# taz.de -- Digitaler Nachlass: Tot, aber nicht aus der Welt
       
       > Wer stirbt, ist noch lange nicht offline. Das Facebook-Profil bleibt, der
       > Mail-Account empfängt Nachrichten – und manchmal schlüpfen Angehörige ins
       > digitale Ich der Toten.
       
 (IMG) Bild: Marion Horchmer blickt auf ein Foto ihrer Tochter Julienne.
       
       WILLICH/BREMEN/BERLIN taz | Marion Horchmer sucht nach der
       Versicherungskarte ihrer Tochter, nach dem Personalausweis. Mechanisch
       durchwühlt sie Juliennes Handtasche. Es ist ein heißer Sommertag. Die Sonne
       scheint durch die Fenster des Einfamilienhauses in Willich bei Düsseldorf.
       Im Portemonnaie stößt Horchmer auf einen kleinen, gefalteten Zettel. Darauf
       hat Julienne säuberlich all ihre Online-Passwörter notiert. Für schülerVZ,
       Wurzelimperium, ICQ und andere Netzwerke. Die Mutter steckt den Zettel
       einfach ein. "Ich habe nur noch funktioniert an diesem Tag. Ich war wie
       aufgezogen", sagt sie.
       
       Marion Horchmer weiß da noch nicht, dass der Zettel zu einem Schlüssel für
       sie werden wird. Zu einem, den sie heute nicht mehr loslassen will. Wenige
       Stunden zuvor hat sie ihre sechzehnjährige Tochter tot im Bett gefunden.
       Als sie mittags von der Arbeit kommt, wundert sie sich, dass Julienne noch
       nicht auf ist. Sie geht in ihr Zimmer. Die Tochter liegt zur Wand gedreht.
       Als die Mutter sie an der Schulter fasst, fühlt sie sich steif an. Marion
       Horchmer ist Arzthelferin. Sie sieht die dunklen Flecken auf der Haut. Da
       weiß sie, was sie lange nicht begreifen wird: Julienne lebt nicht mehr. Sie
       muss in den Morgenstunden des 9. August 2010 erstickt sein. Ein
       epileptischer Anfall.
       
       Am Tag darauf holt Marion Horchmer den Zettel wieder aus ihrer Tasche und
       setzt sich an den Familiencomputer im Arbeitszimmer. An der Wand hängt ein
       farbig leuchtendes Bild. Julienne hat es gemalt. Orangefarbene Herzen. "Ich
       hab euch lieb", steht darauf. Horchmer ruft die pinkfarbene schülerVZ-Seite
       auf und tippt die Daten vom Zettel in die weißen Login-Felder. Für die
       Mutter ist es der erste Schritt in eine Welt, die sie vorher nie betreten
       hatte und die nun zu ihrer werden wird. Bis heute liegt der Zettel mit
       Juliennes Passwörtern neben dem Computer.
       
       Für Juliennes Freunde ist es ein irritierender Anblick. In der realen Welt
       haben sie erfahren, dass Julienne seit mehr als 24 Stunden tot ist.
       Trotzdem erscheint sie online im Chat.
       
       ## Die Mutter mit der Netz-Identität der toten Tochter
       
       Sechs Wochen später dröhnt der Rasenmäher durchs Wohnzimmerfenster.
       Juliennes Oma mäht im Garten. "Muss sich beschäftigen", sagt Marion
       Horchmer. Vor ihr stehen Kekse und Blumen auf dem Tisch. Sie ist täglich in
       Juliennes Profil. Liest die Beileidsbekundungen auf der Pinnwand. Sie ist
       jetzt ein Digital Immigrant, eine Einwandererin im digitalen Universum. Und
       irgendwie wird das Profil zu einer Verbindung mit ihrem toten Kind.
       
       Von den Digital Natives, den jungen Leuten zwischen 14 und 29 Jahren, gehen
       laut einer ARD-Studie täglich mehr als 70 Prozent ins Internet. Fast genau
       so viele nutzen soziale Netzwerke oder Foren. Wöchentlich sterben in dieser
       Altersgruppe in Deutschland im Durchschnitt fast 100 Menschen. Viele
       hinterlassen digitale Profile. Wie geht eine Gesellschaft damit um?
       
