihn mit dem Adverb
       "verliebt" zu beschreiben. Wenn der gleiche Ausdruck, jevousaime, dagegen
       in einer Unterhaltung zwischen einem Kind und seinen Eltern fällt (oder
       zwischen zwei Freunden oder zwischen einer Diva und ihren Bewunderern), so
       ist er rein platonisch zu verstehen.
       
       Das Vietnamesische hingegen stiftet keine Verwirrung oder Zweideutigkeit.
       Wenn ein Mann mir schreibt: "anh yeu em", erklärt er damit eindeutig, dass
       er in mich verliebt ist, ja, dass er mich leidenschaftlich liebt. Wählt er
       dagegen "thuong" anstatt "yeu", sagt er zwar noch immer, dass er mich
       liebt, doch er stellt klar, dass diese Liebe ohne Leidenschaft ist, ohne
       Sinnlichkeit. So hört man "thuong" vor allem zwischen Mutter und Sohn,
       zwischen langjährigen Freunden, zwischen Herrchen und Hund …
       
       Sehr oft eignen sich Eheleute, die den Verschleiß der Jahre überlebt haben
       oder die erst im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit ein Paar geworden sind, den
       Ausdruck "tinh ngh a" an; er beschreibt eheliche Zuneigung, Verbundenheit
       oder Treue. In die westliche Kultur würde ich den Ausdruck "tinh ngh a" mit
       emotionaler Bindung oder Wechselbeziehung übersetzen. Oder aber ich würde
       ein Loblied auf die mütterliche Aufopferung anstimmen, denn die Mütter der
       westlichen Welt verwenden "tinh ngh a" fast immer zusammen mit dem Wort
       "Kind", als wenn erst durch die Mutterschaft und nicht schon durch die
       eheliche Liebe ein Bund entstünde.
       
       Aber vielleicht irre ich mich ja. Vielleicht lieben diese Frauen ihren Mann
       nur im Privaten leidenschaftlich; vielleicht sprechen sie das Wort "yeu"
       nur aus, nachdem sie die Öllampen ausgelöscht, die Moskitonetze rund um das
       Bett heruntergelassen und ihre Enden unter die Matratze gestopft haben.
       Vielleicht lebt das Wort "yeu" auch nur in Gesten: Wenn sie vorsichtig die
       noch dampfenden Fischhälften ausstreichen, um sie ihrem Mann in die Schale
       zu legen, wenn sie versuchen, die heiße Luft mit einer hypnotisierenden
       Bewegung ihres Fächers zu vertreiben, oder wenn sie ohne jeden Vorwurf
       abends im Dunkeln warten, während sich ihr Mann in den Armen einer Jugend
       verirrt, die sie nicht mehr besitzen.
       
       Ich kenne all diese Liebesworte im Vietnamesischen, doch ich wüsste nicht,
       wie ich sie in einem Satz verwenden sollte, vor einem Menschen, unter
       seinem Blick. Ich bin in einer Kultur erzogen worden, in der die feinen
       Nuancen dieser Worte keine Grundlage haben. Sie gelten als lächerlich, ja
       sogar nutzlos, angesichts der fleischlichen Begierde, der körperlichen
       Liebe oder der sexuellen Leidenschaft. All die Nuancen des Vietnamesischen
       sind verschwunden, sobald ich es wagte, ohne meine Augen mit den Händen zu
       bedecken, mit dem Blick den Kurven eines Liebhabers zu folgen, wie er dort
       ausgesetzt ist, nackt, ohne Laken oder Decke, in einem schwebenden,
       endlosen Moment.
       
       Trotz der arktischen Winde, die jenseits der vereisten Fenster durch die
       Straßen fegten, lag jener Mann lang ausgestreckt unter einem trägen
       Ventilator, der heiße Luft an seine Haut trieb. Im Schatten der
       lichtdurchströmten Fensterläden stellte er die berauschende Schönheit
       seiner Beine, seinen muskulösen Rücken, seinen knackigen Po ganz
       selbstverständlich in der Mitte des Raumes zur Schau. Dieses Zimmer war zur
       ganzen Wohnung hin offen, um nicht zu sagen: zur ganzen Welt. Er zeigte
       sich mit einer solchen Leichtigkeit, Einfachheit und
       Selbstverständlichkeit, dass sich mein Schamgefühl diskret zurückzog, ohne
       Protest, ohne Widerstand.
       
       Seitdem habe ich gelernt die unterschiedlichen Gefühle klar zu benennen.
       Ich kann "begehren" und "lieben", "lust" und "love", "yeu" und "thuong"
       voneinander abgrenzen, aber ich bin nicht imstande, all diese Worte laut
       auszusprechen. Noch immer schnürt sich mein Hals zusammen, wenn ich die
       alten Geschichten über die vietnamesischen Soldaten höre, die in Zeiten des
       Krieges verliebt gestorben sind. Man erzählte mir, dass einer dieser Männer
       in Uniform seine Erkennungsmarke aus kaltem Metall in den Türschlitz am
       Haus seiner heimlichen Geliebten gleiten ließ, bevor er in den Wald
       verschwand, wo ihn unter Blätter- und Reisighaufen Bambusfallen erwarteten,
       um sein Herz zu durchbohren. Sosehr und solange mein Herz - meines, das
       ganz geblieben ist - solche Gedichte weinen kann …
       
       "Anh tang em / Cuoc doi anh khong song / Giac mo anh chi mo / Mot tam hon
       anh de trong / Nhung dem trang mong cho? / […]"
       
