# taz.de -- Schulenburg-Verlag macht weiter: Der Kopffüßler hält durch
       
       > Nach dem überraschenden Tod des Verlegers Lutz Schulenburg geht die
       > Arbeit in Hamburg-Bahrenfeld weiter - wie bisher und doch ganz anders.
       > Denn mit Schulenburg hat man im Mai dieses Jahres einen verloren, der
       > Funken schlug
       
 (IMG) Bild: Erinnerungsstücke im Besprechungszimmer: Über alten und neuen Bildern von Lutz Schulenburg hängt die Spiegel-Bestsellerliste, deren 1. und 2. Platz Nautilus 2007 innehatte.
       
       Der Name steht noch an der Klingel. Unten der Verlag, oben die Wohnungen
       von Lutz Schulenburg und Hanna Mittelstädt, seiner Freundin und
       Mit-Verlegerin der Edition Nautilus über 40 Jahre. Lutz Schulenburg ist am
       1. Mai gestorben, überraschend, er war 60 Jahre alt und nach einer
       Gehirnblutung wenige Wochen zuvor glaubte man ihn auf dem Weg der
       Besserung. Lutz Schulenburg war ein Anarchist, er quoll über vor Ideen und
       vor Charme, zumindest an den gut gelaunten Tagen. Er war der „Frontmann“
       des Verlags, so sagt es Hanna Mittelstädt. „Uns fehlt jetzt sozusagen der
       große Diamant, wir müssen jetzt sechs kleine Diamanten sein.“ Und sie
       glaubt, dass das gehen kann.
       
       Eigentlich wollte sie in diesem Jahr kürzer treten im Verlag, Lutz
       Schulenburg tat das theoretisch auch, praktisch aber nicht. Es gibt viel
       Arbeit in einem Verlag – und dass er klein ist, macht sie nicht weniger.
       Nautilus heißt „Kopffüßler“, es war Schulenburgs Idee, den Verlag so zu
       nennen. Vielleicht hat er auch eher an Jules Vernes Unterseeboot gedacht,
       wer weiß.
       
       Passen tut beides: Eine Zuflucht für Aussteiger war Nautilus von Beginn an,
       mit den anarchistischen und dadaistischen Texten, die der dritte Gründer,
       Pierre Gallissaires, mitbrachte. Es war inhaltliches Neuland für
       Mittelstädt und Schulenburg, beide Anfang 20, und ganz besonders für
       Schulenburg, der aus einer Dekorateurslehre geflogen war. „Mit 19, bei den
       Anarchisten begann seine Bildung“, sagt Mittelstädt heute, „beim Lernen
       haben wir Bücher daraus gemacht.“
       
       Es scheint, dass sich der Verlag diese Haltung eines ganz praktischen
       Es-wissen-Wollens erhalten halt. Sei es mit Christoph Twickels
       „Gentrifidingsbums oder eine Stadt für alle“ über den Kampf für eine Stadt
       für alle, sei es mit David Graebers Handbuch „Direkte Aktion“ oder der
       Text-Sammlung der russischen Pussy-Riot-Aktivistinnen. Die hat Nautilus nur
       bekommen, weil eine Agentin ihnen wohlgesonnen war, und als sie den
       Zuschlag erhalten hatten, gab es Nachtschichten bei Nautilus, weil
       Übersetzung und Lektorat in sportlichen acht Wochen beendet sein mussten.
       
       Und, um auf den Kopffüßler zurückzukommen, der stimmt auch, weil Nautilus
       bei aller Leidenschaft für das Anarchische und Abseitige immer auch einen
       gesunden Sinn dafür hatte, dass man mit Büchern Geld verdienen muss, wenn
       man als Verlag überleben möchte. So haben sie nach einem Angebot der
       Titanic-Redaktion Texte des früheren DDR-Chefkommentators Karl-Eduard von
       Schnitzler veröffentlicht – als „Provokation“, sagt Mittelstädt, „und weil
       wir glaubten, dass sie sich verkaufen würden“. Haben sie dann auch, 20.000
       mal. Die Dresche, die sie unter anderem dafür bezogen, hat die Leute von
       Nautilus nur bedingt beeindruckt.
       
