# taz.de -- Guttenbergs Zapfenstreich in der "ARD": "Marienhof" mit Marschmusik
       
       > Die militärische Verabschiedung zu Guttenbergs wurde von der "ARD" live
       > übertragen. Der Baron bekam Deep Purple und Ulrich Deppendorf setzte neue
       > Maßstäbe.
       
 (IMG) Bild: "Smoke on the Water" für den Abgänger: zu Guttenberg beim Zapfenstreich neben seinem Nachfolger Thomas de Maizière.
       
       BERLIN taz | Donnerstagabend kommt "Marienhof" ausnahmsweise aus der
       Hauptstadt, genauer: Live aus dem Bendlerblock, also dem
       Bundesverteidigungsministerium. Zugegeben, so ganz passt das nicht
       zusammen: Schließlich ist die ARD-Vorabendsoap eher mal im kleingeisti... –
       Verzeihung: natürlich kleinbürgerlichen Milieu angesiedelt, und das auch
       noch in Köln.
       
       Zum munter militaristischen Anlass hätte also fraglos der schweradelige
       Konkurrenz-Schmonzes "Verbotene Liebe" mit seinen munter-beschwingten von
       Lahnsteins und Hohenfeldens viel besser gepasst. Schließlich wird ein
       Gaststar namens Freiherr von und zu Guttenberg als kurzlebige Hauptfigur
       ein- wie auch gleich wieder abgeführt. Aber "Verbotene Liebe" läuft nun mal
       früher.
       
       Also gibt es den "Marienhof", Folge 3994a, ganz ohne das übliche Personal,
       aber dafür live aus Berlin: "Der große Zapfenstreich". Die ARD hat allen
       Ernstes ihr heiliges Erstes Programm umgeschmissen und überträgt den
       Abschied von Karl Theodor zu Guttenberg. Damit das Ganze für den
       öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht noch peinlicher wird, als es ohnehin
       schon ist, bekommt auch der hauseigene "Mr. Hauptstadtstudio" der ARD,
       Ulrich Deppendorf, eine Nebenrolle: Er soll in seiner "bekannt kritischen
       Art" einordnen, was da geschieht, so jedenfalls sieht es die ARD.
       
       Wie die ganze Geschichte ins Programm gerutscht ist, will zwar keiner so
       genau wissen, aber als Anstalts-Tagesbefehl wurde offenbar ausgegeben: Man
       habe "den Zapfenstreich für Kanzler und Präsidenten" übertragen. Jetzt will
       "das Erste diesen Zapfenstreich für Karl-Theodor zu Guttenberg nicht
       übergehen, auch weil es anhaltendes und polarisierendes Interesse" an
       seiner Person gäbe. So wand sich am Donnerstagnachmittag ein ARD-Sprecher.
       
       Allerdings wurde noch nie einem einfachen Verteidigungsminister eine solche
       öffentlich-rechtliche Ehre zuteil. Nicht mal der alten Badenixe Rudolf
       Scharping, obwohl der es immerhin doppelt so lang im Amt aushielt, wie der
       Freiherr von und zu Guttenberg. "Für einen Verteidigungsminister haben wir
       es noch nicht gemacht", gab der ARD-Sprecher zu, man hörte ihn durchs
       Telefon schwitzen.
       
       Dabei wusste da noch niemand, wie peinlich das Ganze wirklich wird. "Was
       passiert jetzt", will Ulrich Deppendorf vom militärischen Komoderator neben
       sich wissen. Ach hätten sie doch Loriots Opa Hoppenstedt genommen, der
       kannte sich bei den Märschen wenigstens aus!
       
       Der Uniformierte neben dem Mann vom nichtunformierten Staatsfunk erklärt
       derweil staubtrocken, dass sich die FackelträgerInnen – ja, erstmals ist
       eine Frau im Wachbatallion – nun zum Teil umdrehen, "weil ja die ganze
       Fornmation ausgeleuchtet werden muss". Dann kommt die Urkunde. "Jetzt
       bekommt der Minister eine Urkunde überreicht", ordnet Deppendorf kritisch
       ein und fragt investigativ weiter: "Was steht darauf?"
       
       Ja, was wohl? Aber der ARD-Mann ist da schon vollends ins militärische
       Zerimoniell vertieft und ganz aufgeregt, den neuen Verteidgungsminister
       Thomas hatte er schon vorher kurzfristig versehentlich als Lothar de
       Maizière zur Nationalen Volksarmee der DDR versetzt. Deppendorf faselt noch
       militärisch korrekt was von "die Presse wird noch vorgelasse zu einem Foto"
       und dann kommt endlich die Serenade, wo sich der Ex-Minister die Musik
       wünschen durfte.
       