       "Ich biete dir das Leben, das ich nicht lebte / Den Traum, den ich nur
       träumen kann / Eine Seele, die ich leer ließ / Während der weißen Nächte
       des Wartens […]"
       
       … sosehr und solange ich die Last dieser Worte verstehe, werde ich mir
       nicht erlauben, "je taime" zu sagen, wenn ich besoffen vor Glück bin - weil
       mir ein Mann einen Kamillentee bringt oder weil ich die Wärme seines
       Körpers an meinem spüre vor einer Landschaft, in der der Horizont
       verschwimmt und ein naives Blau zurücklässt, das Himmel und Meer verbindet.
       In solchen Momenten der Schwerelosigkeit, in denen sich alle Kräfte
       aufheben, wird der Körper leicht und lässt sich von einem einzigen Kuss,
       einem einzigen flammenden Vers davontragen.
       
       Oft genug haben mich diese und ähnliche Töne eingewickelt und eingelullt,
       denn sie wissen sich sanft murmelnd an meine Seite zu schleichen, um sich
       am Fuße meines Herzens einzunisten. Jedes Mal gerate ich ins Wanken. Ich
       verliebe mich nicht nur in die Melodie dieser Worte, sondern vor allem in
       die Sprache, die ihnen einen Sinn gibt. Schließlich will ich immer mehr
       davon. Ich verschlinge sie genießerisch, manchmal gleich mit bebenden
       Lippen, manchmal mit den Händen, die auf dem Papier schwarze Zeichen
       anordnen, um sie jederzeit erklingen zu lassen.
       
       Manchmal, in mondlosen Nächten, versuchen die vietnamesischen Worte mich
       heimlich zu verführen. Sie offenbaren sich mir als Schatten, als
       neblig-leichte, wattig-weiche Silhouetten, als wollten sie mich verwirren.
       Manchmal sickern sie still und leise in die Tinte der größten Federn ein.
       Und so kam es, dass ich Marguerite Duras auf ihrem Weg von Vinh Long nach
       Sa Dec folgte. Ich wanderte mit ihr durch die große südvietnamesische Ebene
       aus Schlamm und Reis, die damals Cochinchina genannt wurde und von den
       Entdeckern der Moderne den liebevollen Beinamen Mekong-Delta erhielt.
       
       Unter dieser tropischen Sonne strömten Gerüche von gerösteten Erdnüssen,
       goldenen Ananas und honigsüßem Zuckerrohr zusammen, um mich in die Kindheit
       zurückzutragen, zum ersten Liebeswort, das die Verkäuferin irgendeiner
       Soja-Ingwer-Creme mit Leben erfüllte: "cungcung oi!", "mein Liebling!".
       
       Aber meinte sie wirklich "mein Liebling"? Ich habe lange gedacht, dass
       "cung oi" und "mein Liebling" sich ähnelten, dass sich das eine im anderen
       widerspiegele. So kann das eine nicht ohne das andere übersetzt werden.
       "Cung" und "Liebling" vervollständigen sich gegenseitig; zusammen haben sie
       meine Arme so lang werden lassen, dass ich die Worte von Tim OBrien umarmen
       kann, als beschrieben sie nicht nur den Vietnamkrieg, sondern alle Kriege -
       solche auf den Titelseiten oder solche, von denen niemand spricht, die
       langen und die kurzen, zerstörerisch wie ein Tornado oder heimtückisch wie
       Krebs. All diese Kriege - ob sie nun auf Englisch oder Sanskrit beschrieben
       werden, auf Vietnamesisch oder Innu, auf Französisch oder Suaheli - lassen
       sich in wenigen Worten zusammenfassen:
       
       "Letztendlich handelt eine Geschichte über den Krieg niemals vom Krieg. Sie
       handelt vom Sonnenlicht. Sie handelt von der besonderen Art und Weise, wie
       die Morgendämmerung sich über einem Fluss ausbreitet, wenn du weißt, dass
       du diesen Fluss überqueren, zum Gebirge gehen und Dinge tun musst, die dir
       Angst einjagen. Sie handelt von Liebe und Erinnerung. Sie handelt von
       Traurigkeit."
       
       Ich irre umher zwischen der Traurigkeit desjenigen, der abreist, ohne zu
       wissen, wann und ob er wiederkehrt, und der Traurigkeit derjenigen, die mit
       aussichtslosen Versprechungen zurückbleibt. Ich reise zwischen der
       Erinnerung desjenigen, der mitten in der Nacht schweißgebadet irgendwo in
       Minnesota aufwacht, und der Erinnerung derjenigen, die mit einem leeren
       Glas vor sich Worte fantasiert. Ich schwebe zwischen der Liebe desjenigen,
       der gegen seinen Willen das großartige Orange der Napalmbomben bewundert,
       und der Liebe derjenigen, die mit ihrem Finger über den gestanzten Namen
       auf einer Plakette fährt, die einem Mann gehört, dessen Gesicht sie nicht
       kennt.
       
       Ich irre umher. Ich reise. Ich schwebe. Ich irre und verirre mich in der
       Mulde am Schlüsselbein eines Mannes mit hellen Haaren und kobaltblauen
       Augen, der mich an der Kreuzung meiner drei Welten abholt, wo die Worte
       sich in einem Konzert vereinen, manchmal widersprüchlich im Klang, aber
       immer komplizenhaft, verliebt.
       
       Aus dem Französischen von Christina Felschen
       
       28 Dec 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kim Thúy
       
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