       Marion Horchmer hält sich in Willich an dem Profil ihrer Tochter fest. Eva
       Schwarz aus Bremen will am liebsten alle Spuren ihrer Schwester Lisa im
       Internet löschen und stößt dabei auf ungeahnte Hindernisse. Anne Hahn aus
       Berlin lernt ihren Vater nach dessen Freitod erst richtig kennen. Weil er
       ihr seine Online-Passwörter vererbt hat.
       
       Ein Toter hinterlässt heute nicht nur einen realen Nachlass. Die
       Hinterbliebenen müssen sich auch mit seinem virtuellen Erbe beschäftigen.
       Je aufwändiger Menschen an ihrer digitalen Identität arbeiten, Online-Ichs
       kreieren mit privaten Fotoalben, Lieblingssonglisten und Gästebuchgrüßen
       von Freunden, desto mehr dieser Spuren bleiben nach ihrem Tod erhalten.
       
       Fast zwei Milliarden Menschen nutzen das Internet. Die Datenmenge wächst
       Jahr für Jahr nach Schätzungen um etwa 60 Prozent. Es gibt keine digitalen
       Bestatter, die sich um nicht mehr aktuelle Inhalte kümmern. Alles bleibt
       erhalten, und sei es unter Schichten neuer Daten. Somit besitzen die
       meisten heute ein "unendliches Ich", das weit verästelt im World Wide Web
       seine Spuren hinterlässt. Je einfacher es wird, Videos und Fotos zu
       veröffentlichen, desto umfangreicher werden die Nachlässe.
       
       ## Das Risiko: eine Wunde, die sich nie schließt
       
       Der Tod von Julienne ging "ratzfatz" durchs Internet, erzählt Marion
       Horchmer. Nur einen Tag später wussten es alle Freunde, das halbe Dorf.
       Juliennes Profil wird zur digitalen Pilgerstätte, ihre schülerVZ-Pinnwand
       zum Kondolenzbuch.
       
       Marion Horchmer zündet sich eine Power-Gold-Zigarette an. Sie betont jede
       Silbe, jedes "T" am Ende eines Worts. Horchmer spricht gern von ihrer
       jüngeren Tochter, lächelt, ist bemüht, alle Fragen der Reporterin zu
       beantworten. Man erwartet fast, Julienne könnte jeden Augenblick die Treppe
       herunterkommen. Während im Netz Beileidsbekundungen formuliert werden,
       scheint es, als sei der Tod im Wohnzimmer der Familie noch nicht
       angekommen. Als solle Juliennes Profil im schülerVZ die Tochter lebendig
       halten.
       
       Das Internet bildet alle Seiten des Lebens ab, auch die dunklen. In Foren
       helfen sich Eltern über den Verlust ihrer Kinder hinweg. Es gibt virtuelle
       Friedhöfe mit digitalen Kerzen, Hinterbliebene schaffen Homepages für ihre
       Toten. Trauer hat immer ein Ziel, sagt Thomas Multhaup, Theologe und
       Trauerberater: "Den Schmerz zu integrieren und anschließend mit der Narbe -
       aber nicht mehr mit der Wunde! - das eigene Leben weiterzuleben." Er kann
       nachvollziehen, wenn Menschen sich an den Online-Profilen ihrer
       Verstorbenen festhalten. Es verhindere aber, dass die Trauerarbeit zum
       guten Ende gebracht werde. "Wenn im Netz eine Art von Scheinwirklichkeit
       und Scheinleben aufrechterhalten wird, tut man sich damit auf Dauer keinen
       Gefallen. Niemand wird digital unsterblich."
       
       Wie weit aber dürfen Eltern gehen? Ist der Besuch eines schülerVZ-Profils
       vergleichbar mit dem Betrachten eines Fotoalbums? Oder simulieren die
       Veränderungen auf einem OnlineProfil ein Leben, das es nicht mehr gibt? Ein
       Profil mit seinen Pinnwandeinträgen und Statusmeldungen ist mehr als ein
       Fotoalbum. Es kann sich verselbstständigen, sich auch nach dem Tod in
       Erinnerung rufen. Und sei es nur durch einen Logarithmus, der jährlich die
       Geburtstagserinnerung versendet. Marion Horchmer ist eine Frau, die alles
       richtig machen möchte. Doch im Internet fehlen Regeln und Normen, an denen
       man sich in einem Todesfall orientieren kann.
       
