# taz.de -- „Der Freischütz“ in der Staatsoper: Unterirdisch fromm
       
       > Michael Thalheimer hat Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ neu
       > inszeniert. Der Premierenapplaus war – na ja, überwiegend freundlich.
       
 (IMG) Bild: Die Chorsolistinnen singen „Wir flechten dir den Jungfernkranz“, daneben Dorothea Röschmann als „Agathe“, hinten Peter Molzen als „Samiel“.
       
       Ihre Welt ist ein dunkler Schacht, den jemand vor Jahren kreisrund in die
       Erde gebohrt hat. Die Wände sind schwarz, verkarstet und rissig.
       Abgebrochene Äste liegen herum. Licht kommt nur von ganz hinten aus dem
       Eingangsloch. Es ist blendend weiß, verliert sich aber bald in dieser
       vermoderten Unterwelt.
       
       Nur schemenhaft sind deshalb im Bühnenvordergrund die Leute zu erkennen,
       die sich hier unten versammelt haben. Sie tragen korrekte Anzüge aus gutem
       Tuch, und halten Äste in der Hand. Man könnte sie für Bürger einer
       vergangenen Zeit halten, die vielleicht von einem Sonntagsausflug in die
       Natur zurückgekehrt sind.
       
       Wozu diese unterirdische Anlage einmal gebaut worden ist, wissen sie
       wahrscheinlich auch nicht mehr. Sie sind hier zu Hause und achten auf
       Regeln des Anstands, der Treue und Frömmigkeit. Sie besingen die
       Waidmannslust. Nur einer kauert in der Ecke. Er umklammert eine Flinte,
       aber sie lachen ihn aus, weil er in der letzten Zeit nichts mehr getroffen
       hat.
       
       Wie diese Geschichte weitergeht, ist so allgemein bekannt, dass es heute
       ein Problem ist, diese Oper aufzuführen. Man muss sie gegen ihre
       Popularität in Schutz nehmen. Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ ist
       seit der Uraufführung im Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt von 1821
       die Oper der deutschen Nation schlechthin. So hat es das stürmisch jubelnde
       Publikum bei der Premiere verstanden, die Presse feierte mit.
       
       ## Frömmigkeit, Treue, und Gehorsam
       
       Ganz falsch war das nicht. Der Freischütz spiegelt sehr genau die deutsche
       Stimmung nach den Wirren der napoleonischen Kriege. Frömmigkeit, Treue, und
       Gehorsam sind das Thema des Textes von Johann Friedrich Kind aus Dresden
       und der ganz Europa herumreisende, gar nicht national gesinnte Pianist und
       Komponist Weber hat seine Musik nicht dagegen geschrieben. Sie stimmt mit
       ein in die Feier der Ordnung und Obrigkeit, lässt den Teufel höllisch
       flackern, aber eben nicht gewinnen: „Wir flechten dir den Jungfernkranz“
       gehört noch heute zum Kernbestand ländlicher Singvereine.
       
       Michael Thalheimer und sein Bühnenbildner Olaf Altmann zeigen auf
       beeindruckend drastische Weise, warum gerade diese Oper noch immer geliebt
       und überall aufgeführt wird. Meistens haben Intendanten und Regisseure
       dabei ein schlechtes Gewissen wegen der deutschtümelnden Jägerei, die sich
       nun mal nicht austreiben lässt - und wenn man es doch tut, dann hagelt es
       Verrisse wie zuletzt bei Calixto Bieito an der Komischen Oper Berlin.
       Thalheimer und Altmann haben keine Angst davor, beides gleichermaßen ernst
       zu nehmen: Die nationale Romantik des Textes und die volksliedhafte
       Sanglichkeit der Musik.
       
       Sie stecken beide im selben Erdloch, und sind dort so aktuell wie sind nur
       sein können. Auf der Bühne steht gar nicht symbolisch, sondern konkret und
       plastisch sichtbar der Geburtskanal der Pegida-Demonstrationen. Selten hat
       ein Opernhaus mehr getan für die politische Aufklärung als hier. Alles ist
       zu hören und zu sehen, was gegenwärtig zehntausende auf die Straße treibt:
       Das unheimliche Fremde in der Wolfsschlucht, das Elend eines Versagers,
       dann die Güte des Vaters, die Unschuld der Frauen, die Wahrheit des
       christlichen Glaubens.
       
       Und es geht am Ende gut aus. Nicht weil irgendwelche Forderungen erfüllt
       werden, sondern weil sich alles wieder einfügt in die Rituale der
       Biederkeit. Immer wieder müssen Figuren durch das blendend weiße Loch des
       Höhleneingangs hinein kriechen. Da draußen ist offenbar nichts, was sie
       halten könnte, sie müssen zurück in den Schacht, den sie nicht als
       Gefängnis, sondern als Heimat empfinden.
       
       ## Ausnahmslos großartig gesungen
       
       Das ist großes, wenn auch bedrückendes Theater. Bedrückend, weil es nichts
       kritisiert. Weber vor allem kommt zu seinem vollen Recht, wunderbar dicht
       und klangvoll gespielt von der Staatskapelle unter Sebastian Weigle, und
       ausnahmslos großartig gesungen von Burkhard Fritz, Falk Struckmann,
       Dorothea Röschmann, Anna Prohaska und Roman Trekel. Es ist wohnliche Musik,
       die da erklingt, sie artikuliert Lust und Leid, Angst und Trost, aber immer
       so, dass keine Grenzen gesprengt werden. Wir dürfen zurück kehren in den
       vertrauten Garten der frühen Romantik.
       
       Ganz am Ende jedoch, wenn der Oberförster aufruft, die Augen zu heben, um
       dem Schöpfer zu danken, schickt Thalheimer dann doch eine Warnung in den
       Saal. Max und Agathe, das Brautpaar, blicken zu Boden. Und die Sprechrolle
       des Samiel geistert ohnehin schon seit der Ouvertüre überall herum. Denn
       hier muss niemand hinunter in die Wolfsschlucht. Wir sind schon dort, ganz
       unten, wo Webers Höllenmusik das Böse spielen lässt. Verstehen muss man
       nur, und man kann es bei Thalheimer hören, dass die fröhlichen Jäger oben
       das selbe Lied singen.
       
       Natürlich hat auch die Staatsoper die öffentliche Erklärung der Deutschen
       Bühnen gegen die Pegida-Bewegung unterzeichnet, und der Premierenapplaus
       war – na ja, überwiegend freundlich.
       
       19 Jan 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Niklaus Hablützel
       
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