# taz.de -- Deepwater Horizon: Tiefer und tiefer
       
       > Vor einem Jahr explodierte die Ölplattform im Golf von Mexiko. Die
       > Umweltschäden bestimmen bis heute den Alltag. Und die Ölkonzerne bohren
       > wieder.
       
 (IMG) Bild: 800 Millionen Liter Rohöl flossen nach der Explosion der Deepwater Horizon über Monate ins Meer: Orange Beach, Alabama (Juni 2010).
       
       WASHINGTON taz | "BP ist nicht perfekt", sagen Fischer und Unternehmer von
       der Golfküste der USA in Werbespots, "aber dies hier machen sie richtig.
       Unsere Küsten sind wieder sauber. Unsere Garnelen sind wieder die besten."
       Dazu läuft sanfte Musik. Die Bilder zeigen grünes Marschland. Fischerboote
       auf hoher See. Netze voller Fische. Lachende Menschen. Und Seevögel. Der
       Übeltäter des vergangenen Jahres gibt sich jetzt als Wohltäter, der die
       Golfküste restauriert.
       
       Das ist die heile Welt der Werbespots, mit denen der Mineralölkonzern seit
       einem Jahr die Werbeetats der Fernsehsender quer durch die USA füllt.
       
       Die größte Ölpest der Geschichte begann vor einem Jahr mit der Explosion
       der von BP gemieteten Ölplattform "Deepwater Horizon" im Golf von Mexiko.
       Elf Arbeiter starben auf der Plattform. Dann strömten über Monate 800
       Millionen Liter Rohöl in den Ozean. Sie verölten Pflanzen, Tiere und weite
       Teile des Feuchtgebietes im Mündungsdelta des Mississippi. Die besten
       IngenieurInnen einer der höchstentwickelten Branchen versuchten im
       Trial-and-Error-Verfahren, eine vorhersehbare Katastrophe unter Kontrolle
       zu bekommen. Erst im September - fünf Monate nach der Explosion - gelang
       es, das Bohrloch am Meeresgrund gänzlich zu stopfen.
       
       An den Küsten sind heute zahlreiche Strände wieder geöffnet. Vielerorts ist
       die Fischerei erneut zugelassen. Die Krabben und Garnelen haben sich
       schnell erholt. Die Austern aber, so befürchten Züchter in Louisiana,
       werden bis zu zehn Jahren brauchen, um wieder auf den Stand von vor der
       Katastrophe zu kommen. Und im Januar strandeten die Kadaver von 153 toten
       Delphinen, davon die Hälfte Neugeborene, an der Golfküste.
       
       Die großen Öllachen im Meer sind verschwunden. Ein Viertel des Öls, so die
       nationale Ozean-Behörde NOAA, ist verdunstet. 20 Prozent des Öls sind
       entweder abgepumpt oder an der Wasseroberfläche abgefackelt worden.
       
       ## Tote Lebewesen stapeln sich am Meeresgrund
       
       Aber wer einen Stock in den Sand steckt, stößt weiterhin auf Öl. Samantha
       Joye von der Universität Georgia, die die Katastrophenfolgen im Golf von
       Mexiko studiert, berichtet von toten Lebewesen - Würmern, Seesternen,
       gebleichten Korallen -, die sich am Meeresboden stapeln. An das Rohrgras
       von weniger zugänglichen Ufern schwappt gelegentlich ein öliger Film.
       Niemand weiß, ob er aus dem Macondo-Bohrloch selbst stammt oder von dem
       Corexit.
       
       Fast sieben Millionen Liter der Chemikalie mit wenig bekannten
       Langzeitwirkungen sind 2010 in den Golf gepumpt worden. Sie sollten das Öl
       binden und seine Entsorgung durch Bakterien erleichtern. Doch zugleich
       "steigt die Toxizität von Corexit, wenn es mit Öl vermischt wird", sagt
       Wenonah Hauter von der Verbraucherschutzgruppe "Food & Water Watch": "Das
       ist gefährlich für Pflanzen, Tiere und Menschen."
       
