# taz.de -- Die Wahrheit: Wie das Ei aus dem Ei kommt
       
       > Für ein gelungenes bemaltes und hingehängtes Ei muss das eigentliche Ei
       > der Schale entnommen werden.
       
 (IMG) Bild: Wasserbetten gehen immer erst so ab Nachmittag.
       
       Gerade stand das Haus meiner Eltern noch voller Weihnachtskrippen. Hunderte
       Engel aus Holz, Gips, Porzellan und schlichte Tönerne tönten in großen
       Chören aus den Regalen und von den Fensterbänken. „Unser Mutter“ ist eine
       Sammlerin. Uns wirft sie vor, dass wir alles „hegen“. Draußen quälen sich
       die ersten Krokusse durch die noch winterkalte Erde und „unser Ilse“
       arbeitet an der Umdekoration, denn jetzt kommt Ostern. Kätzchenzweige in
       der Vase und draußen Busch und Baum müssen mit Eiern beziehungsweise deren
       Schalen behängt werden.
       
       Einige davon habe ich noch als Kind akribisch leer geblasen und bemalt. Es
       ist erstaunlich, wie lange sich Eierschale hält und wie gering dagegen die
       Lebenslaufzeit von, sagen wir mal, Waschmaschinen ist.
       
       Für ein gelungenes, bemaltes, hingehängtes Ei muss das eigentliche Ei der
       Schale entnommen werden, denn ein noch mit Ei gefülltes Ei ist für fast
       jeden Zweig zu schwer. Man müsste es schon andübeln, dafür wiederum sind
       die Kätzchenzweige zu dünn. Ich habe das trotzdem mal, mit 13, versucht.
       
       Das traditionelle Eierausblasen ist eine Kunst. Meine Mutter hat da noch
       jedes Mal die drei Männer ihrer Familie düpiert. Denn dem Mann, der sonst
       durch handwerkliches Geschick besticht, fehlt hier angesichts der
       zerbrechlichen Schale das Feingefühl.
       
       Um das Ei auszublasen, muss man zuerst zwei Löcher hinein bringen, jeweils
       an den Spitzen. Seitlich macht die Schale zu instabil, ein Loch ist zu
       wenig. Ich hatte früher auch das probiert. Mit einem Papierlocher habe ich
       in jungen Jahren ebenfalls experimentiert.
       
       ## Das Ei neigt zum „Rollen“
       
       Überhaupt – von seiner Natur her neigt das Ei zum „Rollen“ und schlägt
       dabei Haken wie ein Hase, obwohl es eigentlich Huhn ist. Um das Ei
       festzuklemmen, ging ich damals zu Vaters Hobelbank. Man sollte das Ei aber
       nicht zu fest in den Schraubstock spannen. Mein Tipp heutzutage: Das Ei
       locker in der linken Hand halten, aber keine Schlagbohrmaschine benutzen.
       Sonst hat man nicht nur den Bohrer, sondern gleich die ganze Maschine im
       Ei.
       
       Jedes Mal war es eine ziemliche Sauerei, all das Dotter und Eiweiß vom
       Papierlocher, von der Hobelbank, vom Schraubstock und von der Bohrmaschine
       zu putzen. Als Sohn eines Zimmermanns nahm ich deshalb im nächsten Jahr
       Hammer und Nagel und hatte schnell das gesamte Ei, Schale, Eiweiß und
       Dotter auf der Mahagoni-Platte festgenagelt.
       
       Mein Freund Kalle, KFZ-Meister aus Kassel, hat die Thematik kürzlich wieder
       Mal auf den Punkt gebracht: „17er Schlüssel nehmen, Kopf abdrehen und Ei
       ausgießen.“ Und bei uns in der Familie kommen jedes Jahr immer noch ein
       paar Eier dazu. „Unser Ilse“ arbeitet traditionell mit Stricknadeln. Damit
       stochert sie oben und unten ein Loch in das Ei. Letztens kam in genau
       diesem Moment eine Nachbarin und sagte: „Mensch, Ilse, ich hab nur braune
       Eier bekommen!“ Meine Mutter hatte schon Luft geholt zum Auspusten und
       meinte nur: „Schonwaschgang in der Maschine bei 30 Grad. Danach die Eier
       einfach abtropfen lassen. Auf keinen Fall schleudern.“
       
       25 Mar 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Gieseking
       
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