       Als sie sich in das schülerVZ-Profil ihrer Tochter eingeloggt hat, klickt
       Horchmer auf "Seite bearbeiten" und dann auf "Persönliches". Sie löscht die
       Angabe aus dem Feld "Beziehung". Die Tochter hatte sich mit ihrem Freund
       gestritten und vor Wut ihren Status auf "solo" gesetzt. In der Nacht vor
       Juliennes Tod telefonierten die beiden bis in die Morgenstunden und
       versöhnten sich. Marion Horchmer ist sich sicher, dass ihre Tochter den
       Jungen geliebt hat. Sie korrigiert den Status für ihn. Die Änderung
       erscheint online neben Julienne Horchmers Profilfoto.
       
       Das Foto steht heute groß gerahmt im Wohnzimmer. Es ziert den
       Desktop-Hintergrund des Familienrechners. Es wurde hundertfach in Folie
       geschweißt und auf der Beerdigung verteilt. Statt Trauerkarten.
       
       Das Bild entstand eine Woche vor Juliennes Tod. Julienne schaut in die
       Kamera, die Augen wirken ernst, doch sie lächelt. Sie hatte ihre Haare
       dunkler gefärbt. "Ich hab immer gesagt, dass ich Schneeweißchen und
       Rosenrot zu Hause habe", sagt Marion Horchmer. Ihre ältere Tochter
       Jacqueline ist blond und hat leuchtend blaue Augen.
       
       ## Als das Handy der toten Schwester klingelt
       
       Bremen. An einem warmen Tag im Juli 2009 wird Eva Schwarz in ihrer Wohnung
       früh morgens von einem fremden Klingeln aufgeweckt. Verwirrt sucht sie ihr
       Zimmer ab, bis sie auf die Tasche ihrer kleinen Schwester Lisa stößt. Der
       Wecker ihres Handys ist angesprungen. Die 25-Jährige sieht drei neue SMS
       auf dem Display. Sie reißt die SIM-Karte aus dem Gerät und vernichtet sie.
       
       Am 29. Juni 2009, einen Tag vorher, hat sich auf der B 3 der Ersatzreifen
       eines Lkws gelöst und Lisa frontal im Gesicht getroffen. Sie war mit dem
       Fahrrad neben der Bundesstraße unterwegs. Der Lastwagenfahrer bemerkt
       nichts. Erst Stunden später hört er über Funk von dem Unfall, untersucht
       seinen Wagen und sieht den fehlenden Reifen. Da ist Lisa Schwarz längst
       tot.
       
       Eva Schwarz will, dass im Internet nichts mehr an die Schwester erinnert.
       Die Holzkreuze im Netz aber sind weniger leicht zu kontrollieren als die an
       der Straße. Zu Lisas 21. und 22. Geburtstag etwa trudelten Glückwünsche
       anderer User auf ihrer Pinnwand bei Goolive ein. Blinkende, grellgelb
       animierte Happy-Birthday-Schriftzüge. Aufforderungen, eine ordentliche
       Party zu feiern.
       
       Im Gegensatz zu studiVZ ist Goolive eine Plattform, auf der sich Menschen
       oft erst kennenlernen. Für den größten Teil der Community gehört Lisa noch
       dazu, auch wegen der automatischen Geburtstagserinnerung.
       
       Eva Schwarz will nicht, dass sich Menschen wie Lisas ehemaliger Freund auf
       der Pinnwand ihrer verstorbenen Schwester profilieren und ihren Schmerz
       zelebrieren. Er schreibt fast täglich auf die Pinnwand. Dass er sie
       besuchen und ihr "Gräbchen" schöner machen werde. "i looooove juuuuu
       soooooo muuuuch mein engel. :)" Eva Schwarz denkt, dass er das nicht für
       ihre Schwester, sondern für sich tut. Wenn sie sieht, wie pathetisch der
       Freund sein Leiden ausbreitet, fühlt sie sich, als müsste sie beweisen, wie
       echt ihre eigene Trauer ist, sagt sie.
       