       Guttenberg hat sich für seinen Abschied drei Musikstücke ausgesucht: Die
       Märsche "Großer Kurfürst" und "König Ludwig II" sowie "Smoke on the Water"
       von Deep Purple. Das zeugt von wahrer Größe, zumindest, was die eigene
       Beratungsresistenz angeht: Als großer Kurfürst hat er sich selbst wohl gern
       gesehen. Dass er sich noch gleich den Marsch des bayerischen Märchenkönigs
       Ludwig II dazunimmt, der als "Kini" eher mal Neuschwanstein spielte und im
       Starnberger See ersoff, könnte immerhin von Resthumor zeugen.
       
       Konsequenterweise hätte Wunschhit Nummer Drei allerdings von Richard Wagner
       sein müssen, dem Ludwig II schon zu Lebzeiten sein Walhalla errichtete.
       Aber nein, zu Guttenberg verlangt's nach Deep Purple, "Smoke on the Water",
       Jesusmariaundjosefhilfmuttergottes! Wie geht das denn? Sollen so nochmal
       Parallelen auf die Dampfplaudereien des Ministers, wieso Zweifel an seiner
       Dissertation ganz ungehörig seien, heraufbeschworen werden? War es das
       einzige Lied, das er im Konfirmandenunterricht für den Hochadel halbwegs
       auf der Schlossmundorgel klampfen konnte?
       
       Oder liegt die Wahrheit ganz simpel darin, dass es in "Smoke on the Water"
       um eine abgebrannte Disko und ein Grandhotel am piekfeinen Genfer See geht,
       also um ein Milieu, in dem sich Schnösels mit oder ohne von und zu
       besonders gut auskennen? Um dem Musikcorps des Wachbatallions die gebotene
       journalistische Fairness zu erweisen: Mit seiner Version von "Smoke on the
       Water" für Tuba und Glockenspiel können sie sich ohne weiteres auf den
       Militärmusikfesten dieser Welt hören lassen.
       
       Doch nicht nur die Marschmusiker, auch Deppendorf setzt neue Maßstäbe in
       der weiten Welt der ARD. Unterirdische, allerdings. "Wir hatten alle
       gedacht, er wünscht sich ACDC, 'Highway to Hell'", analysierte der Leiter
       des ARD-.Hauptstadtstudios messerscharf irgendwo mittendrin. Ob er ahnt,
       dass er ihn wird beschreiten müssen, wenn in der ARD noch Reste von
       Intelligenz zu Hause sind?
       
       "Ja, das hat ihm gefallen, das kann man sehen", sagt Deppendorf gegen Ende,
       und dass Guttenberg gesagt habe, er werde nun einige Gedanken aufschreiben,
       was mancher schon als Hinweis deute, da seien wohl Memoiren geplant. Die
       kritischste Frage an seinen rotbemützten Nebenmann hat er da schon
       gestellt: "Das war heute relativ schnell. Wir hatten mal mehr Zeit, war
       mein Eindruck", meinte Deppendorf allen Ernstes.
       
       Wenn sogar die Berliner S-Bahn für miesen Service ihre Stammkunden pro Jahr
       zwei Monate umsonst fahren lässt, ist das nächste Gebührenquartal für die
       ARD hiermit gestrichen. Aber Deppendorf ist nicht nur nicht kritisch,
       sondern bidert sich auch noch an: "Zu Guttenberg wird sicher die Lehren
       ziehen aus seiner bisherigen Arbeit. Wir sehen hier, wie ergriffen er dem
       Auszug folgt", fabuliert der oberste ARD-Politeinordner in der Hauptstadt.
       
       Sein Nachfolger Thomas de Maizière sitze nun "auf einem Schleuderstuhl,
       während Karl Theodor zu Guttenberg auf einem Schlossstuhl Platz nehmen
       kann". Soviel Analyse haut dann selbst bei der ARD die letzten Sicherungen
       rein, und es folgt eine saubere Doku-Zusammenfassung der KTG-Affäre, die
       zwar nichts Neues bringt, aber durchaus einen kritischen Unterton hat.
       
       Allerdings begreift man danach noch weniger, warum sich das Erste wegen "so
       vieler lebhafter Stunden im Bundestag", so Deppendorf, "entschlossen hat,
       den Zapfenstreich zu übertragen". Denn das Ergebnis ist fatal: Die ARD
       geriert sich plötzlich tapfer als Staatssender in Uniform. Und weil
       Zapfenstreich-Experte Deppendorf anscheinend wirklich mit noch mehr
       Fackelzug und Umtata gerechnet hatte, hatte das Erste plötzlich ein Loch im
       Programm – und sendete minutenlang Berlins schönste Bahnstrecken.
       Weggetreten, ARD, aber so was von!
       
       10 Mar 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Steffen Grimberg
       
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