# taz.de -- Schweizerische Neutralität: Maximal neutral
> Am Sonntag äußern sich die Schweizer in einer Volksabstimmung zur
> politischen Neutralität ihres Landes. Die rechtspopulistische SVP will
> nichts ändern.
(IMG) Bild: Zwei Ehrenamtliche installieren ein Wahlplakat des Komitees „Wahrung der Schweizer Neutralität“
Wenn die Schweizer Bürger am Sonntag zur Volksabstimmung aufgerufen sind,
geht es um nichts Geringeres als die politische Neutralität des Landes.
Angestrebt hatte das die Schweizerische Volkspartei (SVP), die das Land so
neutral halten will wie bislang.
Das Neutralitätsgebot hat eine lange Historie. Zu den zählebigsten Mythen
und Legenden der schweizerischen Staatlichkeit gehören die Helvetier – ein
keltischer Stamm, der auf dem heutigen Gebiet der Schweiz siedelte. Über
diese weiß man nur, was Julius Caesar, der römische Statthalter in Gallien,
über seine Kriege mit ihnen in Gallien berichtete. Unter dem Druck des
Einfalls germanischer Stämme beschlossen die Helvetier, ihr unwirtliches
und karges Siedlungsgebiet Richtung Westen zu verlassen, ihre Häuser zu
zerstören und auf die Mitnahme von Lebensmitteln zu verzichten. Römische
Truppen verwehrten ihnen den Durchzug durch das heutige Frankreich.
Obwohl man von den Helvetiern außer archäologischen Zeugnissen wie Münzen,
Waffen, Gräbern nichts Genaues weiß, hielt sich eine dunkle Erinnerung an
sie in der lateinischen Version, der amtlichen Bezeichnung der Schweiz bis
heute: „Confoederatio Helvetica“, abgekürzt mit CH. Das hinderte die
selbsternannten Verwalter des urigen Schweizertums und seiner Mythen in der
Schweizerischen Volkspartei nicht daran, aus dem anderen [1][Mythos der
Schweiz – der Neutralität] – eine Initiative zur Ergänzung des
Neutralitätsartikels in der Bundesverfassung zu destillieren. Just darüber
findet am kommenden Sonntag die Volksabstimmung statt. Die [2][SVP des
Hobbyhistorikers und Milliardärs Christoph Blocher] ist im Parlament zwar
die stärkste Partei und stellt zwei Minister. Aber für die Initiative, die
im populären Strom des Souveränitätswahns des aktuellen europäischen
Nationalismus mitschwimmt, sehen die Aussichten auf eine Mehrheit unter den
Stimmberechtigten und der Kantone nicht rosig aus.
Auch die Geschichte des Neutralitätsbegriffs gibt wenig her. Selbst das
neunbändige Standardwerk des Basler Historikers Edgar Bonjour von 1970
(„Geschichte der schweizerischen Neutralität“) bleibt in dieser Hinsicht
fast stumm. Bonjour erhielt 1962 von der Berner Regierung für seine Studien
einen exklusiven Zugang zu den für Normalbürger gesperrten Akten in den
Bundesarchiven und bedient sich einer Hilfskonstruktion, der
„altschweizerischen“ Neutralität. Denn ein Begriff fehlte bis in die Frühe
Neuzeit. In Verträgen wird „Neutralität“ ersetzt durch „unparteiisches
Verhalten“. Erst im 16. Jahrhundert werden im Französischen durch den
Juristen Jean Bodin und im Italienischen mit dem Philosophen Niccolò
Machiavelli und dem Politiker Giovanni Botero die Begriffe „neutralité“ und
„neutralità“ geläufig.
Georg Kreis, ein Schüler Bonjours, sah bereits in einem Artikel von 1976 in
der damals linksliberalen Nationalzeitung voraus, dass Bonjours Werk keinen
Schlusspunkt setzt, sondern der Auftakt für die komplexe Geschichte der
Schweiz im Zweiten Weltkrieg war. Weil die Schweizer Politik Ende des 20.
Jahrhunderts national und international wegen des Goldhandels der
Nationalbank, des Schicksals nachrichtenloser Vermögen geflohener Juden in
den Tresoren von Schweizer Banken und der inhumanen Flüchtlingspolitik in
der Zeit zwischen 1939 und 1945 immer heftiger ins Gerede und den Strudel
von Gerüchten im Ausland geraten war, berief die Berner Regierung Ende 1996
eine „Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ (UEK)
ein. Diese legte 2002 ihren 550 Seiten starken Abschlussbericht vor.
Dem folgten 25 zum Teil sehr detaillierte Spezialbände international
renommierter Autoren mit Rechtsgutachten und historischen Analysen, womit
die Schweiz erstmals ein Bild ohne nationalistische Girlanden und bigotten
Selbstbetrug vorgehalten bekam. Die Zeit sprach schon bei der Vorlage des
UEK-Abschlussberichts von einem „Sieg des linken Geschichtsbilds“. Und
Jean-François Bergier, dem Präsidenten der UEK, bescheinigte eine Schweizer
Zeitung, er beweise mit seinem Team eine „exemplarische Bereitschaft zum
Umdenken“.
Die am 27. September zur Abstimmung stehende Initiative lehnen die
Regierung und auch die Mehrheit der großen Kammer des Parlaments mit 124
Nein-Stimmen gegen 65 Ja-Stimmen ab. Die Regierung betont in ihrer
Handreichung für die Stimmbürger, dass die Initiative zur Ergänzung der
Neutralitätsnorm nur Forderungen enthalte, die von der gängigen Praxis der
schweizerischen Politik –anders als früher – bereits erfüllt würde. Womit
eine Änderung der Verfassungsnorm obsolet würde.
Die rhetorische Überhöhung der Neutralität durch die SVP als „Schutzschild,
der die Schweiz stark gemacht hat“, entspricht den chauvinistischen Parolen
der Rechten, aber entbehrt jeder historischen Realität und bildet reine
Parteipropaganda.
Auch die SVP-Forderung, die Schweiz dürfe nur eine Rolle als Vermittlerin
in Konflikten zwischen Staaten einnehmen, rennt offene Türen ein. Denn
hinter der Forderung steckt wohl nur [3][das SVP-Motiv, Hilfe für die
angegriffene Ukraine in Zukunft zu unterbinden.] So wie die Partei
Entwicklungshilfe für andere Staaten pauschal für Geldverschwendung hält
und mit manchmal nur notdürftig kaschierten rassistischen Argumenten
bekämpft.
Einzig die Forderung, die Verfassung zu ergänzen und auf die Wahrnehmung
von UNO-Sanktionen zu verpflichten, enthält ein Körnchen Substanz. Denn
bevor die Schweiz 2002 UNO-Mitglied wurde, umging sie das UNO-Verbot, an
das rassistische Apartheid-Regime in Südafrika zu liefern – im Interesse
und auf Druck der heimischen Rüstungsindustrie und der mächtigen
Großbanken-Lobby. Das ist alles längst überholt – nur die in jeder Hinsicht
rückständige SVP hat das noch nicht gemerkt.
25 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Walther
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