       Am 25. Juli 2009 um 15.23 Uhr hat sich Lisa in Evas Wohnung zum letzten Mal
       bei Goolive eingeloggt. Vier Tage vor ihrem Tod. Wieder einer von diesen
       heißen Sommertagen. Die beiden Schwestern waren bei Ikea gewesen. Sie hat
       keine Einträge hinterlassen, nichts hochgeladen. Vielleicht hat sie mit
       ihrem Freund gechattet, mit dem sie als "verheiratet" eingetragen ist? Mit
       ihrer besten Freundin Jenny? Auf den Fotos bei Goolive sieht man beide
       zusammen herumalbern, Kussmünder ziehen, sie hatten sich aufgehübscht,
       bevor sie ausgehen wollten. Es ist ein typisches Bild aus einem
       Online-Netzwerk. Hunderttausend werden jeden Tag bei schülerVZ oder studiVZ
       hochgeladen. Aber dieses tut weh.
       
       Irgendwann wird der Schmerz schwächer. Bilder, die Eva Schwarz oft gesehen
       hat, werden erträglicher. Nur vergessene oder unbekannte Fotos, auf die sie
       nicht vorbereitet ist, schnüren ihr den Hals zu.
       
       Marion Horchmer aus Willich betrachtet deshalb bewusst keine Bilder ihrer
       Tochter, die sie lange nicht gesehen hat. Sie will sich dem Schockmoment,
       diesem blitzkurzen trügerischen Gefühl, die Tochter sei wieder lebendig,
       nicht aussetzen. Sie schaut auf Juliennes Profilbild. Das kennt sie. Es
       beruhigt.
       
       Ein Online-Profil lebt durch seine Fotos. In den Fotoalben markieren Nutzer
       ihre Freunde, setzen Links mit deren Namen darauf. Das Offline-Leben soll
       in diesem Netz bunt und lustig wirken und aufregend. Urlaube werden
       dokumentiert, Errungenschaften präsentiert. Schaut her, das bin ich, das
       ist meine Welt, rufen all die Bilder. Und sie rufen weiter - auch wenn
       diese Welt längst nicht mehr existiert.
       
       ## Eva verlangt, dass studiVZ die Schwester löscht
       
       Lisa hatte sich bei Goolive angemeldet, als sie Single war. Das Netzwerk
       fungiert als Kontaktbörse. Gemeinsam mit ihrer Mutter durchforstete sie die
       Plattform nach Männern. Sie kicherte dabei. Nach einer kurzen Anmeldung
       konnte man Lisas komplettes Profil bei Goolive ansehen. 20 Fragen über sich
       hat sie ausgefüllt. Auf die vorletzte Frage "Wie wichtig sind Dir Deine
       Eltern und Deine Familie?", antwortet sie: "sie sind das wichtigste was man
       hat … viele wissen erst was ,familie' bedeutet wenn es zu spät is …"
       
       Der Theologe Thomas Multhaup hat viel darüber nachgedacht, wie
       Hinterbliebene mit solchen Profilen umgehen sollten. "Was wäre der Wunsch
       des Verstorbenen gewesen?", müssen sie sich fragen, findet er. Aber wie
       viele junge Menschen reden schon über den Tod? Beim Ausfüllen eines Profils
       denken die wenigsten daran, was damit geschehen soll, wenn sie nicht mehr
       leben. Thomas Multhaup plädiert daher für mehr Sensibilität von Seiten der
       Netzwerke: "Im Idealfall sollte es eine Option geben mit der Frage: ,Wie
       willst du es, wenn du mal stirbst?' Das hat etwas mit Selbstbestimmung zu
       tun." Er sieht die Schwierigkeiten: "Natürlich ist das nicht die Frage, die
       ich erwarte, wenn ich mich zum Beispiel bei studiVZ anmelde." Aber er
       bleibt dabei: "Das sollte trotzdem auftauchen."
       