       Auch Satellitenaufnahmen zeigen ein anderes Bild von der Golfküste. Darauf
       fehlen 130 Quadratmeilen Marschland im Mississippidelta. Sie sind im
       vergangenen Sommer nicht wieder grün geworden und werden demnächst im
       Wasser versinken. In den Vorjahren waren alljährlich 24 Quadratmeilen
       Marschland verloren gegangen. Das schrumpfende Feuchtgebiet im Süden von
       Louisiana ist das Zuhause für Alligatoren, Seevögel und Fische. Zugleich
       ist es eine Barriere gegen den Einfall von Hurrikanen ins Hinterland. "Das
       Öl ist noch da: im Wasser, in den Algen, in den Fischen und am
       Meeresgrund", sagt der Meeresbiologe John Hocevar von Greenpeace, "es
       verschwindet nicht einfach spurlos."
       
       ## Zigtausende verloren ihren Job
       
       Im Alltag vieler Menschen ist die Katastrophe täglich zu spüren.
       Zigtausende haben ihre Arbeit verloren. Die Hilfsorganisation "Catholic
       Charities", die seit vergangenem Jahr zehntausende Golf-AnwohnerInnen mit
       Essen, Kleidung und Medizin versorgt, beklagt, dass ein großer Teil der
       Anträge auf Entschädigungen noch nicht einmal von der Gulf Coast Claims
       Facility (GCCF) bearbeitet, geschweige denn bewilligt worden sind. Nur 40
       Prozent der Anträge sind bislang bewilligt worden. Der GCCF unter Leitung
       des von Präsident Obama benannten Ken Feinberg hat nur 3,8 Milliarden
       seines 20 Milliarden Dollar großen Entschädigungsfonds verteilt.
       
       Der Justiz liegen gegenwärtig 400 Klagen gegen BP und andere
       Gesellschaften, die in "Deepwater Horizon" verwickelt waren, vor - darunter
       die Gesellschaften Transocean und Halliburton. Das US-Justizministerium
       prüft noch, ob es auch Anklagen wegen fahrlässiger Tötung erstattet.
       
       Seit Februar vergibt das neu gegründete "Bureau of Ocean Energy Management"
       auch wieder Offshore-Bohrgenehmigungen. Zehn dieser Genehmigungen sind
       ausgestellt - unter anderem für Shell, Exxon und Chevron. Mehr als ein
       Dutzend weitere Anträge liegen in der Schublade - darunter auch von BP.
       
       ## Die Sicherheitstechniken sind die alten geblieben
       
       Die neuen Bohrstellen liegen noch weiter von der Küste entfernt und noch
       tiefer am Meeresboden. Aber die Sicherheitstechniken sind die alten
       geblieben. "Der Name der Behörde ist geändert", sagt William Reilly, einer
       der beiden Vorsitzenden der Ölpest-Kommission: "Aber die Mitarbeiter sind
       dieselben." Der amerikanische Präsident Barack Obama wollte zusätzliche 100
       Millionen Dollar für die Kontrolle der Offshore-Bohrungen, der Kongress hat
       im Haushalt für dieses Jahr aber nur die Hälfte bewilligt. Anstatt die
       Ölbranche zu behindern, so das Credo der republikanischen Mehrheit im
       Kongress, sollte der Staat die Ausgabe von Bohrgenehmigungen beschleunigen.
       
       Ursprünglich hatte die Ölindustrie gedroht, sie würde wegen des Moratoriums
       ihre Plattformen aus dem Golf von Mexiko abziehen und ihre Arbeiter
       entlassen. Inzwischen herrscht neue Aufbruchstimmung. Der auf Ölbohrungen
       spezialisierte US-Konzern Halliburton hat in dieser Woche ein
       Rekordergebnis aus dem ersten Quartal 2011 gemeldet. Und Transocean, bei
       dem die meisten der auf der "Deepwater Horizon" ums Leben gekommenen
       Arbeiter angestellt waren, hat seinen Spitzenmanagern Boni für das "beste
       Sicherheitsjahr" gezahlt.
       
       Antonia Juhasz, die ein Buch über die Ölpest geschrieben hat, wertet das
       als ein Zeichen dafür, dass die Ölindustrie keine Lehren aus der
       Katastrophe gezogen hat und ihre Praxis nicht ändern wird. "Es kann
       jederzeit wieder passieren", sagt sie. Innenminister Ken Salazar drückt
       sich vorsichtiger aus. "Die Industrie ist heute sicherer als vor einem
       Jahr, aber wir haben noch viel zu erledigen."
       
       20 Apr 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dorothea Hahn
 (DIR) Dorothea Hahn
       
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