       Menschen, die dem Verlag wohlgesonnenen sind, gab und gibt es,
       erstaunlicherweise haben die meisten ihm auch den Bestsellererfolg mit den
       Krimis von Anna Maria Schenkel gegönnt. Im Konferenzraum mit großem
       Holztisch und Kochzeile – man isst zusammen – und Blick auf eine
       Holzterrasse hängt ein Poster von „Kalteis“, dem vorletzten Roman
       Schenkels, der bei Nautilus erschienen ist, und oben auf einem Regal steht
       eine Pappe, auf dem eine Spiegel-Bestsellerliste klebt: „Tannöd“ steht auf
       Nummer eins und „Kalteis“ auf Platz zwei.
       
       Die Geschichte mit Andrea Maria Schenkel ist aus Sicht von Nautilus
       ambivalent. Um mit dem Positiven anzufangen, hat der Verlag mit ihren
       Texten sehr viel Geld verdient, so viel, dass er in helle Räume in
       Hamburg-Bahrenfeld umziehen konnte, so viel, dass er seinen
       MitarbeiterInnen Boni zahlen konnte: zwischen 2.000 und 80.000 Euro, je
       nach Zugehörigkeit. Der Verlag hat zum ersten Mal erlebt, wie es ist,
       Lizenzverhandlungen in 20 Sprachen zu führen, über Filmrechte zu
       verhandeln, einen Presseansturm zu bewältigen. Wenn Hanna Mittelstädt und
       die Lektorin Katharina Picandet darüber sprechen, hört man den Stolz
       heraus: darüber, wie sie das gewuppt haben.
       
       Aber das hat Anna Maria Schenkel nicht daran gehindert, mit dem vierten
       Titel zur größeren Konkurrenz, Hoffmann und Campe, zu gehen – und das
       nehmen Mittelstädt und Picandet ihr übel. Schwierig zu sagen, ob AutorInnen
       das Recht haben, weiterzuziehen oder nicht, vermutlich bewegt man sich hier
       in anderen Kategorien. Aber interessant ist dieses Übelnehmen allemal, weil
       Mittelstädt und Picandet nicht so wirken als neigten sie dazu, sie wirken
       auch nicht sonderlich interessiert am Geld – es ist beim
       Einheits-Stundenlohn geblieben, der zwischen zehn und 15 Euro liegen soll.
       
       „Andrea Maria Schenkel kommt nicht von unten“, sagt Picandet, sie musste
       nicht wie andere Nautilus-AutorInnen die Erfahrung von Markt-Ungängigkeit
       machen. Diese Underdog-Haltung hat Nautilus sich bewahrt, das betont Hanna
       Mittelstädt, daran habe auch „Tannöd“ nichts geändert. „Wir haben kein
       Geld“, sagt Mittelstädt, „aber Ideen.“
       
       Genau dieses Kapital, die Ideen, waren, was Lutz Schulenburg mit in den
       Verlag gebracht hat. Nicht das Verwalterische, das war nicht sein Ding,
       auch kein verlegerisches Geheimwissen. Aber etwas Widerständiges, das
       durchaus anstrengend sein konnte – „wir hatten ein hartes Training in
       Moderation“, sagt Mittelstädt – aber eben auch ungemein fruchtbar. Es lässt
       sich nicht ersetzen, aber der Verlag hat nun einen Beirat gegründet, der in
       der Summe solche Funken schlagen soll, wie Schulenburg es getan hat. Und
       sie haben den Verlag, der bislang auf seinen Namen lief, in eine GmbH
       umgewandelt, an der alle Mitarbeiter, die das wollten, beteiligt sind.
       
       „Ich muss nicht denken, dass ich die Witwe des Verlags bin“, sagt
       Mittelstädt. „Es ist einen Schutz für mich und fürs Verlagsprojekt.“ Das
       Projekt geht nun weiter mit Autoren, von den Mittelstädt und Picandet
       glauben, dass sie bleiben werden. Leuten wie Jochen Schimmang, der einmal
       bei Suhrkamp begonnen hat, und Abbas Khider, einem Exil-Iraker, der
       plötzlich bei ihnen auftauchte, inzwischen hat er sein drittes Buch bei
       Nautilus veröffentlicht, wird mit Preisen überschüttet. Er will bleiben.
       Das wollte Andrea Maria Schenkel wohl auch mal. Die Edition Nautilus
       jedenfalls wirkt, als würde sie ihre Fahrt fortsetzen.
       
       3 Sep 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
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