       Sobald sich Eva Schwarz bei studiVZ einloggt, lächelt ihre Schwester sie
       an. 39 Tage vor Lisas Geburtstag fing er an, der Countdown bei studiVZ, den
       eine automatische Software startet. Aber Eva will selbst entscheiden, wann
       sie in das Gesicht ihrer Schwester blickt.
       
       Schon einen Tag nach dem Unfall wendet sie sich an studiVZ. Sie sei die
       Schwester von Lisa und bitte darum, dass das Profil sofort gelöscht werde.
       Prompt kommt eine Antwort: Die Löschung des Profils ihrer "Freundin Lisa"
       könne nur von den Eltern beantragt werden. Wütend schreibt Eva zurück, dass
       es sich um ihre Schwester handle und die Löschung mit den Eltern
       abgesprochen sei. Keine Antwort.
       
       Wenn Eva über ihre kleine Schwester Lisa spricht, wirkt sie ruhig. Wenig
       verrät die innere Anspannung. Ihre Unterlippe zittert, und auf den Wangen
       zeigen sich rote Flecken. Sie will mit ihrer Familie nach vorn schauen, so
       wie Lisa es gewollt hätte. Eva zieht an den Ärmeln ihres lila Oberteils und
       versucht, ihre Hände darin zu verstecken.
       
       Digitale Fotos verblassen nicht wie Bilder im Album. Niemand weiß, was Lisa
       selbst gewollt hätte. Holzkreuze am Straßenrand fand sie blöd. Die Familie
       schloss daraus, dass sie auch digitale Erinnerungsstätten blöd finden
       würde.
       
       Im Herbst 2010, mehr als ein Jahr nach Lisas Tod, löscht Goolive das Profil
       des Mädchens nach einer Anfrage der sonntaz. Auch studiVZ reagiert nach
       weiteren Nachfragen und der Zusendung von Lisas Sterbeurkunde.
       
       Für Eva Schwarz ist damit ein Teil der Trauerarbeit um ihre Schwester
       abgeschlossen: "Ich habe keine Angst, dass ich das Löschen irgendwann mal
       bereue. Ich werde meinen Trauerprozess nicht von Internetprofilen abhängig
       machen, die mich zum Schluss nur noch geärgert haben, weil die Betreiber so
       unkooperativ waren."
       
       Trotzdem hat sie ein mulmiges Gefühl, als sie den letzten Befehl zum
       Löschen der Profile geben muss. "Da kämpft man so lange dafür, dass sich
       endlich was tut", sagt sie: "Und dann passiert es so plötzlich."
       
       Marion Horchmer hat fast panische Angst, dass jemand das Profil von
       Julienne bei schülerVZ löschen könnte. Einmal schreibt ein Bekannter auf
       die Pinnwand, man solle das Profil melden, es sei unpassend, auf der Seite
       einer Toten zu landen. Horchmer löscht den Eintrag sofort. Seitdem treibt
       diese Sorge sie um. Sie will sich nicht an schülerVZ wenden: "Bloß keine
       schlafenden Hunde wecken. Am Ende speichern die das Profil nicht, und dann
       ist sie weg."
       
       Ein halbes Jahr nach Juliennes Tod räumt die Familie das Zimmer aus. Es
       soll zum Gästezimmer werden, der Neffe kommt zu Besuch.
       
       Juliennes Profil bei schülerVZ bleibt online.
       
       ## Im Abschiedsbrief findet sie Vaters Passwörter
       
       Berlin. Draußen regnet es, als Anne Hahn in ihrem Buchladen drei
       Abschiedsbriefe aus einer Holzkiste kramt. Auf einem stehen die Passwörter
       ihres Vaters.
       
