# taz.de -- Kolumne Unter Schmerzen: Eine kleine Oase der Regression
       
       > Die Verordnung läuft aus und die Aufmerksamkeitseinheiten werden weniger.
       > Das Gesundheitssystem krankt. Was tun?
       
 (IMG) Bild: Mit Lolli oder ohne: So kann es aussehen bei der Physiotherapie.
       
       Die Verordnung läuft aus, die Termine werden seltener, ich muss wieder den
       Facharzt wechseln, damit ich eine neue Verordnung bekomme, denn ganz ohne
       manuelle Therapie geht es noch nicht. Das ist klar. Jetzt aber ist es
       endlich wieder so weit. Ich ziehe die Schuhe aus und warte.
       
       Im Wartezimmer liegen die ADAC Motorwelt und das Bootmagazin Yacht aus. Die
       Physiotherapeutin erzählt von ihrer frisch geerbten Jolle. „Eine
       schmerzlich empfundene Zufälligkeit.“
       
       Die Verspannungen gehen zurück, sagt sie. Sie liebt es, Dreiviertelhosen zu
       tragen und Ringelstrümpfe, und sie hat rot gefärbte Haare, und zu Hause
       spielt sie ihren Kindern Lieder auf der Ukulele vor. Trotzdem verfolgt sie
       eher einen Gegenentwurf zu Pippi Langstrumpf. Also einerseits keck und
       eigen, andererseits eben völlig altruistisch – und in ihrer Freizeit segelt
       sie zu den Inseln im Havelsee. Obwohl, klingt doch sehr nach Pippi
       Langstrumpf. Vielleicht sollte ich mal wieder in das Buch gucken.
       
       Aber wenn die Fangopackung kommt („Ich bringe die Wärme“, sagt sie) – Fango
       ist italienisch und heißt Schlamm –, schlafe ich meist schnell ein, weil
       sie mich einpackt wie eine Mutter ihr Kind, das Licht dimmt und die Tür
       zumacht, und wenn sie siebzehn Minuten später klopft, um die manuelle
       Therapie zu beginnen, muss ich mich erst wieder zurechtfinden in dieser
       eingerichteten Welt. Leere Räume und die Frage, wo füllt sich was.
       
       ## Ich mag das, ich kann nicht mehr ohne
       
       Ich mag das, ich kann nicht mehr ohne. Es ist eine kleine Oase der
       Regression, diese physiotherapeutische Praxis, und es ist fast so erotisch
       wie bei der Osteopathin. Aber klar, am Ende, bevor es zu Liebe kommen kann,
       geht man wieder.
       
       Aber wie gesagt, die Zeit läuft gegen mich, die Heilung läuft leider nicht
       so schnell, und mir gehen allmählich die Verordnungen aus. Dabei muss es
       heißen: sich weiter ans Programm halten. Schmerzmittel und Manuelle
       Therapie. Keine Panik bekommen wegen der jüngsten Schmerzwelle, da schaut
       einfach wieder ein Stückchen der alten Bandscheibe raus. Die wird dann
       sukzessive abgebaut, körperlich. Was allerdings viel zu lange dauert.
       
       Überhaupt: Ich mag meinen Neurologen, ich schätze diesen einen Orthopäden,
       die anderen nicht, ich liebe meine Physiotherapeutin. Aber die
       Rundumbetreuung lässt insgesamt doch zu wünschen übrig. Meine alten Eltern
       haben recht: Das Gesundheitssystem krankt. Schon das Dezentrale nervt, die
       Terminvergaben, die Verordnungskriterien.
       
       Ich male mir so etwas wie moderne Ärztehäuser aus, in jedem Viertel der
       Stadt stehen drei, eins für Kinder, eins für Erwachsene, eins für Senioren.
       Im untersten Stockwerk gibt es Allgemeinärzte, und, wenn erforderlich, wird
       man nach oben zu den stets anwesenden und bereiten Spezialisten geschickt.
       Es gibt Operationsräume und Übernachtungsmöglichkeiten. Ein Ärztehaus für
       alle. Für alle Ärzte und alle Patienten. Und die Bezahlung geht wesentlich
       unbürokratischer, einfacher vonstatten – Zahnärzte und Psychotherapeuten,
       [1][so forderte es auch Michael Moore kürzlich hier], sind sogar umsonst.
       
       29 Apr 2015
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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