       Im Dezember 2009, wenige Tage vor seinem 70. Geburtstag, setzt sich Gerhard
       Hirschmann in seinen Zweisitzer, fährt zu einer Bahnstrecke bei Dessau. Er
       trinkt eine Flasche billigen Schnaps, reißt Seiten aus seinem Notizbuch,
       schreibt Abschiedsbriefe. Auf dem ersten entschuldigt er sich und beteuert,
       dass niemand schuld sei, nur er selbst. Er wünscht seiner Tochter Anne und
       seinem Enkel Artur alles Gute. Auf dem zweiten vermerkt er, in welchem
       Autohaus die Sommerreifen für sein neues Auto gelagert sind. Mit dem
       dritten Zettel will er Ordnung in sein digitales Vermächtnis bringen. Er
       schreibt alle Passwörter und Zugangsdaten für E-Mail-Postfach, Homepage und
       soziale Netzwerke auf. Am Ende wird die Schrift unleserlich. Er nimmt das
       Abschleppseil des Autos, geht zu der kleinen Eisenbahnbrücke, die über
       einen Radweg führt, befestigt es dort. Dann legt er sich die Schlinge um
       den Hals.
       
       Und springt.
       
       Obwohl er 69 Jahre alt wurde, führte Gerhard Hirschmann das Leben eines
       Dreißigjährigen. Rollerbladen, Nordic Walking, Skypen mit Südamerika,
       Hilfsprojekte für Afrika, "warum verschreibt der Arzt mir kein Viagra?".
       Hochzeitstermin für 2011, eigene Homepage, Facebook-Profil.
       
       Anne Hahn hat ihren Vater erst kennengelernt, als sie mit 33 selbst ein
       Kind bekam. Da wurde der Wunsch nach dem leiblichen Vater groß. Dem Vater,
       der die Mutter mit der dreijährigen Anne sitzengelassen hat, der irgendwann
       bei seiner erwachsenen Tochter anrief und sagte: "Hier ist Gerhard
       Hirschmann, wissen Sie, wer ich bin?"
       
       Es entwickelt sich eine innige Beziehung. Acht Jahre lang holen sie nach,
       was 30 Jahre gefehlt hat. Gerhard Hirschmann wird ein Opa für seinen Enkel
       Artur und ein Vater für seine erwachsene Tochter Anne.
       
       In seinem letzten Jahr gibt er immer mehr Geld aus, plant neue Projekte,
       tippt sich durch tausende Chatrooms, bricht mit alten Freunden. Dass es
       zwischendurch sehr schwere Phasen gegeben haben muss, wird Anne Hahn erst
       hinterher bewusst. Als sich sein komplettes Leben online vor ihr entfaltet.
       
       Warum schreibt jemand Online-Passwörter in seinen Abschiedsbrief? Anne Hahn
       hat sich oft gefragt, was ihr Vater damit bezweckte. Es allen so leicht wie
       möglich machen nach seinem Tod, denkt sie. Während sie spricht, sortiert
       sie Bücher in ein Regal ihrer Buchhandlung.
       
       Das Internet ist kein Buchladen. Die Regale im Netz sind niemals voll. Auch
       Gerhard Hirschmanns Online-Ich lebt weiter. Durch seinen Enkel Artur.
       
       ## Mit Opas Zugang im WWW unterwegs
       
       Artur ist zwölf. Der Tod seines Opas hat ihm dessen Computer beschert.
       Manche Hürden kann er jetzt überspringen. Eigentlich darf er in seinem
       Alter noch keinen eigenen YouTube-Account haben. "Mama, ich habe jetzt ein
       YouTube-Konto - das von Opa!", ruft er eines Tages durch die Berliner
       Altbauwohnung. Kaum eine populäre Seite findet er, auf der der Großvater
       nicht Mitglied war und Usernamen und Passwort gespeichert hatte.
       
       Wenn Artur skypen will, heißt er dort Webbyskype. Das findet er blöd. Er
       will nicht wie Opa heißen! Anne Hahn weiß nicht auf Anhieb, wie man auf
       einem Rechner ein anderes Skype-Konto anmeldet. Also ändert sie mühsam die
       E-Mail-Adresse von Webbyskype in die ihres Sohns und bittet ihn, den
       Skype-Namen weiter zu verwenden. Inklusive all der internationalen
       Kontakte, die Gerhard Hirschmann dort gepflegt hat.
       
       Auch für Anne Hahn sind vergessene, bisher ungesehene Fotos die
       schlimmsten. Wenn Artur auf einen unentdeckten Ordner im Computer stößt
       oder ein weiteres Online-Profil, wird der Verlust wieder spürbar, der Vater
       für einen Moment wieder lebendig.
       
       Im Februar 2011, anderthalb Jahre nach Lisa Schwarz' Tod, findet ihre
       Schwester Eva zufällig ein Video auf einer alten Speicherkarte. "Es hat
       mich total erschreckt, sie so …", Eva sucht nach Worten, "… lebendig zu
       sehen, aus Fleisch und Blut." Gleichzeitig ist sie dankbar für die
       Erinnerung. Mittlerweile hat sie Angst, sie könnte die Stimme oder das
       Lachen ihrer Schwester vergessen. "Jetzt kann ich mich dank des Videos
       daran erinnern", sagt sie. Dass Lisas Videosätze und Lisas Videolachen die
       eigenen Erinnerungen überlagern könnten, fürchtet sie nicht.
       
       Anne Hahn hat die Homepage ihres Vaters im Frühling 2010 löschen lassen. In
       seinen Facebook-Account kann sie sich nicht einloggen, das Passwort vom
       Abschiedsbrief passt nicht. Sie versucht, den Account von den
       Verantwortlichen löschen zu lassen - bis heute ohne Erfolg. Manchmal fragt
       sie sich, in welchen Chatforen er noch unterwegs war, dann wieder ist sie
       froh, dass sie nicht alle Passwörter und Seiten kennt.
       
       Es war genug Arbeit, sich durch 800 E-Mails zu klicken, die in seinem
       Posteingang lagen. Welche Verpflichtungen hatte der Vater? Freunde aus
       aller Welt schreiben. Auf Englisch, Französisch oder Esperanto. Anne
       versucht, so gut es geht, zu antworten. Doch sie grenzt sich auch ab.
       
       Einem Patenkind, das sich Gerhard Hirschmann in Benin gesucht hatte,
       schickt sie kein Geld mehr. "Ich habe ein eigenes Patenkind in Afrika. Aber
       mit einer Organisation. Er musste alles alleine machen. Das kann viel
       Missgunst säen", sagt sie.
       
       Trotzdem tut es weh, das Foto des Kindes zu sehen, das sie aus der
       Holzkiste zieht. Die Eltern haben den Jungen aus Dankbarkeit Gerhard
       genannt. Gerhard Hounsounou.
       
       Willich. Marion Horchmer sitzt vor dem Laptop ihrer Tochter. Ihre Hände
       fahren über die Tastatur. Sie klickt sich durch Chaträume, Gruppenseiten
       und Profile. Julienne beim Fußball, Fratzen schneidend mit Freundinnen.
       Spitzname: "Uschiiii …". Hassfach: "Mathe".
       
       Auch ein halbes Jahr nach dem Tod zieht es Marion Horchmer immer wieder in
       die schülerVZ-Welt, in der ihre Tochter noch existiert. Einmal sei sie
       unsicher geworden, sagt sie. Da schickte eine von Juliennes Freundinnen
       eine digitale Einladung, dass sie doch der Gruppe "Ruhe in Frieden,
       Julienne!!" beitreten solle. Die Tote in ihrer eigenen Trauergruppe? Oder
       vielmehr: Eine Mutter mit dem Profil ihrer toten Tochter in der
       Trauergruppe für die Tochter. Sie zieht an ihrer Zigarette. Ja, gezögert
       habe sie.
       
       Dann sei sie beigetreten.
       
       Die Einträge der Freunde auf Juliennes Profil werden weniger. Über die
       orangefarbenen Herzen an der Wand hat die Familie das Profilbild Juliennes
       gehängt.
       
       Anne Hahn googelt den Vater regelmäßig. Um zu schauen, "ob es etwas Neues
       gibt". Sie hat auf das eigene Facebook-Profil ein Foto des Vaters geladen,
       eines der Bilder, die nicht mehr wehtun.
       
       Eva Schwarz hat Screenshots von Lisas Online-Profilen gemacht. Ganz löschen
       will sie die Schwester nicht.
       
       Marion Horchmer loggt sich weiterhin in Juliennes schülerVZ-Account ein.
       Jeden Tag.
       
       26 Feb 2011
       
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 (DIR) Nicola Schwarzmaier
       
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